Fangirl von Rainbow Rowell | Rezension

Das Leben von Cath wurde zwei Mal ziemlich in seinen Grundfesten erschüttert. Zum ersten Mal, als ihre Mutter ihren Vater, sie und ihre Zwillingsschwester Wren eines Tages verließ und niemals wiederkam. Zum zweiten Mal, als Cath und Wren ins College gehen und Wren sich immer mehr von Cath distanziert, obwohl sie doch in ihrer Kindheit und Jugend so ziemlich die einzige Konstante füreinander waren. Sie gingen zusammen durch dick und dünn. Umso schmerzlicher trifft Cath dieser Verlust, bringt er doch den letzten Halt ins wanken. So ist es nur allzu verständlich, dass sie sich in Fantasiewelten flüchtet und Fanfiction schreibt. Fanfiction zu schreiben ist das Beste überhaupt, es lässt einen vergessen, wie verwirrend, traurig und herausfordernd das echte Leben sein kann.

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Alles an Cath hat mich ungeheuer berührt. Ihre Angst vor dem Leben, ihre scheue Art, mit Menschen umzugehen, ihr mangelndes Selbstbewusstsein, ihr Humor. Anstatt der Realität ins Gesicht zu blicken, zieht sie sich lieber zurück, und schreibt über Simon und Baz, zwei Charaktere aus einer bekannten Buchreihe namens Simon Snow. In dieser Welt fühlt sie sich sicher, dort kann sie bestimmen, was passiert. Dort ist sie nicht das Mädchen, das von ihrer Mutter verlassen wurde und das einen Vater hat, der manchmal nicht gut alleine zurechtkommt, da er sich in seiner Arbeit verliert. Dort ist sie auch nicht das Mädchen, dessen Zwillingsschwester lieber Party macht und sich betrinkt und sich immer mehr von ihr distanziert.

Warum schreibe ich eigentlich? Cath suchte nach einer durchdachten Antwort, obwohl sie wusste, sie würde den Mund nicht aufmachen, wenn ihr eine einfiele. […] Um aufzuhören, dachte Cath. Aufzuhören, überhaupt irgendetwas oder irgendwo zu sein. (Seite 28)

Im College wird Cath erstmals damit konfrontiert, dass sie sich nicht immer bei Simon und Baz verstecken kann. Die ersten Kontakte entstehen, ihre Mitbewohnerin Reagan nimmt sich ihrer an und ihr Freund Levi hockt auch ständig bei ihnen im Zimmer. Die so in Gang gebrachte Entwicklung von Cath gefiel mir sehr gut, denn sie geschieht langsam und glaubwürdig. Sie verwandelt sich nicht von jetzt auf gleich von einem schüchternen Mauerblümchen in eine selbstbewusste junge Frau. Sie bleibt vielmehr so wie sie ist, spürt aber zunehmend, dass es okay ist so zu sein. Aus dieser Erfahrung heraus wird sie mutiger und wagt vorsichtige Schritte in die Eigenständigkeit.

Zwar begegnen wir in „Fangirl“ ein paar Stereotypen, wie dem Jungen der zu Cath hält, obwohl sie nicht dem Durchschnitt entspricht, einem Jungen, der es nicht ernst mit Cath meint und einer forschen Mitbewohnerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch dies störte mich nicht, denn diese Eigenschaften werden zwar angedeutet, aber nicht übertrieben in den Vordergrund gestellt. Rainbow Rowell’s Geschichte widmet sich viel mehr der verwirrten und überforderten Gefühlswelt von Cath.

Ich habe vor allem Angst. Außerdem bin ich verrückt. Du hältst mich vielleicht nur für ein bisschen verrückt, aber ich zeige den Leuten immer nur die Spitze meines verrückten Eisbergs. Unter der Schicht aus leichter Verrücktheit und sozialer Untauglichkeit bin ich die totale Katastrophe. (Seite 198)

Ihre Gedanken und Gefühle brachten mich zum lachen und zum weinen. Sie fühlt so intensiv und Rowell bringt diese Emotionen in so schlichten aber wirkungsvollen Worten auf den Punkt, dass ich durch die Seiten gerast bin. Ich las bis spät in die Nacht, ich las in der Bahn und ich las im Gehen. „Fangirl“ übt einfach einen ungeheuerlichen Sog aus! Die Geschichte ist randvoll mit allem, was ein Jugendbuch lesenswert macht.

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Fazit

Ich bin ein absolutes Fangirl vom neuen Roman von Rainbow Rowell geworden. Ich liebe es. Cath ist eine sehr faszinierende Protagonistin, die mich mit ihrer Entwicklung nachhaltig beeindruckt hat. Doch auch alle anderen Charaktere tragen zur Großartigkeit dieses Buches bei. Sie bringen alle ihre jeweils eigenen Erfahrungen und Intentionen mit ein, so dass sich daraus ein tolles Spannungsfeld ergibt. Allem voran ist es aber eine zauberhaft süße Geschichte über das Erwachsen werden, die erste Liebe und das über sich selbst hinauswachsen. Sehr gelungen und eine unbedingte Leseempfehlung!

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Fangirl

Die Zwillinge Cath und Wren sind unzertrennlich, bis Wren beschließt, dass ihr Jungen und Partys wichtiger sind als das gemeinsame College-Zimmer. Ein harter Schlag für Cath, die sich immer weiter in ihre Traumwelt zurückzieht: Beim Lesen und Schreiben von Fanfiction lebt sie ihre Vorstellungen von Liebesbeziehungen aus. Mit Erfolg – Tausende Leser folgen ihr. Doch als Cath dann Nick und Levi näher kennenlernt, muss sie sich fragen, ob sie nicht langsam bereit ist, ihr Herz echten Menschen zu öffnen und über Erfahrungen zu schreiben, die größer sind als ihre Fantasien. Ein mitreißendes Jugendbuch von Bestsellerautorin Rainbow Rowell über die erste Liebe – in der Fantasie und im echten Leben.

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Verlag und Copyright: Hanser Verlag

Preis:
 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-25700-9
Erschienen: 24. Juli 2017
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Über Rainbow Rowell


Rainbow Rowell studierte Journalismus und arbeitete mehrere Jahre als Kolumnistin beim Omaha World-Herald. Mit ihrem ersten Jugendroman Eleanor & Park landete sie einen weltweiten Bestseller, gewann den Boston Globe Horn Book Award, den Printz Award und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen im Bundesstaat Nebraska. Sie schreibt Jugendliteratur und Romane für Erwachsene. Ihr Bestseller Eleanor & Park (2015) war ihr erster Jugendroman bei Hanser, im Herbst 2017 folgt das Jugendbuch Fangirl.

Stimmen anderer Blogger


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16 Gedanken zu “Fangirl von Rainbow Rowell | Rezension

  1. Pingback: Leseplanung September – Sarah Ricchizzi

  2. Pingback: Sommerlektüre eines Kollegen – Sarah Ricchizzi

  3. Hey Anna,
    hach ich liebe deine Rezensionen 🙂 du schreibst sie so herrlich schön. Ich kann total fühlen, wie das Buch auf dich gewirkt hat. Bereits auf Instagram habe ich deine Begeisterung gesehen und spüre sie auch in deinen Worten wieder.

    Es klingt nach einem herrlich schönen Buch über das Leben. Ich denke, dass ich es mir an diesem Wochenende zulegen werde. Ich habe einfach zu viele gute Dinge darüber gehört, um es zu ignorieren, egal, was mein SuB-Abbau sagt, hah.

    Alles Liebe,
    Sarah

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  4. Hallo, ich las das Buch bereits vor einiger Zeit auf Englisch. Es ließ sich sehr gut lesen. Der Schreibstil ist sehr flüssig. Das stimmt.
    Ich bin aus dem Jugendbuch-Alter schon lange raus, aber trotzdem hat mich das Buch so sehr interessiert, dass ich es gerne las. Ich fand Cath allerdings ziemlich anstrengend.

    Gefällt 1 Person

    • Hi na 🙂
      ach wie gerne würde ich das Buch auf Englisch lesen! Ich stelle mir den Schreibstil im Original noch viel besser vor 🙂
      Ich bin selbst im Grunde auch aus dem Jugendbuch-Alter raus – doch das Genre mag ich nach wie vor sehr gerne.
      Haha, ja, ich kann mir vorstellen, dass Cath nicht jedem gefällt. Sie ist einfach sehr speziell und nicht für jedermann so richtig zugänglich.
      Liebste Grüße,
      Anna

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  5. Tolle Rezension! Es macht mich happy, dass du das Buch auch so sehr magst. Ich denke, ich werde mir die deutsche Ausgabe auch noch besorgen, um sie neben meine beiden englischen zu stellen. 😀

    Liebe Grüße schickt dir Nise, die gerade die Playlist von Levi auf Spotify hört 😀

    Gefällt 1 Person

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