[Rezension] Sweetgirl von Travis Mulhauser

Ehe der Frühling so richtig beginnt, möchte ich noch von einem Überraschungs-Winterlesetipp aus dem Hause dtv erzählen. „Sweetgirl“ von Travis Mulhauser wurde mir angekündigt als „ein Roman, der in den tiefverschneiten Bergen Michigans spielt und eine packende, wilde Mischung aus anrührend, witzig und grotesk ist; dessen Charaktere dich auch nach dem Lesen nicht loslassen; dessen Atmosphäre an Filme wie ›True Grit‹ und ›Winter’s Bone‹ erinnert und dessen Ton an Songs erinnert, die mit rauer Stimme am Lagerfeuer gesungen werden“. Inwiefern ich den Roman so erlebte oder auch nicht, erfahrt ihr in meiner Rezension.

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Sweetgirl

Es ist tiefster Winter im Norden von Michigan. Die 16-jährige Percy rettet ein vernachlässigtes und halb erfrorenes Baby aus dem Haus des Drogendealers Shelton, der ebenso unterbelichtet wie höchst gefährlich ist. Irgendwie muss sie es schaffen, das Baby in ein Krankenhaus zu bringen.

Es folgt eine dramatische Flucht durch Schneesturm und unwegsames Gelände, mit unberechenbaren Verfolgern und unvermuteten Verbündeten. Dank Sheltons genereller Unfähigkeit gibt es bei der Verfolgungsjagd, teils aus Versehen, tatsächlich ein paar Leichen. Und am Ende will natürlich niemand schuld sein.

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Verlag und Copyright: dtv Verlag
Preis:
 14.90 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-423-26126-5

Erschienen: 13. Januar 2017
Zur Verlagswebseite

„Ich zog mir die Kapuze ins Gesicht und trat dem Wind entgegen. Dann ballte ich die Fäuste und stapfte los.“ (Seite 211)

„Sweetgirl“ ist packend, anrührend, witzig und grotesk, keine Frage. Und „Sweetgirl“ ist gleichzeitig so ganz anders als ich erwartet hatte. Ich hatte mit einer über mehrere Wochen andauernden Flucht durch weite Schneelandschaften gerechnet, mit einem weitestgehend einsamen Überlebenskampf von Percy und dem Baby. Stattdessen bewegen wir uns wenige Tage lang in einem recht engen Radius um Percys Heimatort in Michigan herum, und begegnen einer Vielzahl an interessanten Charakteren. Doch trotz dieser Überraschung gefiel mir die Geschichte ausgesprochen gut.

Was den Roman von Travis Mulhauser so packend macht, ist der abrupte Einstieg in die Geschichte sowie die schonungslose Schilderung der Verfolgung. Vom Genre her war „Sweetgirl“ nicht unbedingt meins, Western trifft Drama, doch ich konnte es, einmal damit begonnen, nur schwer aus der Hand legen. Ich folgte Percy durch den Schnee und die Kälte und teilte ihre Sorgen um das Baby und ihre Mutter, welche sie überhaupt erst zum Haus des Drogendealers Shelton führte. „Sweetgirl“ ist ein spannender Einblick in eine für mich sehr fremde Welt, die von Armut, Drogensucht und Kriminalität geprägt ist.

Percy wächst mit einer meistenteils zugedröhnten Mutter auf. Sie hat die Schule abgebrochen, um sich und ihre Mutter über Wasser halten zu können, und erlaubt sich kaum, von einem anderen, besseren Leben zu träumen. Außer Portis Dale, einem Ex-Freund ihrer Mutter, hat sie auch keinen Vertrauten in der Nähe, niemanden, der sich um sie kümmern könnte. Diese Einsamkeit und diesen verbissenen Willen durchzuhalten trägt Percy stets mit sich, er ist es, der sie mit dem Baby immer weiter gehen lässt. Eine atmosphärisch sehr dichte Charakterstudie, die die Geschichte trägt.

Nebenher war ich aber auch fasziniert von der Gedankenwelt des ständig unter Drogen stehenden Shelton. Mulhauser versteht es, die wirren und brüchigen Gedankengänge eines Drogenabhängigen in Worte zu fassen, absurd und traurig zugleich. Dabei legt er den Schwerpunkt aber nicht auf die reine Sucht, sondern erforscht den Ursprung, deckt tiefe Gefühle auf und geht ihnen nach.

Schlussendlich geht es also um viel mehr als eine reine Verfolgungsjagd voller Action und Gewalt. Im Kern ist „Sweetgirl“ eine psychologische Betrachtung menschlicher Schicksale in einem armen und erbarmungslosen Klima.

Charaktere


Percy ist die Protagonistin dieser Geschichte, doch ich möchte nicht mit ihr beginnen, sondern mit einem Nebencharakter, der mich sehr berührt hat. Portis Dale ist zwar nicht länger Teil von Percys Familie, doch auf ihrer Flucht ist er ihre einzige Anlaufstelle, um Unterstützung zu finden. Percy ist Alkoholiker, barsch und ruppig, und trotz seiner vielen Schwächen unendlich liebenswert. Sein Verhältnis zu Percy ist von rauer, aber herzlicher Natur, und er steht ihr bedingungslos bei. Ein starker Charakter voller Schwächen, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Percy ist ebenfalls sehr präsent und stark. Sie ist mutig und geht viele Risiken ein, um das zu tun, was in ihren Augen das Richtige ist. Wo andere bereits aufgegeben hätten, geht sie weiter. Sie ist durch ihre nicht sehr einfache Kindheit darauf getrimmt, anderen zu helfen, sie zu retten, so sehr, dass sie sich selbst dabei aber vergisst. „Sweetgirl“ zeigt daher auch, wie jemand, der in solchen Verhältnissen aufwächst es schaffen kann, dem zu entkommen oder vielmehr, dem zu entwachsen.

Shelton ist der dritte Charakter im Bunde, der seinen Teil zur Geschichte beiträgt. Er ist nicht klug, aber auf seine Weise auch nicht dumm. Vielmehr ist er an einigen Kreuzungen in seinem Leben einfach falsch abgebogen, hat die falschen Erfahrungen sammeln (müssen), die ihn zu dem haben werden lassen, der er ist. Ich konnte ihn nicht direkt mögen, doch ich konnte Sympathie für ihn empfinden und Verständnis für sein Handeln entwickeln.

Insgesamt bilden die drei Charaktere eine enorm spannende Konstellation, die ich oftmals in Büchern vermisse. Es sind vor allem die Dynamiken zwischen ihnen, die „Sweetgirl“ mitreißend und lesenswert machen.

Schreibstil

„Ich bin die, die sie gefunden hat. Aber ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war. Durch Jenna habe ich mich verändert, und durch Portis Dale, und ich glaube, wir haben alle versucht, einander in dem Sturm zu retten, und zum Teil haben wir es geschafft.“ (Seite 249)


Travis Mulhauser schreibt so, wie ich es von einem männlichen Autor erwarte. Dies schreibe ich mit einem kleinen Augenzwinkern, denn natürlich kann man das nicht so pauschal sagen. Doch Mulhausers Sprache ist so direkt und kernig, dass ich unmittelbar ein Bild von einem Mann in Holzfällerhemd vor seinem Pickup vor Augen habe – ein echter Kerl eben, um bei den Klischees zu bleiben. Ein Bild, das zur Geschichte passt, und eine Sprache die in der beschriebenen Umgebung funktioniert, denn so ist die Landschaft und so sind die Leute.

Fazit


„Sweetgirl“ hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht, insbesondere durch seine Intensität und Emotionalität. Ich hatte nicht mit derart interessanten und vielschichtigen Charakteren gerechnet, und nicht mit einer – trotz aller Gewalt – so fein ausgearbeiteten Story. Es war ein sehr gelungener Ausflug in ein für mich ungewohntes Genre, ein Buch das ich empfehlen kann.

♥ ♥ ♥ ♥ 

Über Travis Mulhauser


Travis Mulhauser stammt aus Michigan, ist Dozent für Englisch und lebt mit seiner Familie in North Carolina.

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9 Gedanken zu “[Rezension] Sweetgirl von Travis Mulhauser

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