[Rezension] „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

Hierbei handelt es sich tatsächlich um mein erstes Buch von Jojo Moyes. Bedauerlicherweise hatte ich sie bisher immer in die Schublade Cecilia Ahern und Nicholas Sparks gesteckt. Nun, ich wurde eines besseren belehrt: Ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen, so schön war „Ein ganzes halbes Jahr“.

Allerdings bin ich im Nachhinein auf viele kontroverse Diskussionen und kritische Stimmen zum Buch gestoßen. Anscheinend wird Moyes dem Thema Tetraplegie nicht gerecht, heißt es, und ihr Roman sei stereotyp, beleidigend und schlecht recherchiert. Das gab mir zu denken, denn ich konnte die Argumente durchaus sehr gut verstehen und nachvollziehen.

Für meine Rezension bedeutet das: Einerseits empfinde ich es als gelungene fiktive Geschichte, andererseits ist mir bewusst, dass sie offenbar in vielerlei Hinsicht der Realität nicht standhalten kann. Da mir jedoch jedwede medizinischen Kenntnisse in diesem Bereich fehlen, muss ich mich aber auf meinen persönlichen Eindruck beschränken und kann mögliche Kritik an den Fakten nicht vornehmen. Es war mir aber wichtig, diese Kritik an dem Buch weiterzugeben, denn sie ist nicht unerheblich und in vielerlei Hinsicht bestimmt auch gerechtfertigt.

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Über „Ein ganzes halbes Jahr“

Louisa Clark weiß, dass nicht viele in ihrer Heimatstadt ihren etwas schrägen Modegeschmack teilen. Sie weiß, dass sie gerne in dem kleinen Café arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt. Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird – und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt.
Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will.
Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird.

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Verlag und Copyright: rowohlt Verlag
Preis:
 9,99 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3499266720

Erschienen: 24.09 2015
Weitere Infos zum Buch

Ich fühlte mich nicht mehr so, als wäre ich ganz allein für einen hilflosen Querschnittsgelähmten verantwortlich. Ich saß einfach da, neben einem besonders sarkastischen Kerl, und unterhielt mich mit ihm. (Seite 126)

Tetraplegie und Suizidhilfe sind selten das Thema in einem Roman. Doch in „Ein ganzes halbes Jahr“ greift Jojo Moyes genau diese beiden Motive auf und erzählt die Geschichte von Tetraplegiker Will, der seinen Lebensmut verloren hat – bis er Lou begegnet, die ihn aufmuntern und unterstützen soll. Da ich selbst kaum weder dieser Form der Querschnittslähmung vertraut bin, noch etwas über die Folgen und Komplikationen weiß, war das allein schon ein sehr interessanter und aufwühlender Aspekt des Buches. Die Autorin geht in die Tiefe und erzählt von den Einschränkungen, den Schmerzen, den Risiken und auch den – im Fall von Will – dadurch hervorgerufenen Depressionen.

Das alles geschieht in sehr ruhigen Tönen und äußerst gefühlvoll, ohne dabei kitschig zu werden. Moyes ist immer mit großem Ernst und Respekt bei ihren Charakteren und deren Gefühlen. Daher konnte ich sofort mit Will mitfühlen und seine Wut, seine Trauer und seinen dringenden Wunsch, Suizid begehen zu wollen, nachempfinden. Außerdem lässt sich Jojo Moyes Zeit mit ihrer Erzählung, und das wird dem fordernden und sicherlich auch strittigen Thema gerecht.

Der Roman hat zwar über 500 Seiten, doch das nahm ich kaum wahr. Die Seiten flogen nur so an mir vorüber. „Ein ganzes halbes Jahr“ ist sowohl traurig und feinfühlig als auch kraftvoll, eindringlich und lebensbejahend. Einziger Kritikpunkt meinerseits ist, dass die Tetraplegie allzu oft als Spannungselement genutzt wird. Die Geschichte entwickelt sich nicht unabhängig davon, stattdessen werden gezielt bestimmte Komplikationen eingestreut, die die Geschichte vorantreiben. Das hätte sicherlich auch ohne funktioniert, denn so wird die Tetraplegie zu sehr Mittel zum Zweck für die Entwicklung der Story und des Charakters von Lou.

Schreibstil

Es gibt normale Zeiten und solche, in denen die Stunden nicht zählen. Dann bleibt die Zeit stehen und entgleitet einem, und das Leben – das richtige Leben – scheint sich von einem zurückgezogen zu haben. (Seite 121)

Erzählt wird aus der Perspektive von Lou, wodurch der Leser ihr natürlich ganz nah ist. Aufgrund von Lou’s Art wird die Geschichte besonders zu Beginn in beschwingtem Ton erzählt, humorvoll und bisweilen auch ein wenig unbedarft. Erst später kommen die ernsten Töne hinzu, wenn Lou’s Verständnis und ihre Gefühle für Will als Freund wachsen.

In der zweiten Hälfte des Buches kommen weitere Erzählperspektiven hinzu: Pfleger Nathan, die Eltern von Will und Lou’s Schwester. Sie bringen andere Denkweisen zum Thema mit ein und lassen „Ein ganzes halbes Jahr“ vielschichtiger werden. Parallel dazu spitzt sich die Situation zu. Es erscheint dadurch, als würde Lou die Kraft für eigene Worte verlieren.

Charaktere

„Ich will einfach noch nicht hineingehen. Ich will einfach hier sitzen und nicht daran denken…“ Er schluckte. […] „Ich will einfach…ein Mann sein, der mit einem Mädchen in einem roten Kleid im Konzert war. Dieser Mann will ich einfach noch ein paar Minuten länger sein.“ (Seite 238)

Lou hat mich anfangs ziemlich aufgeregt. Sie ist mit 26 beziehungsweise 27 Jahren furchtbar naiv, ziellos und unfähig und zweifelt ständig an sich selbst. Wie kann es zum Beispiel sein, dass sich jemand in diesem Alter und im Jahr 2009 in England nicht ansatzweise mit Computern auskennt? Im weiteren Verlauf legte sich diese Naivität und Ziellosigkeit ein wenig, so dass sie ein angenehmerer Charakter wurde.

Will hingegen gefiel mir von Anfang an. Er ist sarkastisch, traurig und wütend da er sich nicht mit seiner Situation abfinden kann. Man spürt seine Zerrissenheit, wenn er mit Lou zusammen ist und glückliche Momente erlebt, diese aber für ihn persönlich immer von seiner Lähmung überschattet werden.

Die Familien von Will und Lou könnten nicht unterschiedlicher sein. Die eine chaotisch, liebevoll und fröhlich, die andere distanziert und jegliche Gefühle unterdrückend. Beide waren gut ausgearbeitet und bildeten einen guten Rahmen um die Protagonisten.

Fazit

Eine sehr emotionale Geschichte, die mich berührt hat, und ein Thema, das einen auch nach dem Lesen nicht mehr loslässt. Eine Leseempfehlung von mir!

Im Kino

Am 23. Juni 2016 kommt die Verfilmung in die deutschen Kinos. Lou wird gespielt von Emilia Clarke, Will wird gespielt von Sam Claflin. Ich werde den Film wohl nicht ansehen, da mir die bisher gesehenen Szenen nicht gefallen haben.

Über Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Der Roman «Ein ganzes halbes Jahr» machte sie international zur Bestsellerautorin. Weitere Nr. 1-Bestseller folgten. Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land in Essex.

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13 Gedanken zu “[Rezension] „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

    • Hallo Ralf,
      danke für deinen Kommentar 🙂 Das stimmt – sowohl Will als auch Lou setzen sich ein Ziel und haben fortan eine Mission. Durch dieses klare Muster war es ziemlich fesselnd. Wie fandest du es? Und was meinst du genau damit, dass die Geschichte aus einer Coaching Ausbildung heraus entstanden sein könnte?
      Liebe Grüße,
      Anna

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      • Hallo Anna, in meinen NLP Ausbildungen ging es immer wieder um Ziele und was einem wichtig ist im Leben, also Werte. Oft hörte ich den Satz, Ziele sind Probleme die auf dem Kopf stehen… In Coaching Ausbildungen geht es auch immer um das Erleben mit allen fünf Sinnen. Im Film konnte Will sich bspw. an Gerüche aus seinem alten Leben erinnern, oder hat sich ganz detailliert in einem früheren Pariser Cafe gesehen. VG Ralf

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  1. Eine wirklich tolle Rezension zum Buch!
    Ich werde mir den Film hoffentlich bald ansehen können! Das Buch fand ich damals richtig gut, aber mit dem neuen Aspekt, denn du hier erwähnst habe ich mich noch nicht befasst… Werde ich mir nochmals durch den Kopf gehen lassen.
    Wünsche dir einen schönen Tag ♥

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  2. Es ist ja die Frage, wieviel medizinische Authentizität tut einem Buch gut. Die Grundidee, die Moyes mit diesem Buch verfolgt, kommt, meiner Meinung nach, gut rüber. Und bei diesem sowie bei anderen Büchern wird es immer solche und solche Stimmen geben. Ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten.

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    • Das stimmt, daher habe ich die Rezension dann auch komplett aus meiner nicht-medizinischen Sicht geschrieben 🙂 Es hat mich nur nach dem Lesen ziemlich erstaunt, wie vollkommen anders (und negativ) Betroffene dieses Buch wahrnehmen. Das habe ich in der Form bei anderen Büchern noch nicht erlebt.

      Liebe Grüße,
      Anna

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      • Dieser Fakt war mir bisher auch noch nicht bekannt. Erst durch deine Rezi habe ich davon erfahren, dass das Buch bei Betroffenen wohl nicht auf ausnahmslose Gegenliebe stößt. Man lernt eben nie aus. 😉

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