In Worte gefasst | Warum vorlesen wichtig ist

Jeden Abend das gleiche Spiel: Zähne putzen, Haare bürsten, Schlafanzug anziehen und ab ins Bett. Sobald das alles geschafft ist, beginnt der schöne und entspannende Teil des Abends – das Vorlesen. Darauf freuen wir uns beide, ich weiß nicht, wer mehr. Jeden Abend, beinahe ohne Ausnahme, vertiefen meine Tochter und ich uns in eine Geschichte, lesen eine bekannte Erzählung zum tausendsten Mal, oder lernen eine neue Geschichte kennen. Wir lieben und genießen diese Zeit. Doch warum ist das so? Und warum finde ich das Vorlesen eigentlich so wichtig? Was bringt es den Eltern, was den Kindern? Ich habe mir hierzu ein paar Gedanken gemacht.

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Überlieferung

Von Generation zu Generation werden Geschichten, Erinnerungen und Wissen überliefert. In einigen Ländern ist diese Tradition noch immer stark, hier in Deutschland gerät sie leider immer mehr in Vergessenheit, wird überholt von TV, Tablet und Smartphone. So zumindest mein Empfinden. Das will ich grundsätzlich nicht schlecht machen, die Welt entwickelt sich weiter. Doch sind es nicht Erzählungen, die uns stark machen? Wir lernen aus Erfahrung, unser eigenen und die anderer, wir ziehen Mut aus Geschichten. Und was sind Kinderbücher anderes als überlieferte Erfahrung und Wissen? Natürlich heute ganz anders, teilweise bunt und schrill verpackt, aber dennoch (meist) wertvoll.

In meinem Profil sage ich, dass ich meiner Tochter vorlese, so wie es meine Mutter bei mir tat. Das steht da nicht einfach so, sondern weil es mir sehr wichtig ist. Meine Mutter saß jeden Abend bei mir am Bett und las mir vor. Nun klingt „überliefern“ sicher etwas hochgegriffen, denn was überliefere ich schon großartig? Nun, ich gebe meine liebsten Geschichten weiter, Geschichten die mich prägten und mich unter anderem zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Ich teile (Lese-)Erfahrungen, die ich für wichtig erachte, die mein Verständnis der Welt mit beeinflussten, meine Gefühle durchrüttelten. Ich teile meine Erfahrung, dass Erzählen und miteinander Sprechen wichtig ist.

Erinnerungen schaffen

Während ich vorlese, überliefere ich also nicht nur viele Dinge, sondern schaffe auch neue Erinnerungen. So wie ich gerne an die gemütlichen Momente des Vorlesens zurückdenke, so wird sich meine Tochter vielleicht später auch gerne daran erinnern. Natürlich gibt es unendlich viele andere wertvolle Erinnerungen, doch das Lesen und Vorlesen gehören für mich ziemlich unschlagbar zu den Besten.

Kuschelfaktor

Es fängt mit dem Anschauen von Bilderbüchern an – meine Tochter sitzt neben mir, oder auf meinem Schoß, und gemeinsam schauen wir uns das Bilder- oder Kinderbuch an. Wir spüren den Atem des anderen und das Herz klopfen. Dadurch entsteht für mich ein ganz eigenes und wundervolles Gefühl von Geborgenheit und Nähe und Ruhe. Man kann sich fallenlassen, sich zurücklehnen, die Augen schließen, all das tun, was einem guttut. Einfach mal kuscheln und sich nah sein, etwas, dass im Alltag manchmal viel zu sehr untergeht.

Ritual

Ich gebe es zu, ich liebe wiederkehrende Strukturen im Alltag und Rituale. Spontan geht auch, natürlich, aber am liebsten weiß ich, was auf mich zukommt. Meine Tochter tickt da glücklicherweise ganz ähnlich. Grundsätzlich finde ich es aber auch wichtig für Kinder, sich auf eine gewisse Alltagsroutine verlassen zu können. Für uns ist das Lesen ein Weg, den Tag zu beenden und die Gedanken auf Reise schicken. Denn wie kann man besser in den Schlaf finden, als mit einer schönen Geschichte im Kopf?

Fantasie anregen

Hier geht es weiter! Denn jede Geschichte weckt die Fantasie. Beim Vorlesen kann ich förmlich sehen, wie die Ideen im Kopf meiner Tochter zu wachsen beginnen. Es vergeht kein Abend, an dem sie nicht nach dem Zuhören ihre eigene Geschichte spielt, oder das Gehörte ihren Kuscheltieren nacherzählt. Es ist so wunderbar zuzusehen, wie sich die Kreativität entfaltet. Geschichten sind beflügelnd und sie erschaffen Welten, in denen alles möglich ist, in denen Kindern keine Grenzen gesetzt sind. Du willst ins Weltall fliegen? Bitteschön, hier ist die Rakete. Du möchtest als Meerjungfrau den Ozean durchschwimmen? Kein Problem, verwandle dich!

Bildung

Fantasie anzuregen ist das Eine, doch es gibt noch einen Aspekt, den das Vorlesen für mich so wertvoll macht. Bücher machen klug! (Wer hätte das gedacht.) Sie erweitern den Horizont und lassen uns die Welt manchmal mit ganz anderen Augen sehen. Kinder lernen andere Länder kennen, andere Kulturen, Tiere, die Natur, Pflanzen und Lieder – und das gilt schon für die Bilderbücher der Allerkleinsten.

Toleranz und Empathie

Stichwort andere Kulturen: Wir leben in Deutschland in einer multikulturellen Gesellschaft, in der gegenseitige Toleranz wichtig ist (und selbstverständlich sein sollte). Hier setzen Kinderbücher an, indem sie Geschichten über die unterschiedlichsten Kulturen und Religionen, Werte und Einstellungen erzählen. Ich möchte ein Beispiel nennen: „Ballett mit Börek“ von Ariane Schwörer. Ein wundervolles Buch über Vorurteile und Toleranz, das meine Tochter und mich schon ganz viel zum Reden gebracht hat. Darüber, ob ein türkischer Junge Ballett tanzen darf, obwohl sein Vater das verbietet. Darüber, ob es okay ist, das Tanzen zu verbieten. Darüber, warum die Protagonistin sich verletzt fühlt, wenn das neue Baby in der Familie bei den Eltern im Schlafzimmer schlafen darf und sie nicht. Darüber, dass Mama und Papa auch mal streiten, weil sie sich uneinig sind. In Büchern wie diesen können Kinder (und auch Eltern) ganz viel über Toleranz und Empathie lernen.

Liebe

Doch allem voran lese ich vor, weil ich meine Tochter über alles liebe. Weil ich ihr das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit schenken möchte, das ich als Kind empfunden habe. Weil ich ihr die Augen öffnen möchte für die wunderschöne, manchmal beängstigende weite Welt da draußen. Weil ich möchte, dass sie verständnisvoll und klug denkt und handelt. Und weil ich möchte, dass sie ihre Gedanken und Ideen jetzt und ihr ganzes Leben lang fliegen lässt.

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16 Gedanken zu “In Worte gefasst | Warum vorlesen wichtig ist

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  2. Ich liebe deinen Beitrag, meine liebe Anna. Du hast so wunderschön in Worte gefasst, was das gemeinsame Lesen alles bedeutet und wie wichtig es ist! Auch wir stecken viel gemeinsam unsere Nasen in Bücher – kuschelnd auf dem Sofa, draußen auf der Wiese oder auch auf dem Teppich umgeben von Bauernhoffiguren. Und ich liebe es. Vor dem Schlafen gehen lesen wir allerdings nicht mehr vor, weil das bei uns immer zu sehr großen Dramen geführt hat (Der kleine Mann wollte nämlich immer weiter lesen und ist gar nicht zur Ruhe gekommen). Dafür kuscheln wir Abends noch gemeinsam im Bett und singen ihn in den Schlaf, was auch wirklich sehr schön ist. 🙂

    Hab ein ganz tolles Wochenende, Liebes.
    Maike

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    • Oh danke, Maike! Draußen lesen gehört für uns auch zu den liebsten Beschäftigungen 🙂 Abends klappt es meistens, aber meine schläft auch nicht dabei ein, müde wird sie schon gar nicht. Ich muss immer früh genug anfangen, damit sie danach noch gut zur Ruhe kommen kann 😉 Manchmal will sie mir danach vorlesen, dass ist immer so zauberhaft.
      In den Schlaf singen ist toll, oder? Zu wissen, dass die eigene Stimme das Kind in den Schlaf trägt….da werde ich ganz sentimental 🙂 Mache ich auch manchmal, wenn sie nicht einschlafen kann.
      Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende!
      Liebste Grüße,
      Anna

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  4. Ein richtig toller Beitrag! Meine Eltern haben mir früher auch jeden Abend vorgelesen und das sogar ziemlich lange. Ich glaube, selbst als ich 10 war, hat mein Papa mir abends noch vorgelesen (obwohl ich natürlich längst selber lesen konnte 😂).
    Bestimmt wird deine Tochter genauso eine Liebe zu Büchern entwickeln wie du. 🤗

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  5. Hallo Anna,,, es ist wunderschön, dass Du Deine positiven Leseerfahrungen an Deine Tochter weitergibst. Ich habe inzwischen Enkelkinder, die das Vorlesen sehr geniessen und direkt einfordern. Sogar die Kleine im Alter von 14 Monaten trägt Bücher zu den Erwachsenen, blättert schon und schaut. Das ist superwichtig für die Sprachentwicklung bei Kindern und das Verständnis für unsere Welt,, die ja nicht einfach zu verstehen ist ;-),,,
    Herzlich
    Angela

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    • Liebe Angela,
      ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut 🙂 Für die Sprachentwicklung finde ich Vorlesen absolut unabdingbar. Allein, wie sich der Wortschatz dadurch erweitert! Dein Beispiel zeigt wunderschön, dass das Interesse von (vielen) Kindern da ist, das sollte man auch ausnutzen. Hach, meinen Enkeln werde ich sicherlich auch vorlesen 😀
      Hab einen schönen Abend!
      Liebe Grüße,
      Anna

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  6. Wunderschöner Beitrag! Meine Mutter hat mir früher an Weihnachten auch immer vorgelesen, damit mein Vater alles schmücken konnte und ich dann völlig überrascht ins Wohnzimmer rennen konnte 😀 Eine sehr schöne Routine, an die ich mir sehr gut erinnere. Natürlich auch an alle anderen Male, bei denen sie mir vorgelesen hat oder eine Kassette abgespielt hat 🙂
    Liebste Grüsse und weiter so!
    Julia

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    • Liebe Julia,
      das klingt auch nach einem schönen Ritual 🙂 An Weihnachten wurde mir zwar nicht vorgelesen, aber sofern ich ein Buch geschenkt bekam, habe ich mich meist schnell damit verkrümelt 😉
      Liebe Grüße und danke dir!
      Anna

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  7. Wow, ein richtig schöner Beitrag!
    Ich habe zwar keine Kinder, dennoch kann ich dir da total zustimmen und finde es ebenfalls einfach wichtig und schön.
    Ich würde mir wünschen, dass mehr Mütter/Eltern so denken wie du und ihren Kids vorlesen.
    Die Jungs auf meiner Station (ich bin Erzieherin in einer Psychiatrie) kennen so etwas kaum noch, leider. Gleiches gilt für mich meiner Meinung nach für Gesellschaftsspiele, auch das ist denen oft unbekannt.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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  8. Liebe Anna,
    du hast ganz wunderbar in Worte gefasst, wie wichtig diese gemeinsame Zeit des „Miteinander Lesens“ ist. Ich habe das mit meinen Kindern auch sehr genossen, es war ein wunderschöner Abschluss des Tages und selbst jetzt, da sie zu groß zum abendlichen Vorlesen sind und sie ihre Fantasie schon ganz alleine in ihren Lieblingsbüchern auf die Reise schicken, haben wir manchmal besondere gemeinsame Vorleseabende: z.B. an Halloween, wenn Mama den ollen Klassiker herauskramt und sie entdecken, dass E.A. Poe tatsächlich ganz schön gruselig ist oder an Weihnachten, wenn wir uns abwechselnd Weihnachtserzählungen bei Kerzenschein vorlesen und dazu Kinderpunsch und Plätzchen genießen.
    Das gemeinsame Lesen ist eines der schönsten Erlebnisse, das man mit Kindern teilen kann.
    Alles Liebe
    Rena

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    • Liebe Rena,
      dass ihr auch jetzt noch gemeinsame Vorleseabende habt, finde ich toll! Das gab es bei uns nicht. Sobald ich selbst lesen konnte, war meine Mutter „außen vor“ 😉 Allerdings hat sie später dann, als ich ausgezogen war, meine Bücher gelesen – sich dann darüber auszutauschen war auch schön.
      Danke dir für deinen Kommentar 😊
      Liebe Grüße,
      Anna

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