[Rezension] „vergissdeinnicht“ von Cat Clarke

Für diese Buchempfehlung werde ich Nadine von WortKUNSTSalat ewig dankbar sein. Beim Lesen ihrer Rezension war mein Interesse sofort geweckt und ich bestellte mir den Roman von Cat Clarke noch am gleichen Abend. Das Ergebnis: Ich las es in kürzester Zeit – die letzten Seiten auf dem Weg zur Arbeit, so dass ich meine Haltestelle verpasste und mich anschließend im Lesen und Laufen gleichzeitig übte. (Keine gute Idee.) Es war einfach unmöglich aufzuhören, ehe ich nicht am Ende angelangt war.

clarke_vergissdeinnicht

Über „vergissdeinnicht“

Ein weißer Raum. Und nichts darin als ein Tisch, Stapel von Papier und Stifte.
Und Grace. Sie weiß nicht, wie sie in diesen Raum gekommen ist, sie weiß nicht, warum sie dort ist. Und wie sie jemals wieder aus dem endlosen Weiß entfliehen kann. Um nicht verrückt zu werden, beginnt sie, ihre Gedanken niederzuschreiben.
Ganz allmählich setzt sich dabei das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen – und Grace spürt: Um sich befreien zu können, muss sie die ganze Wahrheit über sich selbst herausfinden…
Verlag: Bastei Lübbe
Preis:
 ab 0,30 Euro (bei Amazon)
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3785760611

Erschienen: 16.03 2012
Zur Verlagswebseite

Ich traf Ethan in der Nacht, in der ich mich umbringen wollte. (Seite 7)

Was die Geschichte von Grace besonders auszeichnet, sind die wilden Spekulationen, die man als Leser anstellen kann. Wo ist Grace? Was ist mit ihr geschehen? Diese Fragen lassen auch ihr selbst keine Ruhe, doch der einzige Mensch, dem sie in diesem weißen Raum begegnet, ist Ethan – und er hütet Informationen wie seinen Augapfel. Die Stimmung in diesen Szenen ist seltsam losgelöst von Zeit und Raum. Es ist, als schwebten Grace und Ethan in einem Vakuum. Und auch wenn Grace anfangs verzweifelte Momente erlebt, bleibt sie doch insgesamt erstaunlich gefasst. Insbesondere die Eindrücke aus dem weißen Raum regten meine Fantasie so sehr an, wie es lange kein Buch mehr geschafft hat.

Um etwas zu tun zu haben, beginnt Grace also aufzuschreiben, an was sie sich erinnert. So erfährt der Leser in Rückblenden aus ihrem Leben. Von ihrer Mutter, die sich nicht um Grace kümmert, von ihrem früh verstorbenen Vater, ihrer besten Freundin Sal und von Nat, ihrem Freund. Auf den ersten Blick wirkt Grace glücklich und lebensfroh, doch die Zweifel an sich selbst und ihren Freunden verdichten sich immer mehr und ihr Verhalten zeigt zunehmend, dass sie etwas sehr belastet.

In der Art, wie Cat Clarke die Geschichte erzählt, spürt man die Scheu von Grace, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Sie kratzt lieber nur an der Oberfläche, anstatt ihnen ins Gesicht zu sehen. Doch man ahnt auch schon früh, dass eine Konfrontation notwendig sein wird. So zieht Clarke die Stricke im Verlauf des Buches immer enger, bis die Beklemmung nur noch schwer auszuhalten ist. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ich ab dem letzten Drittel recht konkrete Vermutungen hatte, die sich dann auch bewahrheiteten. Es geht schlussendlich nicht so sehr um die Auflösung, als vielmehr um den Weg von Grace zu einer Erkenntnis. Das war – wie ich fand – ungeheuer faszinierend aufgebaut.

Schreibstil


Ich verliere den Verstand. Das ist die einzige Erklärung. Ich denke mal, der Verstand kann nur eine gewisse Belastung ertragen, bevor er zusammenbricht. Die Puzzleteile fallen auseinander. (Seite 149)

Erzählerisch bewegen wir uns auf zwei Ebenen – im weißen Raum und innerhalb von Rückblenden. Das schlägt sich jedoch nicht so sehr im Schreibstil wieder, da wir stets Gedanken und Erinnerungen aus Graces‘ Mund hören. Ihre Sprache ist grob, ihre Gedanken sind düster und ehe sie an etwas Ernstes denkt, verdrängt sie dies mit einem lockeren Spruch. Meist war es mir zu viel, doch es passt einfach zu dem kantigen Charakter dieser Protagonistin.

Charaktere


Solange Leute um mich herum sind, kann ich so tun, als wäre alles okay. Aber ich brauche ein Publikum, dem ich etwas vorspielen kann. (Seite 166)

Grace ist nicht nett und auch nicht angenehm. Sie ist zwar schlau in der Schule, aber nicht gut im Umgang mit anderen Menschen. Sie ist voller Ecken und Kanten. Zudem ist sie schrecklich naiv und verantwortungslos, was ihre Art mit Problemen umzugehen betrifft Statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ertränkt sie sie in Alkohol und erstickt sie durch Sex mit beliebigen Typen. Sie behandelt ihren Körper schlecht, da sie permanent mit der Angst lebt, verlassen und nicht mehr geliebt zu werden. Sie ist ein sehr anstrengender Charakter, der es einem nicht leicht macht.

Dennoch konnte ich sie zu jeder Zeit verstehen. Sie ist ein einsamer Mensch, auch wenn sie ihr Bestes tut, dies vor anderen und vor allem vor sich selbst zu verleugnen. Ihre Mutter ist so gut wie nie da und zeigt auch sonst keinerlei Interesse an ihrer Tochter. Der Charakter bleibt blass.

Sal und Nat hingegen sind viel detaillierter ausgearbeitet. Zusammen bilden sie das Dreieck, um das sich alles dreht. Beide sind ebenso wie Grace nicht durchweg angenehm. Sie haben ihre eigenen Motive für ihr Verhalten, sie sind kein Traumprinz und keine zur Rettung eilende Freundin. Tatsächlich gab es für mich nur einen Charakter, den ich absolut nett fand. Um nicht aus Versehen zu viel zu verraten, sage ich aber nicht wer es war.

Fazit


Eine Geschichte, die einen vollkommen in seinen Bann zieht. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Familie – nicht leicht verdaulich und ganz und gar ungewöhnlich. Ein absoluter Lesetipp!

Über Cat Clarke

Cat Clarke wurde 1978 in Sambia geboren und wuchs in Edinburgh und Yorkshire auf. Nach dem Studium arbeitete sie in London für einen Kinderbuchverlag und schrieb selbst Sachbücher für Kinder. Inzwischen lebt sie wieder in ihrer alten Heimat Edinburgh, wo sie sich neben ihrem Hund und ihren beiden Katzen auch um ihre selbst gegründete Literaturagentur für junge Autoren kümmert. Ihr Debütroman vergissdeinnicht wurde in Großbritannien begeistert von der Presse aufgenommen und sofort zu einem großen Erfolg.
www.catclarke.com
Rezensionen anderer Blogger

Advertisements

8 Gedanken zu “[Rezension] „vergissdeinnicht“ von Cat Clarke

  1. Pingback: [Montagsfrage #45] Welches Buch hast du zuletzt auf Blogger-Empfehlung gelesen? | Buchstabenträumerei

  2. Pingback: [Montagsfrage #43] Was macht ein Lese-Highlight aus? | Buchstabenträumerei

    • Liebe Patricia,
      die Idee hatte ich irgendwann mal von einem Besuch auf einem Blog mitgenommen 🙂 Ich finde es immer toll, verschiedene Meinungen zu einem Buch zu lesen – und ganz nebenbei stärkt man andere Blogger und das Netzwerk. Daher: sehr, sehr gerne geschehen!
      Viele liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: REZENSION: vergissdeinnicht ~ Cat Clarke | FiktiveWelten

  4. Pingback: [Buch-Rezension] „Vergiss dein nicht“ von Cat Clarke - WortKunstSalat

  5. Wow Anna…Was für eine tolle Rezension 👍
    Es macht richtig Freude, sie zu lesen 😊
    Ich danke dir für die Verlinkung und freue mich gerade richtig dolle, dass es dir sooo gut gefallen hat.
    Wenn ich morgen wieder am PC sitze, verlinke ich deine Rezension auch noch bei mir 😉
    Wünsche dir einen ganz tollen Abend 😘
    Liebe Grüße
    Nadine

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s