Hörbuch-Rezension | Der Club von Takis Würger

„Der Club“ von Takis Würger, Redakteur beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, war in den Wochen seit Erscheinen des Romans in aller Munde. Ich begegnete begeisterten Stimmen und stolperte auf sämtlichen Social-Media-Kanälen über das schlichte, aber dennoch (oder eben deshalb) auffällige Cover. Lange sträubte ich mich dagegen, das Buch selbst zu lesen bzw. es mir anzuhören, doch letztendlich siegte die Neugier. Mehr zum Hörbuch erfahrt ihr in meiner Rezension.

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Viele Universitäten haben sie – die elitären Clubs, offen nur für männliche Studenten, ein Sprungbrett für die ganz große Karriere und ein nützliches Netzwerk für das gesamte Leben. Wie zum Beispiel „The Yvy Club“ in Princeton oder „Skull and Bones“ in Yale. In Cambridge gibt es seit 1835 den legendären „Pitt Club“, der sich in seinen ersten Jahren noch der Politik verschrieben hatte, später jedoch mehr und mehr den sozialen Freuden frönte. Heißt im Klartext: Alkohol und Frauen. Die Söhne reicher, bisweilen am Leben ihrer Kinder uninteressierter Eltern, feiern dort sich selbst und ihre Freundschaft. Diese wird sehr hoch gehalten, denn wer Mitglied ist, erfährt die bedingungslose Unterstützung der anderen.

In dieses Milieu gerät Hans, ein Deutscher, der nach dem tragischen Tod seiner Eltern erst bei Mönchen aufwächst und anschließend von seiner Tante nach Cambridge geholt wird. Seine gesamte Kindheit hindurch war Hans ein Einzelgänger, ein Sonderling in den Augen der anderen Kinder. Der Verlust seiner Eltern traf ihn schwer und vergeblich versuchte er von seiner Tante Wärme und Liebe zu finden, die ihn jedoch nicht zu sich nahm, da sie eigenen seelischen Ballast mit sich trug. Diese Erfahrungen und Zurückweisungen verinnerlicht Hans, so dass er zu einem wortkargen, in sich selbst zurückgezogenen jungen Mann heranwächst.

Dieser Teil des Romans von Takis Würger hat mich sehr berührt und mitgenommen. Sprachlich hat Würger außerordentlich gut auf den Punkt gebracht, wie Hans sich fühlt. Nüchtern, aber ausdrucksstark. Mit seinem Umzug nach Cambridge verändert sich die Stimmung. Der Schwerpunkt liegt nun nicht mehr auf dem Heranwachsen Hans‘, sondern nimmt die versnobbte Welt des Pitt Clubs ins Visier. Hier dreht sich alles um das Boxen, Drinks, Frauen, Reichtum und vor allem um Macht. Macht im Boxring und Macht über andere. Eine freudlose und anstrengende Welt.

„An manchen Abenden in diesem Club hatte ich mich gefühlt, als löste sich mein Ich langsam auf, und irgendwann bliebe nur noch Hans Stichler übrig.

Hans soll seine Tante beim Lösen eines Geheimnisses helfen, Genaueres erfährt er nicht. Fortan ist er hin und hergerissen zwischen dem berauschenden Gefühl, endlich dazuzugehören, und seinem Gewissen, das ihn mahnt, es nicht zu toll zu treiben und die Handlungen seiner neuen Freunde kritisch zu hinterfragen. Stück für Stück kommt er dem Geheimnis auf die Spur und deckt üble Machenschaften des Clubs auf.

Takis Würger hat seine Geschichte wie ein Puzzle aufgebaut. In kurzen Abschnitten kommen mehrere Charaktere zu Wort und schildern ihre Erfahrungen und ihre Sicht der Dinge. So wie Hans erfährt der Leser also nur bruchstückhaft, was wirklich vorgefallen ist und wie die Zusammenhänge aussehen. Das ist an sich geschickt gemacht, nur mir persönlich waren die Kapitel viel zu kurz. Teilweise bemerkte ich erst spät, dass ein neuer Charakter zu Wort kam. Es war mir zu abgehackt, als dass ich der Geschichte gut hätte folgen können. Die Sprecher des Hörbuchs waren allerdings gut gewählt, markante Stimmen, die hervorragend zu dem jeweiligen Charakter passten.

„Ein Netzwerk würde es immer geben, solange die Universität von Cambridge existierte, und solange Menschen nach Macht strebten.

Ich bin unsicher, ob es mit einer übersteigerten Erwartung zu tun hat, doch die Auflösung des Geheimnisses um den Pitt Club konnte mich überhaupt nicht mitreißen. Takis Würger bedient sich meiner Meinung nach sehr gängigen Klischees, so dass das Ende kaum überraschend war. Auch verlor ich immer mehr den Zugang zu Hans. Wo dieser anfangs noch stark gewesen war, ich seine Not und seine Selbstzweifel nachempfinden konnte, war er ab der Mitte wie ein Fremder, ein reiner Statist. Auch die anderen Charaktere blieben mir fremd, was maßgeblich auf den kurzen, knappen Schreibstil zurückzuführen ist, der mich nicht in die Geschichte hineinziehen konnte.

Fazit


Takis Würger hat mit „Der Club“ einen sprachlich und stilistisch anspruchsvollen Roman geschrieben, der mich allerdings nicht vollständig überzeugen konnte. Der Protagonist verlor im Laufe der Geschichte an Kraft und an Präsenz, während andere Charaktere diesen Verlust nicht auffangen konnten. Auch die Auflösung war mir zu geläufig, als dass der Autor mich damit hätte überraschen können.

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Der Club

Hans Stichler stammt aus einfachen Verhältnissen. Er bekommt ein Stipendium für die Universität in Cambridge – als Gegenleistung soll er dort ein Verbrechen aufklären. Er geht nach England, wird Mitglied im elitären Pitt Club und verliebt sich in Charlotte, die ihn in die Bräuche der Snobs einweiht.

Bald merkt er, hinter den alten Mauern der britischen Oberschicht lauern Geheimnisse, über die keiner spricht. Was ist Hans bereit zu geben, um dazuzugehören? Muss er das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen?

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Copyright: audible
Verlag: Headroom Verlag
Preis: 13,92 Euro
Format: Hörbuch-Download
Spieldauer: 5 Stunden und 42 Minuten
ASIN: B06XTGCYS7

audibe.de Erscheinungsdatum: 24. März 2017
„Der Club“ bei audible.de
Weitere Hörbücher bei audible.de
Zur Printausgabe bei Kein & Aber

Mit herzlichem Dank an audible.de für die Bereitstellung des Hörbuch-Downloads.

Über Takis Würger


Takis Würger, geboren 1985, ist Redakteur beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«. Im Alter von 28 Jahren ging er nach England, um an der Universität von Cambridge Ideengeschichte zu studieren. Dort boxte er als Schwergewicht für den Cambridge University Amateur Boxing Club und wurde Mitglied in verschiedenen studentischen Klubs. (Quelle: Kein & Aber Verlag)

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