[Rezension] „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ von Elizabeth LaBan

Dieses Buch hat einen Titel, der unglaublich poetisch klingt. Findet ihr nicht? Mich hatte er sofort angesprochen. Ich versprach mir ein Jugendbuch voller Geheimnisse und Poesie, voll unerwarteter Zusammenhänge und tiefschürfender Gedanken. „Hör dir meine Geschichte an“ heißt es im Klappentext – das wollte ich nur zu gerne tun. Warum das Buch mich letztendlich aber nicht so recht überzeugen konnte, erfahrt ihr hier.

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Über „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“

Im renommierten Irving-College ist es Tradition, seinem Zimmer-Nachfolger eine Überraschung zu hinterlassen. Duncan findet besprochene CDs seines Vorgängers Tim, die eine traurige Liebesgeschichte offenbaren. Tim, der als Albino meist zum Opfer von Anfeindungen und Mobbing wird, verliebt sich darin in die begehrenswerte Vanessa. Mit ihr fühlt er sich das erste Mal nicht als Außenseiter. Trotzdem fehlt ihm der Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Ein Mangel an Selbstbewusstsein, der zum tragischen Unglück führt. Für Duncan ist Tims Geschichte aber der Anstoß, endlich den entscheidenden Schritt in Richtung Liebe zu tun. Ein mitreißendes Debüt über das Erwachsenwerden, verbotene Liebe und Verlust.

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Verlag und Copyright: Hanser Verlag
Preis:
 16,90 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-25082-6

Erschienen: 01.02 2016
Empfohlen ab: 13 Jahren
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Duncan wusste, was Tim in Gang gesetzt hatte. Warum gab es das nicht, so ein großes rotes Blinklicht, das immer warnend aufleuchtet, wenn man eine schlechte oder sogar, wie in diesem Fall, katastrophale Entscheidung traf? (Seite 153)

Der Begriff „Tragödie“ bildet das Zentrum in dieser Geschichte. Alles, was geschieht, lässt sich auf diesen gemeinsamen Nenner zurückführen. Eine äußerst spannende Idee, die mir sehr gut gefiel. Wir bewegen uns dabei auf zwei Zeit- und Erzählebenen: Tim, der in seinem letzten Schuljahr eine Tragödie erlebt hat, und Duncan, dem rückblickend von diesem Unglück berichtet wird und in dem eigene Erinnerungen daran wachgerüttelt werden. Übergreifend müssen alle Schüler des Irving-Colleges für ihren Abschluss einen Aufsatz über Tragödien schreiben. Diese vielfältigen Verbindungen haben einen Großteil des Reizes ausgemacht.

Im Grunde ist es eine wunderbar schöne und auch traurige Geschichte, aber dennoch konnte mich das Buch nicht glücklich machen. Das lag weitestgehend an den Charakteren und am Schreibstil. Dazu also gleich mehr. Zudem erzählt Tim seinen Teil der Geschichte aus der Erinnerung. Dabei bewerkstelligt er es, sämtliche Dialoge in allen Einzelheiten wiedergeben. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, doch ich störte mich daran, da ich ständig grübelte, ob so etwas zu schaffen sei.

Dennoch habe ich weitergelesen, in der Hoffnung, dass die Auflösung auf wundervolle Weise alle Fäden zusammenbringen würde. Leider wurde ich vom Ende enttäuscht. Das lag maßgeblich daran, dass ich absolut nicht verstehen konnte, weshalb sich Duncan derart viele Gedanken um sein Mitwirken am Unglück gemacht hat. Doch tatsächlich hätte kaum jemand die Tragödie verhindern können. Das war sehr schade, denn eine intensivere Verbindung zwischen Tim und Duncan hätte das Buch in meinen Augen wieder enorm aufgewertet. So blieb ich relativ eindruckslos zurück.

Schreibstil


„[…] Mitleid und Furcht. Charakterschwäche. Eine schicksalhafte Wende, die auf einer falschen Einschätzung beruhen kann, aber nicht muss. Ironie, Katharsis. Monomanie – weißt du, was das ist? (Seite 187)

Erzählt wird aus Sicht von Tim und Duncan. Perspektivwechsel finde ich persönlich immer recht gut, daher habe ich mich mit diesem Aufbau grundsätzlich angefreundet. Beide haben das Unglück miterlebt und wurden in irgendeiner Weise davon berührt. Mit Duncan befinden wir uns in der Gegenwart, das Unglück liegt bereits etwa ein Jahr zurück. Tim erzählt seine Geschichte zeitnah nach dem Unfall. Diese verschiedenen Sichten machten mich neugierig darauf, wie das jeweils Erlebte miteinander zusammenhängen würde.

Allerdings gab es auch hier etwas, das mich mit jedem Kapitel zunehmend störte: Tim erzählt seine Geschichte rückblickend aus der Ich-Perspektive. Wir erleben das Erzählte also direkt mit seinen Augen. Springen wir zu Duncan, wechselt die Perspektive und wir haben es mit einem personalen Erzähler zu tun. Diesen Wechsel habe ich als völlig unpassend empfunden und ich konnte mir einfach nicht erklären, warum das notwendig war. Bei jedem Wechsel stolperte ich darüber und geriet ins Stocken.

Charaktere


In seinem Bericht gebrauchte er all die Wörter, die ihm schon längst durch den Kopf schwirrten: Tragweite, Charakterschwäche, Chaos und Ordnung, Katharsis. (Seite 269)

Gute Charaktere hätten hier entgegenwirken können. Doch Tims Zurückhaltung war mir ein wenig zu anstrengend. Seine Scheu und sein mangelndes Selbstbewusstsein
mögen natürlich daher rühren, dass er schlechte Erfahrungen gemacht hat – in seiner Kindheit gehänselt wurde, oder Ähnliches -, doch leider erfährt man darüber viel zu wenig, um es nachvollziehbar zu machen. Denn schlussendlich wird er am Irving-College von allen akzeptiert und niemand behandelt ihn auffallend anders.

Zudem verhält sich Tim zu oft leichtsinnig und dumm. So muss er zum Beispiel eine Sonnenbrille tragen, um seine Augen vor Erblindung zu schützen. Doch er tut es nicht, um nicht noch mehr aufzufallen. Dabei weiß er, welches Risiko er damit eingeht. Nicht mal, als es zu ersten Ausfallerscheinungen kommt, handelt er verantwortungsbewusster.

Duncan fand ich ganz in Ordnung. Er ist unauffällig, zurückhaltend und vernünftig. Mit ihm konnte ich mich am besten identifizieren. Vanessa aber war mir viel zu blass. Was sie – abgesehen von der eigenwilligen Farbwahl ihrer Anziehsachen vielleicht – so begehrenswert macht, wurde mir nicht klar. Sie macht Tim Hoffnungen, bleibt aber bei Patrick. Sie ist schrecklich unentschlossen und echte Gefühle kamen nicht rüber.

Generell wurde mir zu wenig aus dem Leben von Duncan, Tim und auch Vanessa erzählt. An Informationen erfährt man nur das Nötigste, wodurch mir ein Zugang zu den Charakteren fehlte.

Fazit


Eine Geschichte, die sich viel vorgenommen hat, bei der es aber an der Umsetzung hapert. Blasse und bisweilen nervende Charaktere treffen auf anstrengende Perspektivwechsel. Sehr schade, denn die grundlegende Idee war richtig gut!

Über Elizabeth LaBan

Elizabeth LaBan war schon als Schülerin entschlossen, einen Roman zu schreiben: eine Mischung aus Dreiecks-Liebesbeziehung und klassischer Tragödie. 2013 erschien ihr Jugendbuchdebüt „Tragedy Paper“ in den USA. Vorher arbeitete LaBan für den Nachrichtensender NBC News und schrieb für Zeitschriften und Zeitungen. 2016 erschien die deutsche Übersetzung des Debüts „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ bei Hanser. Elizabeth LaBan lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Philadelphia.

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2 Gedanken zu “[Rezension] „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ von Elizabeth LaBan

  1. Da bin ich baff 😀 Endlich mal wer der meine Meinung teilt! Lese sonst immer nur begeisterte Rezensionen dazu, ich fand es auch nur mittelmäßig. Vanessa mochte ich wirklich gar nicht, und auch die restlichen Charaktere haben mich nicht wirklich umgehauen. Alle blieben eben nur an der Oberfläche. Und das mit dem Ende hab ich genauso empfunden wie du!
    Schön endlich eine Gleichgesinnte zu treffen 😉
    Liebste Grüße,
    Rabea

    Gefällt 1 Person

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