[Rezension] „Dornenkuss“ – Band 3 der Trilogie von Bettina Belitz

Vor einigen Jahren habe ich mal in Bayern in einem Hotel übernachtet. Es war ein altes, uriges Haus und die Zimmer waren entsprechend altmodisch eingerichtet. Ein Schaukelstuhl, rustikale Holzmöbel, ein deckenhoher Spiegel. Mein Zimmer lag direkt unter dem Dach und ich erinnere mich noch sehr genau an die widersprüchlichen Gefühle, die ich dort empfand. Einerseits fühlte ich mich geborgen, andererseits wirkte alles geradezu unheimlich auf mich. Was das mit „Dornenkuss“ von Bettina Belitz zu tun hat? Eben jene Stimmung, diese ganz eigentümliche Mischung, überfiel mich beim Lesen dieses letzten Bandes ihrer Trilogie. Ob mir das Buch gefallen hat, erfahrt ihr in meiner Rezension.

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Über „Dornenkuss“

Elisabeth Sturm hat am eigenen Leib erfahren, welche Gier, welche zerstörerische Kraft und welches Grauen in der Welt der Mahre lauern – und doch hält sie an ihrer Liebe zu Colin fest. Erschöpft und bis ins Mark verletzt, fürchtet und ersehnt sie den Tag, an dem er zurückkehrt und sie sich auf die Jagd nach Tessa machen, der uralten Mahrin, die ihr Glück bedroht.
In Italien hoffen sie, Tessa auf die Spur zu kommen und Hinweise auf Ellies verschollenen Vater zu erhalten. Fast gegen ihren Willen findet Ellie in der Hitze, dem Meer und der Kargheit des Landes die Ruhe, nach der sie sich seit Monaten sehnt, und dankbar gibt sie sich diesem neuen, freien Leben hin. Als von unerwarteter Seite ein Verbündeter auftaucht, scheinen die Antworten auf Ellies Fragen plötzlich greifbar. Aber je tiefer sie in das Geheimnis der Mahre eindringt, desto größer werden Ellies Zweifel: Ist selbst ihre Liebe nicht stark genug, um gegen Colins Hunger zu bestehen?

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Verlag und Copyright: script5
Preis:
 19,95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8390-0123-3

Erschienen: 01.11.2011
Zur Verlagswebseite

„Ich setzte mich auf die Terrasse, vor mir ein Glas Rotwein, die nackten Beine auf die Brüstung gelegt, und fühlte, wie ich langsam losließ. Es war alles möglich.“ (Seite 511)

Was für eine Reise! In Band 1 (Rezension zu „Splitterherz“), lernte ich den Westerwald in seiner wilden und abgeschiedenen Schönheit kennen. In Band 2 (Rezension zu „Scherbenmond“) reiste ich in eine meiner Lieblingsstädte, Hamburg. Und nun, im finalen Band, ging es nach Italien. Und als wäre ich tatsächlich dort gewesen und hätte alles hautnah miterlebt, fühle ich mich nach diesen über 800 Seiten etwas erschöpft. Sowohl geistig, als auch emotional, denn in „Dornenkuss“ führt die Autorin Bettina Belitz alle Fäden zusammen und treibt ihre Charaktere ein letztes Mal an ihre Grenzen. Puh.

Am meisten hat mich dabei überrascht, dass die Geschichte eine komplett neue Wendung nimmt. Ich dachte, ich wüsste, was Ellie, Tillmann, Colin und Co. erwartet und worauf alles hinausläuft – doch Pustekuchen. Das vermeintliche Ziel war nur ein Zwischenstopp, bevor es so richtig losging. Inhaltlich entwickelt sich „Dornenkuss“ enorm weiter, greift dabei jedoch auch immer wieder auf Elemente aus den ersten beiden Bänden zurück, so dass sich ein schlüssiges Ganzes daraus ergibt. Mir wurde beim Lesen von Band 3 erst so richtig bewusst, wie komplex und originell diese Trilogie tatsächlich ist. Alles ergibt plötzlich einen Sinn.

Darüber hinaus ist es diese spezielle Stimmung, die mich sehr gefangen nahm. Wie bereits angesprochen, fühlte ich mich hin- und hergerissen. Wie die Protagonistin Ellie genoss ich die Hitze in Italien, das Meer und das Essen. Doch über allem schwebte stets etwas Unheilvolles, es war wie der Moment, bevor ein Gewitter hereinbricht: atmosphärisch, energiegeladen, beklemmend, schwül, erdrückend. Teilweise jagten mir regelrecht Schauer über den Rücken.

Ich kann mir vorstellen, dass man der Typ für diese Art Story sein muss. Nicht jedem gefällt die Protagonistin, nicht jedem gefällt die Stimmung. Auch die beachtliche Länge von Band 3 kann zu schaffen machen. Mich aber konnte Bettina Belitz vollkommen überzeugen, vor allem auch das Ende war für meinen Geschmack genau richtig.

Charaktere

„Oh, wie oft schon hatte mich das zum Weinen gebracht – dieses lähmende, erdrückende Gefühl, nicht zu genügen, den anderen nicht fröhlich und witzig und stark und oberflächlich genug zu sein. Sondern stets zu kompliziert und sensibel und schwierig.“ (Seite 155)


Da die Protagonistin Ellie ein hochsensibler Mensch ist, und nicht nur ihre eigenen Gefühle und die anderer Menschen, sondern auch Sinneseindrücke wie Geräusche und Gerüche, intensiv wahrnimmt, kann das für den Leser anstrengend sein. Auch ich fand ihre Reaktionen bisweilen übertrieben und geradezu verstörend. Sie dramatisiert und ist, um es kurz zu sagen, ein nervliches Wrack. Das bleibt über weite Teile des Buches so, klare und ruhige Momente gibt es wenige. Nichtsdestotrotz mochte ich Ellie und ich konnte sie auch gut verstehen und ihre Handlungen nachvollziehen. Sie leidet selbst unter ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, versucht sich im Griff zu haben und sehnt sich danach, sich freier und sorgloser zu fühlen. Bettina Belitz hat das meiner Meinung nach feinfühlig zum Ausdruck gebracht und hervorragend in den Plot der Geschichte eingebaut.

Colin tritt ein wenig in den Hintergrund in diesem Teil. Leider! Ich muss sagen, ich habe ihn vermisst. Er taucht zwar immer wieder auf, spielt aber keine wirklich gewichtige Rolle. Der Fokus liegt auf Ellie und dem neuen Verbündeten. Daher sehe ich bei Colin auch keine Entwicklung, seine Wünsche und Forderungen bleiben die gleichen.

Tillmann hingegen nimmt mehr Raum ein. Ihn fand ich von Anfang an spannend und ich war froh, dass er weiterhin dabei ist und auch ein wichtiger Part im Leben von Ellie ist. Darüber hinaus entwickelt er sich als eigenständiger Charakter weiter und erlebt seine persönlichen Dramen, die ihn zeichnen. Überhaupt versteht es Belitz gut, ihre Charaktere voneinander abzugrenzen und ihnen ein eigenes Gesicht zu geben. Ich habe ein klares Bild von allen, auch von Gianna und Paul, vor Augen.

Schreibstil

„Mit klebrigen Fingern wirbelte ich Klamotten aus dem Schrank, restlos überfordert damit zu entscheiden, was ich für einen Mordurlaub in Italien brauchen würde.“ (Seite 119)


Was soll ich sagen – der Schreibstil ist einzigartig, finde ich. Bettina Belitz  verliert sich in Beschreibungen der Natur, der Atmosphäre, der Charaktere und ihrer Verfassung ohne zu langweilen. Sie übertritt außerdem nicht wahrnehmbar die Grenzen zwischen Realität und Einbildung. Da die Geschichte aus Sicht von Ellie erzählt wird, ist diese Herangehensweise plausibel, denn der Leser ist gefangen in ihrer Wahrnehmung und erlebt ihre Verwirrung unmittelbar mit. Trotz allem verzichtet Bettina Belitz aber nicht auf den wunderbar ironischen und schlagfertigen Humor, der sich bereits in den Vorgängern gezeigt hat.

Fazit


Über Band 2 hatte ich gesagt, dass er Band 1 übertroffen hat. Das kann ich hier nur wiederholen, Bettina Belitz ist für mich eine der stärksten Erzählerinnen in Deutschland. „Dornenkuss“ bietet eine enorme Palette an Unterhaltung, von Mystery und Horror bis hin zu Freundschaft und Liebe. Allerdings ist Band 3 noch düsterer und nervenaufreibender, und so nicht jedermanns Sache.

♥ ♥ ♥ ♥ 

Die Splitterherz-Reihe


Über Bettina Belitz


Bettina Belitz, geboren 1973 in Heidelberg, verliebte sich schon früh in die Magie der Buchstaben. Lesen allein genügte ihr bald nicht mehr – nein, es mussten eigene Geschichten aufs Papier fließen. Nach dem Studium arbeitete Bettina Belitz als Journalistin, bis sie ihre Leidenschaft aus Jugendtagen zum Beruf machte. Heute lebt sie umgeben von Pferden, Schafen, Katzen und Hühnern in einem 400-Seelen-Dorf im Westerwald und lässt sich von der Natur und dem Wetter zu ihren Romanen inspirieren.

Rezensionen anderer Blogger


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17 Gedanken zu “[Rezension] „Dornenkuss“ – Band 3 der Trilogie von Bettina Belitz

    • Liebe Lisa,
      vielen Dank ❤
      Manchmal ist das einfach so, ich kenne das auch. Sobald ich zum Beispiel eine Reihe zu lange liegen lasse, desto weniger habe ich den Drang sie weiterzulesen. Daher warte ich immer gerne ab, bis mehrere Teile einer Reihe erschienen sind (bei Harry Potter war diese Strategie hervorragend – ich hätte nie so lange auf die Fortsetzungen warten können :D).
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt mir

  1. Super tolle Rezi.
    Und noch toller mal eine Buchbloggerin in meinem Alter zu finden. Habe dich direkt mal abonniert. Vielleicht magst du ja auch mal bei mir vorbei kommen. Aber ich bin noch Frischling.

    LG
    Iris

    Gefällt mir

  2. Hallo Anna,
    ich mag Bettina Belitz ja auch sehr gerne, aber ausgerechnet „Dornenkuss“ hat mir nicht so gefallen. Mir war Ellie einfach zu nervig, Colin zu abwesend und abweisend, und von der großen Liebe, die in den ersten beiden Bänden zu spüren war, war irgendwie nicht mehr viel übrig. Das fand ich sehr schade. Aber der Schreibstil ist wirklich klasse! 🙂
    LG Lilli

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Lilli,
      ich kann sehr gut nachvollziehen was du meinst! Ellie ist extrem und Colin ist auch mir etwas zu passiv gewesen. Er stand am Rande des Geschehens und griff selten ein. Das störte mich auch, doch es passte zur Entwicklung der Story – und die Handbuch sehr faszinierend 😊
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo liebe Anna,

    wow eine sehr aussagekräftige und toll formulierte Rezi! ❤ Klingt nach der perfekten Reihe für mich und jetzt hab ich direkt Lust, mit dem Lesen anzufangen. Gut, dass sie auf meiner Liste ganz weit oben steht. 🙂

    Welche Bücher von Bettina Belitz hast du denn noch nicht gelesen? Bei mir ist's nur die Splitterherz-Reihe und danach brauch ich dann dringend Belitz-Nachschub… ^^
    Ganz ganz liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

      • Waaaaaaah, du Glückliche, dann hast du ja noch so viele schöne Bücher vor dir. *neidisch bin* 😀

        Am besten fand ich „Linna singt“ und „Mit uns der Wind“. Ersteres ist perfekt im Winter zu lesen, denn es ist ziemlich düster, liegt eher schwer im Magen und spielt auf einer eingeschneiten Hütte. Hat mich sehr beeindruckt, weil es so intensiv war. o.O Wenn du magst, ich hab auf unserem Blog ne „Verborgener Schatz Vorstellung“ geschrieben. 🙂

        „Mit uns der Wind“ ist dagegen das perfekte Sommerbuch und etwas leichter und optimistischer. Es hat mich fast zum Weinen gebracht und war mein Lesehighlight 2016! ❤

        Hach, Bettina Belitz hat es einfach drauf. ^^

        Ich freu mich dann schon mal auf deine Belitz-Rezis. 😉

        Gefällt 1 Person

  4. eine ganz tolle Rezension,
    ich habe den ersten Teil bisher nur als Hörbuch geschafft und bin jetzt wieder voller Elan, denn ich verstehe, was du mit Belitz‘ eigenem Stil meinst. Ich liebe ihre Sprache und ihre Art, mit Wörtern umzugehen. Und jetzt muss ich unbedingt etwas von ihr lesen gehen^^

    Lg
    Eva

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Eva, es freut mich, dass ich den Belitz-Enthusiasmus erneut geweckt habe 😄 Das Hörbuch stelle ich mir mit einer guten Stimme gerade enorm gut vor ☺️ Ich würde nun am liebsten auch direkt etwas Neues von ihr lesen.
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt mir

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