[Rezension] „Sieben Nächte in Tokio“ von Cecilia Vinesse

Dieses Buch hat mich völlig fix und fertig zurückgelassen. Was war ich froh, dass ich es alleine auf dem Sofa eingekuschelt beendet habe – es war bestimmt ein interessanter Anblick, wie ich da mit Buch und Taschentuch in der Hand saß und Seite für Seite fieberhaft und mit Tränen in den Augen durchblätterte. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses Buch eine derart heftige Reaktion auslösen würde, aber es rief sehr viele Erinnerungen an selbst erlebte Abschiede von Städten und Freunden wach.

„Sieben Nächte in Tokio“ ist für mich ein Highlight in diesem Jahr. Ich liebe es. Und ich spiele mit dem Gedanken, mir das Cover als Großdruck an die Wand zu hängen – es ist zu schön, um nur im Regal sein Dasein zu fristen. Ganz herzlich möchte ich mich beim dtv Verlag bedanken, der mir das Lesen ermöglichte. Eine wunderbare Bloggeraktion!

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Über „Sieben Nächte in Tokio“

Eine Woche noch bleibt Sophia in Tokio, der Stadt, in der sie seit vier Jahren lebte. Dann muss sie zurück in die USA ziehen und all das aufgeben, was ihr wichtig ist: das pulsierende Tokio mit seiner Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit, vor allem aber ihre besten Freunde Mika und David. Da kommt Jamie Foster-Collins nach längerer Abwesenheit zurück in die Stadt: Jamie, Sophias heimliche erste Liebe, der ihr damals das Herz gebrochen hat. Auf nichts hat Sophia weniger Lust als darauf, sich den Abschied von Tokio durch Jamies Rückkehr zusätzlich verkomplizieren zu lassen. Doch genau das geschieht: Jamie ist wieder da, und natürlich wirbelt er Sophias ohnehin schon strapaziertes Gefühlsleben noch zusätzlich durcheinander.
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Verlag und Copyright: dtv Verlag
Preis:
 14,95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-76149-9

Erschienen: 26.08 2016
Weitere Infos zum Buch

„Ich will wirklich nicht, dass das aufhört. Ich will wirklich, wirklich nicht, dass sich alles ändert.“ (Seite 56)

Das Zitat oben steht exemplarisch für die Stimmung im gesamten Buch. Dieses beklemmende Gefühl, dass sich etwas massiv und endgültig ändern wird und man nichts dagegen tun kann. Die damit einhergehende Unsicherheit und die Hilflosigkeit, manchmal auch die Verzweiflung, das alles empfindet die Protagonistin Sophia. Und das war es, was mich von Anfang an so für das Buch einnahm, da ich derlei Erfahrungen selbst gemacht habe und sie mich sehr geprägt haben. Zwar kam ich nicht so gut wie erwartet in die Geschichte rein, doch die Gefühle, die mit einem nahenden Umzug einhergehen, waren so gut auf den Punkt gebracht und einfühlsam beschrieben, dass sie den etwas beschwerlichen Einstieg mehr als ausglichen.

Anfangs fühlte ich mich in der Geschichte noch etwas fremd. Das lag an Startschwierigkeiten mit den Charakteren Sophia, Mika und David und an Tokio. Alles ist dort so anders als in Deutschland: das Essen und Trinken – zum Beispiel heißer Kaffee aus der Dose -, die Gepflogenheiten, die Zeitvertreibe. Ich wurde jedoch rasch vertrauter mit den Charakteren und der Stadt und so konnte ich mich schlussendlich sehr gut auf das Buch einlassen. Und spätestens mit der Ankunft von Jamie war ich dann richtig „drin“.

Zudem punktete Cecilia Vinesse mit einem für mich persönlich wunderbaren Serienbezug – Sophia und Mika schauen nämlich am liebsten „Willkommen im Leben“. Eine Serie aus den 90er Jahren, die zufälligerweise eine meiner absoluten Lieblingsserien ist. Vinesse fängt – finde ich – eine ganz ähnliche melancholisch-tragisch-verliebte Stimmung ein. Das gefiel mir sehr gut.

Das ständige Gefühl des Abschiednehmens hat mich sehr berührt. Alles in Tokio wird wie gewohnt weitergehen, nur Sophia selbst verschwindet, als wäre sie nie dagewesen. Wie ein kleiner Tod. Alles wirkt vor diesem Hintergrund sehr fokussiert und intensiv. „Sieben Nächte in Tokio“ zeigt, wie weitreichend sich ein Umzug auf das Leben der jugendlichen Sophia auswirkt, wie schwer es für sie ist – aber auch, wie schwer es für alle ist, die zurückbleiben. Dabei ist diese Coming-of-Age Geschichte zu jeder Zeit sehr realistisch.

Schreibstil


Ich fühlte mich, als schwebte ich, verloren zwischen dieser Sekunde und der nächsten, zwischen all diesen verschiedenen Versionen meiner selbst, die auf dem Globus verstreut waren. (Seite 106)

Der Faktor Zeit ist ständig präsent: genaue Zeitangaben und ein Countdown sind wesentliche Bestandteile der Geschichte. Anstelle von Kapitelüberschriften wird die noch verbleibende Zeit in Tokio aufgezeigt. So wird im Bewusstsein des Lesers verankert, wie schnell Sophia die Zeit durch die Finger rinnt. Die Endgültigkeit gerät nie in Vergessenheit, so wie es auch in Sophias Gedanken der Fall ist.

Was ich stellenweise, vor allem zu Anfang, nicht ganz so gut fand war, dass Sophias Gefühle gegenüber Jamie etwas willkürlich schienen. Die Entwicklung war nicht immer gut hergeleitet. Das lässt sich aber sicherlich auch darauf zurückführen, dass sie sich selbst sehr über ihre Gefühle im unklaren ist.

Charaktere


Es hätte mich davor bewahrt, all diese … Gefühle zu haben, die dazu führten, dass ich am liebsten die ganze Nacht mit ihm unterwegs gewesen wäre. Hier, in dieser Nacht, in der die Zeit den Atem anhielt. (Seite 153)

Endlich mal ein Buch, in dem die Protagonisten nicht in irgendeiner Weise außergewöhnlich sind! Das war eine echte Wohltat. Sophia ist tatsächlich ein ganz normales Mädchen, das weder besonders hübsch, talentiert oder sonstwie auffällig ist. Sie trägt einige Unsicherheiten mit sich, die ich als sehr typisch für ihr Alter empfand. Sie ist eine angenehme Mischung aus verantwortungsbewusst und abenteuerlustig. Ich mochte Sophia sehr gerne.

Für Jamie gilt das gleiche: auch er entspricht nicht dem Bild des so häufig in Jugendbüchern gewählten Bild eines Schönlings. Er ist gutherzig, klug und zurückhaltend. Trotz allem setzt er sich aber auch durch und weiß, was er will. Vor allem aber stimmte die Chemie zwischen Sophia und Jamie. Die anfängliche Scheu, die spätere Anziehungskraft, alles wirkt sehr echt.

Fazit


Eine ganz bezaubernde, süße und traurige Geschichte und eine Liebeserklärung an die Stadt Tokio. Ein wundervolles Buch, dass mich in der Zeit zurückreisen ließ und mich sehr berührt hat. Für mich ein kleines Juwel.

Über Cecilia Vinesse

Cecilia Vinesse ist halb Engländerin, halb Amerikanerin, und wie Sophia besuchte sie die internationale Schule in Tokio. Ihren Uniabschluss machte sie in New York, lebt heute aber in England mit ihrem Freund, einem Mops und einer großen Auswahl an Büchern und Tee.
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15 Gedanken zu “[Rezension] „Sieben Nächte in Tokio“ von Cecilia Vinesse

  1. Pingback: El Tragalibros - der Bücherwurm: Blog über Literatur

  2. Hi Anna

    das Cover des Buchs hat mich neulich schon irgendwie angefixt, nun, nachdem ich deine Rezi las, wandert der Titel auf meine Wunschliste. ;o)

    Ich mag ja emotional packende Storys sehr gern. Erst die Tage habe ich ähnlich wie du auf dem Sofa gesessen und geheult wie ein Schlosshund, weil mich das Ende von „Falsche Schwestern“ so urplötzlich aus den Socken haute. Gar nicht mal so sehr was geschrieben stand, sondern diese Emotionen zwischen den Zeilen. Etwas, was Cat Clarke ja bekanntlich sehr gut drauf hat! ;o)

    Dein Taschentuch spricht also definitiv für „Sieben Nächte in Tokio“.

    Liebe Grüße
    Patricia

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Sieben Nächte in Tokio von Cecilia Vinesse - Kunterbunte Flaschenpost

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