Filmreview | Du neben mir (Everything, Everything) von Nicola Yoon

Die Buchvorlage zu diesem Film, „Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ von Nicola Yoon, zählte ich zu meinen Lesehighlights des Jahres 2016. Yoon erzählt darin mit erfrischend zarte Stimme von der 18-Jährigen Maddy, die aufgrund einer Immunschwäche seit ihrer Kindheit das Haus nicht verlassen darf. Sie lebt isoliert und begegnet außer ihrer Mutter und ihrer Pflegerin nur wenigen Menschen. Als eine neue Familie in das Haus nebenan zieht, verliebt sie sich jedoch in den Nachbarsjungen Olly und spürt die Grenzen, die ihre Krankheit ihr auferlegen. Das Buch beinhaltete für mich alles, was eine bittersüße Coming-of-Age Geschichte braucht – liebenswerte Charaktere, die erste Liebe und ein unerwarteter Plottwist. Hinzu kommt die besondere Aufmachung des Inhaltes – voller Liebe zum Detail und kreativ, teils in Tagebuchform, gespickt mit Maddys Zeichnungen.

Am 22. Juni 2017 nun kommt die Verfilmung mit Amandla Stenberg als Maddy und Nick Robinson als Olly in die deutschen Kinos. Ich war sehr gespannt auf die Umsetzung, vor allem, da der Trailer mich nicht ganz zu überzeugen wusste. Hier ist er für euch:

Original Trailer


Mein erster Gedanke nach dem Ansehen des Trailers war: Die Schauspieler passen so gar nicht zu dem Bild, das ich von Maddy und Nick vor Augen hatte. Sie erschienen mir zu farblos und hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Dennoch wollte ich mich gerne eines besseren belehren lassen und freute mich auf die Vorführung, die ich zusammen mit Nise von Kitsunebooks besuchte.

Insgesamt hat der Film vieles richtig gemacht – er hat aber leider auch vieles so richtig falsch gemacht. Die Kreativität der Buchvorlage wurde meiner Meinung sehr schön adaptiert. So findet in der Vorlage beispielsweise ein Großteil der Kommunikation zwischen Maddy und Olly online statt, per Mail oder per Smartphone. Wie setzt man das in einem Film um? Die Lösung in „Du neben mir“ gefiel mir wahnsinnig gut, denn sie setzen beide Schauspieler kurzerhand in Modellhäuser, die Maddy im Rahmen eines Online-Architekturkurses gebaut hat. Sie befinden sich also in einem abstrakten Raum miteinander und kommen sich näher, ohne sich wirklich nah zu sein. Wirklich gelungen! Zudem wurde sogar daran gedacht, den kleinen Astronauten im Raumanzug in diesen Szenen zu integrieren – Maddy’s Markenzeichen, da sie sich mit ihm gut identifizieren kann.

Alles darüber hinaus suppt allerdings eher uninspiriert dahin. Es fängt schon damit an, wie Maddy und Olly sich zum ersten Mal sehen, sie steht am Fenster, er steigt aus dem Umzugswagen und fährt mit dem Skateboard an ihr vorbei. In Zeitlupe! Damit der Zuschauer auch wirklich merkt, dass da gerade etwas Besonderes stattfindet: „Da springt gerade der Funke rüber“, möchte uns die Kamera einhämmern. Meines Empfindens nach sehr unelegant und so hatte es auch prompt den gegenteiligen Effekt – ich musste lachen. Danach bleiben Zeitlupen glücklicherweise aus und „Du neben mir“ entwickelt sich zu einer recht angenehmen Story. Wie gesagt, das Kennenlernen wurde toll umgesetzt.

Mit der ersten Begegnung „in real life“ verliert die Geschichte jedoch leider schon wieder an Charme, denn Olly und Maddy sind gegenüber einander stets so schrecklich nervös und aufgeregt und unsicher, dass ich mich als Zuschauer selbst ziemlich unbehaglich fühlte. Inklusive Fremdschämen, denn diese Tapsigkeit nimmt kein Ende. Egal, wie oft sie sich begegnen, sie sind gefesselt an dieses vorsichtige Miteinander, so dass eigentlich kaum nachvollziehbar wird, was sie eigentlich aneinander finden. Es passiert wenig mehr, als das Austauschen von Blicken und stotternder, einsilbiger Bemerkungen. Wo sind die langen Gespräche, das sich dem anderen öffnen?

Im Buch findest das zumindest etwas mehr Beachtung. Man lernt Olly und seine Familie weit mehr kennen als im Film. Die Probleme mit seinem Alkoholiker-Vater, der seine Frau schlägt. Sein Ärger und seine Hilflosigkeit. Und auch Maddy hat es nicht immer leicht gehabt, sie war nicht immer geduldig und akzeptierte ihr Schicksal ohne zu hadern. Diese Facetten werden nicht aufgegriffen und das finde ich sehr schade, denn gerade das machte das Buch in meinen Augen zu mehr als nur einer klassischen Liebesgeschichte für Jugendliche. Gerade das schaffte diese starke Verbindung zwischen den beiden Charakteren und motiviert schlussendlich auch das Ausbrechen aus ihrem bisherigen Leben.

Dieser Plottwist hatte mich im Buch kalt erwischt, ich hatte es überhaupt nicht kommen sehen. Im Film war diese Wende für mich aber absolut nicht nachvollziehbar, da erstens die Beziehung zwischen beiden nicht intensiv und glaubwürdig genug wirkte und zweitens der Motivator weitestgehend fehlte, da kaum auf die Erfahrungen und Lebensumstände von Olly und Maddy eingegangen wird. Hier verliert sich der Film in Kitsch und aufgesetztem Drama.

Die Schauspieler Amandla Stenberg und Nick Robinson fand ich ganz in Ordnung, allerdings blieb immer eine gewisse Distanz bestehen. Ich hatte selten das Gefühl, echte Charaktere vor mir zu haben. Ich vermute aber stark, dass das der sterilen Umsetzung zu schulden ist und nicht ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Die Mutter, gespielt von Anika Noni Rose, wirkte etwas überzeugender, stand aber auch des Öfteren deplatziert wie eine Statistin im Raum, sagte ihren Text und ging.

Ich vermute, Regisseurin Stella Meghie wollte mit ihrer Filmadaption eine besondere Atmosphäre schaffen, eine Geschichte erzählen, die mehr ist als eine Standard Coming-of-Age Geschichte. Letztendlich hat sie sich verzettelt und erfüllte weder das eine noch das andere Ziel so richtig rund.

Fazit


„Du neben mir“ funktioniert als süßer Liebesfilm für junge Mädchen sicherlich, doch mehr Anspruch sollte man an die Verfilmung nicht haben. Dazu fehlt es leider an dem Tiefgang, der in der Buchvorlage weitestgehend vorhanden ist. Die Schauspieler schmachten sich an, ohne wirklich miteinander zu interagieren und den Zuschauer so mitzunehmen. Für die kreative Umsetzung gibt es allerdings einen dicken Pluspunkt, denn hier wurde der Charme des Buches wunderbar aufgegriffen.

Informationen zum Film


Du neben mir (Everything, Everything)
Regie: Stella Meghie
Mit: Amandla Stenberg, Nick Robinson, Anika Noni Rose und mehr
Laufzeit: 96 Minuten
Genre: Drama

Im Kino ab dem 22. Juni 2017

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2 Gedanken zu “Filmreview | Du neben mir (Everything, Everything) von Nicola Yoon

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