Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle von Timothée de Fombelle | Rezension

Eine magisch-faszinierende Reise. Ungewöhnlich, poetisch und vielschichtig.

Auf dem Weg zur Arbeit las ich die letzten Seiten, arbeitete mich bis zu den letzten Sätzen vor und befand mich, als ich aus der Bahn ausstieg, in einem Taumel der Gefühle. Ich wollte weinen, ich musste lächeln, ich träumte und dachte nach. Mit „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ hat Timothée de Fombelle eine Geschichte geschrieben, die viel mehr ist, als der Klappentext vermuten lässt. Es ist Märchen, Jugendbuch, Fantasy und historischer Roman in einem. Voller Zauber und Wunder, Drama und Abenteuer. Zusätzlich spielt der Autor mit verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen sowie Perspektivwechseln. Eine Herausforderung! Weshalb dieses wunderschöne Buch meiner Meinung nach dennoch in jedes gut sortierte Bücherregal gehört, erfahrt ihr in meiner Rezension.

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Im Grunde ist die Geschichte von Timothée de Fombelle eine Liebesgeschichte. Über eine Liebe, die so groß und stark ist, dass sie Welten und Jahrzehnte überwindet. Die bestehen bleibt, selbst wenn die Erinnerung an den geliebten Menschen getrübt ist. Selbst wenn einer sich dem anderen nicht zeigen darf. Als Leser wandelt man zwischen der Realität und der Welt der Märchen. In dieser lernen sich ein verstoßener Prinz und eine Fee kennen und lieben, doch der eifersüchtige Bruder des Prinzen, der König, zerstört diese Liebe und verbannt beide in die Welt der Menschen.

Der Prinz lebt dort fortan unter falschem Namen bei dem Schaumzucker-Hersteller Monsieur Perle und versucht zu verstehen, was ihm widerfahren ist. In Märchenbüchern begegnet er ihm bekannten Erzählungen, sie rütteln sanft Erinnerungen wach, doch einen Zugang zu seiner Welt kann er nicht finden. Was er nicht ahnt: Die Fee wacht über ihn, beeinflusst im Kleinen den Verlauf seines Lebens, immer in der Hoffnung, er möge sie beide von ihrer Verbannung befreien.

Und doch sind gewisse Mächte stärker als alle Zauberkraft. Ein anderer goldener Faden blieb in der Mitte seiner Brust haften. Ein Faden, von dem er sich nie mehr würde lösen können. (Seite 110)

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Der Zauber von „Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ liegt aber nicht in der Grundgeschichte allein. Er verbirgt sich in der poetischen Sprache, zwischen den vielen Erzählebenen und in dem plötzlichen Erkennen von Zusammenhängen, die einem zuvor nicht klar gewesen waren. Der Einstieg ist nicht leicht, der Leser stolpert in die Geschichte hinein, wie auch der Prinz in sein neues Leben. Auch wenn anfangs vieles nicht verständlich war, tröstete mich eine ganz spezielle Stimmung, die dem Buch innewohnt, darüber hinweg. Timothée de Fombelle verliert nicht viele Worte, doch die, die er verwendet, sind so schön und vollkommen, dass ich es nur ungern beiseite legte. Zudem war es äußerst spannend, Stück für Stück zu entlarven, wer, wann, wo und wie lebt.

Die Geschichten machen Tote nicht wieder lebendig, aber sie lassen ihre Liebe unsterblich werden. (Seite 307)

Vollends überzeugt war ich, als neben der märchenhaften Liebesgeschichte die historische Ebene an Bedeutung gewann. Wir streifen den zweiten Weltkrieg, die Judenverfolgung, den Widerstand – und dies alles auf vergleichsweise wenigen Seiten, ohne an Zauber einzubüßen. Die Kombination aus historischen Fakten und Märchengeschichte ist äußerst gelungen und ziemlich einzigartig.

Fazit

„Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle“ von Timothée de Fombelle hat eine Märchengeschichte geschrieben, die mich überraschte und faszinierte. Denn die Fäden der Geschichte laufen nach und nach zusammen und so offenbart sich die gesamte Tragweite der Geschichte im Grunde erst auf den letzten Seiten. Bis dahin trägt einen die wunderschöne, poetische Sprache durch das Geschehen. In meinen Augen eines der bemerkenswertesten Bücher des Jahres und absolut empfehlenswert!

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Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle

de-fombelle-die-wundersamen-koffer-des-monsieur-perleEine Liebe, größer als ein Menschenleben – die Liebe zu einer Fee. Doch Iliân, Prinz in einem der unzähligen Feenreiche, weiß nicht, dass auch sein Bruder unsterblich in Oliâ verliebt ist. Das wird ihm zum Verhängnis: Iliân wird verbannt in eine andere Welt, die unsrige. Oliâ kann ihm nachfolgen, darf sich ihm aber nicht zu erkennen geben. Sonst würden sie für immer voneinander getrennt. Verzweifelt sucht Iliân einen Weg zurück in sein Reich, einen Weg zurück zu Oliâ. Er weiß, er braucht Beweise – für die Existenz seiner Welt, seiner Liebe. Die Suche nach Beweisen führt Iliân vom Paris der späten 30er-Jahre, wo er den Namen Joshua Perle annimmt, bis in unsere Gegenwart. Aber wird die Zeit eines Lebens reichen, um den Weg zurück zu finden?

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Verlag (Copyright): Gerstenberg Verlag
Preis:
 18.95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8369-5879-0
Erschienen: 30. Januar 2017
Zur Verlagswebseite

Über Timothée de Fombelle


Timothée de Fombelle, geb. 1973, lebt mit seiner Familie in Paris. Seine ersten Schreibversuche machte er schon als Kind. Nach einem Literaturstudium unterrichtete er zunächst als Lehrer in Paris und Hanoi, bevor er begann, für das Theater zu schreiben und zu inszenieren. Sein Erfolgsroman Tobie Lolness wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in 26 Sprachen übersetzt.

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2 Gedanken zu “Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle von Timothée de Fombelle | Rezension

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