[Rezension] „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild

Zugegeben, ich habe lange an diesem Buch zu knabbern gehabt. Mehr als eine Woche las ich, bis ich am Ende der 508 Seiten angelangt war. Ob es sich gelohnt hat? Ja! Es war eine ganz wunderbare Reise, bei der ich durch die Kunstwelt streifen durfte, deutsche Geschichte nacherlebte, durch die Straßen Londons lief und Kunst-vernarrten Menschen begegnete. Ich möchte mich ganz herzlich beim Bloggerportal und beim DVA Verlag dafür bedanken, dass ich dieses Buch lesen durfte.

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Über „Die Launenhaftigkeit der Liebe“

Annie McDee ist nach London gezogen, um nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund einen Neuanfang zu wagen. Eines Tages kauft die junge Köchin in einem Trödelladen ein verstaubtes kleines Gemälde, nicht ahnend, dass dieses Bild nur wenige Monate später die internationale Kunstwelt in helle Aufregung versetzen wird. Schwerreiche russische Oligarchen, Staatspräsidenten, die Gattin eines Ölscheichs und ein Gangster-Rapper werden vor dem altehrwürdigen Auktionshaus Monachorum & Sons Schlange stehen, um den »Verkauf des Jahrhunderts« für sich zu entscheiden. Doch auch Annies Leben wird durch ihren Zufallsfund auf den Kopf gestellt. Denn unversehens gerät sie ins Zentrum der dunklen Machenschaften skrupelloser Kunsthändler, die zu allem bereit sind, damit ein gut gehütetes Familiengeheimnis nicht ans Tageslicht kommt …

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Verlag und Copyright: DVA Verlag
Preis: 21,99 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-421-04713-7
Erschienen: 12.09 2016
Zur Verlagswebseite

Ich heiße und verkörpere Die Launenhaftigkeit der Liebe. Ich wurde gemalt, um l’amour  zu feiern, die wilden Kaskaden der Liebe, die ausgelassene, ungezähmte, verheerende und umgestaltende Leidenschaft, die unweigerlich der elenden, erdrückenden und maßlosen Enttäuschung den Weg ebnet. (Seite 291)

„Die Launenhaftigkeit der Liebe“ habe ich vergleichsweise langsam gelesen. Zu Beginn war es unvermeidbar, weil die Komplexität es erforderlich machte. Später ließ ich mir aus purem Genuss und aus Freude an der Geschichte Zeit. Ganz so, wie man sich die Zeit nimmt, im Museum ein Bild zu betrachten, um es ganz in sich aufzunehmen.

Der Roman beginnt mit dem Höhepunkt, dem Verkauf des Bildes, wendet sich dann jedoch der Vergangenheit zu, um die ganze Tragweite dieser Auktion auszuleuchten. Auf den ersten Seiten fühlte ich mich in ein hochkriminelles Milieu hineinversetzt. Die Charaktere sind skrupellos und unendlich reich und verfolgen alle eine eigene Agenda mit dem Kaufwunsch des Bildes. Im Buch wird die Stimmung wie folgt beschrieben: „gigantische Egos und alte Fehden“ (Seite 22) treffen aufeinander. Dem entgegengesetzt hat Autorin Hannah Rothschild die Protagonistin Annie, die erst vollkommen abseits  dieser kunstbegeisterten, machthungrigen Welt lebt. Doch durch den zufälligen Erwerb des Bildes wird sie unversehens immer tiefer in sie hineingezogen.

Was die Geschichte für mich so reizvoll machte sind die vielen Charaktere, deren Wege sich innerhalb der Kunstszene stets aufs Neue kreuzen. Es bildet sich ein regelrechtes Netz aus Überschneidungen und zufälligen Begegnungen. Was anfangs noch sehr komplex war, wird immer faszinierender. Rothschild hat die Handlungen ihrer Charaktere intelligent und clever choreografiert.

Äußerst gelungen fand ich außerdem, wie aus einer „kleinen“ Geschichte rund um das Leben der unscheinbaren Annie eine so gewaltige, Jahrzehnte und Jahrhunderte umfassende Erzählung werden kann. Der Zweite Weltkrieg, Antisemitismus, das 17. Jahrhundert, Russen im Exil – dies und noch viel mehr bildet die Substanz der Erzählung. Mit Annie und dem Bild treffen darüber hinaus zwei Kunstformen zusammen: das Malen und das Kochen. Dieses Nebeneinander rundet „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ wunderbar ab, denn beide Kunstformen können über Sinneserfahrungen – Geschmack und visuelle Wahrnehmung – Emotionen hervorrufen.

Schreibstil


Ich bin das Gefäß, in das die Agonie und Ekstase der ersten Liebe gegossen wurden. Dringlichkeit und Zauber, Erregung und Leidenschaft und Schrecken schossen ihm aus seinem Herzen direkt in seinen Pinsel. (Seite 224)

Die Autorin erzählt ihre Geschichte mit einer absoluten Ruhe. Muße kann man schon fast sagen. Das ließ mich paradoxerweise erst unruhig werden, sobald ich mich jedoch auf das Tempo einließ, war alles wunderbar. Wer Action und unmittelbare Spannung sucht, wird hier nicht fündig.

Wir haben es mit einem auktorialen Erzähler zu tun, so dass der Leser stets allwissend ist und den Überblick behält. Gut so, angesichts der Komplexität. Eine Besonderheit ist, dass das Bild aus der Ich-Perspektive erzählt. Das korrespondiert sehr schön mit der Bedeutung, die dem Bild in diesem Roman beigemessen wird. Dadurch wird diese Stimme prägnanter und einzigartiger. Herrlich! Das Bild ist das Zentrum der Geschichte, der Auslöser von allem, daher muss es auch einfach eine eigene Stimme bekommen. Und diese Stimme hat es in sich: Sie ist ironisch bis zum Abwinken und bisweilen herzhaft sarkastisch, überheblich und verwöhnt. Sie brachte mich sehr zum lachen.

Charaktere


Mein Kummer ist wie eine schwere Decke, mal hängt er mir an den Fingern, den Ohrläppchen und Wimpern; er kann auch wie ein Felsbrocken sein oder wie ein Koffer, den ich irgendwie bewegen muss. (Seite 49)

Der Geschichte wohnen eine Masse an Charakteren inne, so dass ich gar nicht auf jeden Einzelnen eingehen kann und möchte. Sie sind aber alle eine Bereicherung: Es gibt den extrovertierten Exoten und verzweifelten Exilanten, geldgierige Großunternehmer, Kunstliebhaber und Kunstexperten. Annie ist die Protagonistin und die Einzige, die eher ziel- und orientierungslos durch ihr Leben stolpert. Das ergibt zwei spannende Pole in der Geschichte: Annie ist eher passiv, während alle anderen aktiv sind. Sie gerät zufällig in das denkbar größte Abenteuer, alle anderen ziehen bewusst die Fäden.

Vom Freund verlassen beginnt sie ihr Leben mit Mitte Dreißig neu. Sie befindet sich also in einer interessanten Phase ihres Lebens. Die Entwicklung ihres Charakters hat mir ausnehmend gut gefallen, da sie zu jeder Zeit nachvollziehbar und menschlich ist. Ein Charakterzug, der manch anderen Charakteren abhanden gekommen ist.

Fazit


„Die Launenhaftigkeit der Liebe“ hat mich zu Beginn eher zögerlich, dann auf einen Schlag und komplett überzeugt. Eine Geschichte, die nicht nur einen Fokus hat, sondern die unterschiedlichsten Zeiten und Erfahrungen zu einem harmonischen Ganzen zusammenführt. Eine großartige Leistung und sehr gute Unterhaltung. Spannend, nachdenklich stimmend, anregend und humorvoll.

Über Hannah Rothschild


Hannah Rothschild, 1962 geboren, entstammt der berühmten Bankiersfamilie und arbeitet als Autorin und Filmregisseurin. Sie schreibt u.a. für Vanity Fair, The New York Times, Harper’s Bazaar und Vogue. Der Kunstbetrieb, in dem ihr Romanerstling spielt, ist ihr aufs Beste vertraut, da sie sich seit vielen Jahren in den Kuratorien renommierter Museen wie z. B. der Tate Gallery engagiert. Seit 2015 steht sie als erste Frau dem Board der National Gallery vor. Bisher liegt auf Deutsch nur ihre Biografie über ihre Großtante Nica Rothschild vor, „Die Jazz-Baroness“ (2013). „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ war nominiert für den Baileys Women’s Prize for Fiction und wurde mit dem Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction ausgezeichnet. Das Buch erscheint in rund zehn Ländern und hat in der englischsprachigen Welt Leser wie Kritiker begeistert.

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