[Rezension] „Nordnordwest“ von Sylvain Coher

Thalassophobie, das ist die Angst vor dem Meer, und diese Phobie habe ich. Mir genügt es schon, nur an die Tiefe des Meeres zu denken, und mein Magen schlägt Saltos. Angesichts dessen war es eine Herausforderung, den Roman „Nordnordwest“ von Sylvain Coher zu lesen, in dem drei Jugendliche ohne Erfahrung über den Ärmelkanal segeln. Doch da war etwas, das mich an der Geschichte reizte. Die unverbrauchte Thematik? Das ungewöhnliche Setting? Die Dreierkonstellation der Charaktere? In meiner Rezension erfahrt ihr, ob mir der Roman gefallen hat. Vielen Dank an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Über „Nordnordwest“

Sie müssen schnell weg aus Frankreich – und ihre Idee ist so einfach wie verrückt: Lucky, der Kleine und das in Saint-Malo neu hinzugekommene Mädchen wollen nach England segeln, über den Kanal – ohne überhaupt segeln zu können. Die drei Jugendlichen klauen sich ein altes Segelboot und hoffen, bald in Plymouth ein Bier zu trinken. Auf dem Boot aber ist es eng, der Himmel über dem Kanal schrecklich weit, die Überfahrt wird zur Irrfahrt: Übermüdet, hungrig, zerstritten und ohne klare Orientierung treiben sie auf dem Wasser. Ein ergreifender Roman über drei junge Menschen auf der Suche nach ihrem Leben und über das Meer mit all seiner Macht und brutalen Herrlichkeit.

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Verlag und Copyright: dtv Verlag
Preis: 20,00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-28090-7
Erschienen: 13. Januar 2017
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„In der Ferne traf die Wasserwüste auf den Himmel. […] Weit und breit gab es nichts, davon aber umso mehr.“ (Seite 87)

Den Einstieg hat mir Autor Sylvain Coher nicht ganz leicht gemacht. Ein auktorialer Erzähler hielt mich etwas auf Distanz, und auch die Geschichte gewann erst nach einigen Seiten an Fahrt. Wir treffen auf Lucky und den Kleinen. Die Jungen sind auf der Flucht und bereits einige Zeit unterwegs, als Lucky in einem französischen Ort am Meer einem Mädchen begegnet, deren Namen der Leser nicht erfährt. Sie möchte ausbrechen aus ihrem Leben und begleitet die beiden fortan auf ihrem Weg, der sie auf einem Segelboot über den Ärmelkanal führt.

Einen unerbittlichen Sog entwickelte „Nordnordwest“ mit Beginn der Überfahrt auf dem kleinen Segelboot mit Namen „Slangevar“. Coher vermittelte mir das Gefühl, hautnah mit dabei zu sein, und so spürte ich die gleiche Beklemmung, die gleiche zarte Hoffnung und die alles stets präsente Furcht der Jugendlichen. Beim Lesen wurde mir nochmal mehr bewusst, was für eine gewaltige Kraft diese Urgewalt Meer birgt. Sie allein ist es, die das Schicksal der Jugendlichen bestimmt, willkürlich und unerbittlich.

Je länger die drei unterwegs waren, desto mehr war mir, als ginge es weniger um sie, als vielmehr um das, was das Meer aus ihnen macht. Wie es sie prägt, schonungslos und eiskalt. Lucky, der Kleine und das Mädchen werden während der Überfahrt, besser gesagt Irrfahrt, vom Wasser geformt, so wie Steine, Treibgut oder Glasscherben vom Wasser glatt geschmirgelt werden. Schicht um Schicht wird von Wellen, Regen und Salz abgetragen, bis nur noch der Kern eines jeden übrig bleibt und Verdrängtes zu Tage kommt. Ein faszinierender Prozess.

Charaktere

„Wohin das Auge blickte, nirgends Land. Nur endlose Wassermassen. Die drei zerbrechlichen Körper und die paar zusammengenagelten Planken hatten hier eigentlich nichts zu suchen.“ (Seite 90)


Die Charaktere blieben das gesamte Buch hinweg unnahbar für mich, ich konnte den Kleinen, Lucky und das Mädchen nicht recht greifen. Dabei werden sie von Emotionen erschüttert und auch ihr Schicksal berührte mich sehr, doch es herrschte stets eine gewisse Verhaltenheit. Prinzipiell mag ich es nicht, wenn ich keinen Zugang zu den Charakteren habe, doch hier erlebte ich einen interessanten Unterschied. Denn schlussendlich sind die Jugendlichen nur ein Spielball des Meeres und führen dem Leser lebhaft vor Augen, was das Meer als „Charakter“ ausmacht. Das fand ich absolut überzeugend und überwältigend.

Dennoch ein paar Worte zu den Jugendlichen. Lucky ist der Älteste und der Anführer. Er und der Kleine teilen eine gemeinsame Vergangenheit, die sie zu verdrängen versuchen. Vor allem ein Ereignis hat sie zusammengeschweißt und das Vertrauen zueinander wachsen lassen. Der Kleine verlässt sich auf Luckys Entscheidungen, hat aber auch seinen eigenen Kopf. Zudem ist er ein geschickter Dieb. Das Mädchen ist der abstrakteste Charakter, über sie erfährt der Leser am wenigsten. Weder wie sie lebt oder was sie macht, noch weshalb sie so erpicht darauf ist, Lucky und den Kleinen auf ihrer waghalsigen Reise zu begleiten. Sie versteht jedoch etwas vom Segeln und ist so für den Verlauf der Geschichte von äußerster Wichtigkeit.

Der eigentlich wichtigste Charakter im Buch ist aber, wie gesagt, das Meer. Es zeigt sich den drei Jugendlichen in seiner ganzen Vielfalt. Von rau und stürmisch bis hin zu sanft und friedlich. Auch das tapfere kleine Segelboot, die Slangevar, wuchs mir sehr ans Herz.

Schreibstil


Autor Sylvain Coher ist für mich eine der schönsten Neuentdeckungen in diesem noch so jungen Jahr. Seine Sprache fesselte und bezauberte mich, so dass ich mit relativer Leichtigkeit über meine Startschwierigkeiten hinwegkam. Als allwissender Erzähler schaut er in die Gedanken und Herzen seiner Charaktere und bringt diese Beobachtungen mit treffenden Worten ans Licht.

Am meisten haben mir jedoch die Beschreibungen des Meeres gefallen. Diese Einsamkeit, die Stille, die Bedrohlichkeit der Nacht, die stürmische See – all das brachte Coher geradezu poetisch zum Ausdruck. Hinzu kommen Fachbegriffe aus der Nautik, Manöver werden beschrieben, Handgriffe erläutert, doch alles passt zusammen.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr kippt die Stimmung der Jugendlichen, was ebenfalls sprachlich hervorragend zum Ausdruck gebracht wird. Der Autor bricht mit der Erzählung, lässt Rückblenden einfließen, überspringt Handlungen und setzt sie im Nachhinein wie Traumsequenzen wieder aneinander. Sehr spannend.

Fazit


„Nordnordwest“ ist ein durch und durch faszinierender Roman. Er berührte mich unerwartet tief und wird mich nicht so schnell loslassen. Eine Empfehlung für alle Lesebegeisterten, und vor allem für diejenigen darunter, die sich auf eine Geschichte mit sprachlichem und inhaltlichem Tiefgang einlassen möchten.

♥ ♥ ♥ ♥ 

Über Sylvain Coher


Sylvain Coher wurde 1971 in Suresnes geboren, er lebt in Paris und Nantes. 2005/2006 war er Stipendiat der Villa Médicis in Rom. Er schreibt Romane, sowie für Theater und Oper.

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6 Gedanken zu “[Rezension] „Nordnordwest“ von Sylvain Coher

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