[Rezension] „Die längste Nacht“ von Isabel Abedi

Mit „Die längste Nacht“ von Isabel Abedi habe ich schon lange geliebäugelt. Ich hatte es bereits bei den Neuerscheinungen im März als Buchtipp genannt und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Seit einem Monat nun ist es in meinem Besitz und gestern habe ich es fieberhaft in der Bahn zu Ende gelesen.

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Über „Die längste Nacht“

Es sind nur ein paar Sätze in einem noch unveröffentlichten Manuskript, das Vita im Arbeitszimmer ihres Vaters findet – aber etwas an ihnen verzaubert und verstört die Siebzehnjährige gleichzeitig. Wenig später bricht sie mit ihren Freunden zu einer Fahrt quer durch Europa auf und stößt in Italien durch Zufall auf den Schauplatz des Manuskripts: Viagello, ein malerisches kleines Dorf. Der Ort strahlt für Vita eine merkwürdige Anziehungskraft aus, die noch stärker wird, als ihr der Seiltänzer Luca buchstäblich vor die Füße fällt. Auf den ersten Blick ist Luca für Vita etwas Besonderes, doch etwas an ihm und seiner Familie kann sie nicht fassen. Noch ahnt sie nicht, dass er sie auf eine Reise tief in ihre Erinnerungen führen wird, an deren Ende etwas steht, was einst in Viagello geschah – in jener längsten Nacht …

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Verlag und Copyright: Arena Verlag
Preis:
 19,99 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-401-06189-4

Erschienen: 10.03.2016
Altersempfehlung: ab 14 Jahre
Zur Verlagswebseite

Nächte haben ihre eigenen Gesetze und eines von ihnen ist, dass sie Dinge größer erscheinen lassen, als sie einem bei Tageslicht besehen vorkommen. (Seite 20)

Die Story zeichnet sich besonders durch ihre ganz besondere und dichte Atmosphäre aus. Anfangs noch weniger wahrnehmbar, doch später mit jeder Seite mehr. In der Geschichte begegnen wir Vita und begleiten sie mit ihren Freunden Trixie und Danilo auf ihrer Reise durch Europa. Eine der ersten Stationen ist Italien. Und ab der Ankunft in diesem vor Hitze flimmernden Land war ich vollkommen gefesselt.

Isabel Abedi beschreibt die Landschaft auf eine einzigartige Weise, sie wirkt wie zum greifen nah. Ich fasste sogar den Entschluss, nächstes Jahr im Sommer nach Italien zu fahren, um dieses Land einmal mit eigenen Augen zu sehen, so sehr hat mich die Welt, die vor meinem inneren Auge entstand, beeindruckt. Weiterhin ist die Story um Viagello, Vita, ihre Familie und Luca spannungsreich aufgebaut. Die Geschichte lebt von Andeutungen, Sinnestäuschungen und unzusammenhängenden Erinnerungen, die einen immer einen Schritt weiter bringen, aber nie das ganze Rätsel um besagte längste Nacht lösen.

Vergangenheit und Gegenwart überschneiden sich in diesem kleinen Dorf, es scheint beinahe, als würden die Grenzen verschwimmen. Man kann sich bei der Lektüre ganz hervorragend treiben lassen und einfach uneingeschränkt genießen. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das so stimmungsvoll ist, geradezu magisch und berauschend.

Schreibstil


Die Landschaft war voller Licht, das jetzt samtig und golden war, und die Farbe in allem intensivierte, als ob die Natur von innen heraus zu leuchten schien. (Seite 148)

Isabel Abedi ist für mich eine absolute Neuentdeckung (ja, ich kannte bisher kein Buch von ihr) und das begründet sich maßgeblich auf ihrem Schreibstil. Allein mit der Wahl ihrer Worte erzeugt sie eine eindringliche Atmosphäre. Mal stickig, schwül und beklemmend, dann wieder freudig übersprudelnd. Eine große Rolle spielt dabei stets die Beschreibung von Natur und Landschaft: Aus ihrer Feder ist Italien nicht nur irgendein Schauplatz einer Geschichte, sondern ein lebendiger, sehr plastischer und atmender Teil dieser Geschichte. Als Leser war ich in Viagello und spürte die Hitze, ich hörte die zirpenden Grillen und ich konnte förmlich den Duft des italienischen Essens riechen. Eine insgesamt sehr sinnliche Leseerfahrung.

Ich hatte außerdem das Gefühl, dass Abedi die Natur ganz bewusst dazu einsetzt, die Emotionen der Charaktere darin zu spiegeln. So findet das Zusammentreffen von Vita und Luca sowie seiner Familie bei schwirrender Sommerhitze statt. Sobald jedoch Vitas Verwirrung angesichts ihrer Entdeckungen zunimmt, erleben wir eine neblige Kühle. Es war ungeheuer faszinierend, mit welchem Geschick die Autorin hier vorgegangen ist. Teilweise erinnerte diese Art des Erzählens an den Film „Die Katze auf dem heißen Blechdach“. Darin  verändert sich das Wetter ebenfalls parallel zu der sich zuspitzenden Lage – von einem drückenden Tag zu einer stürmischen Nacht.

Charaktere


Es war eine Lüge. Ich war nicht okay. Mein Herz. Es klopfte. Klopfte wie das Messer, das Bruno an sein Glas geschlagen hatte, gläsern und hohl in meiner Brust. (Seite 211)

Die einzelnen Charaktere stehen in „Die längste Nacht“ gar nicht so sehr im Vordergrund. Normalerweise merke ich es immer als nachteilig an, wenn ich keinen Bezug zu den Charakteren habe, oder sie mir zu blass erscheinen. Hier war es anders. Zwar hatte ich nicht das Gefühl, Vita, Luca sowie den Freunden und der Familie besonders nahe zu kommen. Doch interessant war im Grunde auch vielmehr das, was die Charaktere miteinander verbindet. Diese unsichtbaren Fäden, die zwischen allen Charakteren gespannt sind und aus Emotionen, Erwartungen, zerstörten Hoffnungen, Eifersucht und Liebe bestehen. Es ist ein zerbrechliches Gefüge und gleichzeitig ganz stark zu spüren.

Fazit


„Die längste Nacht“ ist viel mehr als ein einfaches Jugendbuch. Es behandelt eine komplexe Familiengeschichte in einem faszinierenden Land und ist auf so vielen Ebenen so gut, dass ich nur jedem empfehlen kann, es auch zu lesen.

Über Isabel Abedi


Isabel Abedi, 1967 geboren, arbeitete 13 Jahre lang als Werbetexterin. Abends, am eigenen Schreibtisch, schrieb sie Kinder- und Bilderbuchgeschichten und träumte davon, eines Tages davon leben zu können. Dieser Traum hat sich längst erfüllt: Isabel Abedi hat inzwischen zahlreiche sehr erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, von denen manche bereits ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. „Die längste Nacht“ ist Isabel Abedis fünfter Jugendroman.

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5 Gedanken zu “[Rezension] „Die längste Nacht“ von Isabel Abedi

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