Eine Geschichte der Zitrone von Jo Cotterill | Rezension

Eine berührende Geschichte, mit Worten voll bittersüßer Intensität.

„Eine Geschichte der Zitrone“ ist der erste Roman von Jo Cotterill, der auch auf Deutsch erschien. In ihrer Heimat, der englischen Grafschaft Oxfordshire, hat sie bereits einige Bücher geschrieben, die ich nach diesem Leseerlebnis unbedingt alle lesen möchte. Denn Jo Cotterill hat mich mit ihrer bittersüßen, herzlichen und traurig-schönen Geschichte vollends überzeugt. „Eine Geschichte der Zitrone“ ist zum weinen und trotzdem voller Freude. Eine feine, zarte Erzählung über Freundschaft, Familie, Kindheit, Verlust, Depression und die Liebe zu Büchern.

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Wie fühlt es sich an, den Großteil seines Lebens mit nur einem Elternteil zu verbringen, der sich noch dazu dem Kind entzieht? Der keine emotionale Nähe zulässt? Calypsos Vater schreibt seit dem Tod seiner Frau an seinem Lebenswerk über die Zitrone und vergisst darüber seine Tochter. Er überlässt sie sich selbst, sie muss die Wäsche waschen, sich alleine beschäftigen und sich aus den spärlichen Inhalten des Kühlschranks selbst etwas zu Essen zubereiten. Darüber hinaus kümmert sie sich darum, dass es ihm an nichts fehlt. Dieses Maß an Verantwortung erscheint Calypso normal. Sie solle ihre innere Stärke finden, sagt ihr Vater. Sie brauche niemanden, außer sich selbst.

Diese Worte hat Calypso verinnerlicht und so sind ihre Bücher alles, was sie augenscheinlich braucht. Sie distanziert sich von anderen Kindern in der Schule und empfindet ihr Leben als vollkommen normal. Sie spürt erst, wie falsch und ungesund diese Art zu denken ist, als sie sich mit ihrer Klassenkameradin Mae anfreundet. Sie und ihre Familie zeigen ihr eine ganz andere Art „Familie“ zu sein. Sie realisiert, dass ihr Vater vielleicht doch nicht so stark ist, wie er vorzugeben scheint.

Tief in mir drin zerbricht etwas und meine Knie geben nach, aber Maes Mutter fängt mich auf.
Jemand anders fängt mich auf. Diesmal, nur dieses eine Mal, muss ich mich nicht selbst auffangen. Ich muss nicht selbst innerlich stark sein, weil jemand anders für mich stark ist. (Seite 89)

Ich habe mehr als einmal beim Lesen geweint, denn die Erzählung aus Calypsos Perspektive ist so herzzerreißend traurig, voller Wut und Kraft, voller Mut und Hoffnung, dass sie mich ganz tief im Inneren erschütterte. Sie fühlt sich verlassen, allein gelassen von einem Vater, der ihr zu wenig Beachtung schenkt und der sich nicht bemüht, eine Bindung zum eigenen Kind aufzubauen. Die Last, die Calypso dadurch zu tragen hat, wird irgendwann zu viel und entlädt sich in einem Sturm.

Wie Jo Cotterill ihre Geschichte geschrieben hat, hat mich sehr beeindruckt. Sie ist nicht lang, doch sie wirkt lange nach, denn die Bilder, die im Kopf des Lesers entstehen, die Gefühle, die geweckt werden, lassen sich nicht so leicht ins Regal stellen, wie das Buch selbst. Die Autorin verwendet Worte, die ins Mark treffen und Vergleiche, die ungeheuer treffend sind. Ihre Sprache ist ein Gedicht. Sie lässt einen fallen, furchtsam und beunruhigt, wenn Calypso den Boden unter den Füßen verliert und sie lässt einen trauern, wenn Calypso das Leiden ihres Vaters zu verstehen beginnt. Sie lässt einen aber ebenso lachen, da trotz aller Probleme und Sorgen der Geschichte doch eine unbestreitbare Wärme und Herzlichkeit innewohnt, denn Calypso und ihr Vater werden in ihrer Not nicht alleine gelassen.

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Ich schreie ihn immer weiter an, werfe ihm Sachen an den Kopf, die ich noch nie in den Mund genommen haben, ich schlage und schlitze und steche mit Worten. Sie sprudeln aus mir heraus, als hätte jemand eine Flasche Gift entkorkt. (Seite 125)

Mae und ihre Familie, die Schule, das Jugendamt und Psychologen – sie alle sind da für sie und unterstützen nach Kräften. Diese selbstverständliche Warmherzigkeit trieb mir mindestens ebenso die Tränen in die Augen wie der einsame Alltag von Calypso. Allem zum Trotz ist sie sehr stark und sie ist auch eine starke Protagonistin. Offen, fantasievoll und verständnisvoll. Aber eben auch kindlich bedürftig und es schmerzt umso mehr, wenn diese selbstverständlichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden konnten. Es gab Szenen, die zerrissen mir das Herz.

Jo Cotterill lässt Calypso eine absolut plausible Entwicklung durchmachen. Gleiches gilt für ihren Vater, der sich in seiner Trauer verliert und in Depressionen versinkt. Das macht aus „Eine Geschichte der Zitrone“ eine sehr einfühlsame Geschichte, die direkt aus dem Leben gegriffen ist.

Fazit

„Eine Geschichte der Zitrone“ von Jo Cotterill ist für mich eines der stärksten Bücher aus dem Königskinder Verlag. Eine Coming-of-Age Geschichte, intensiv und bittersüß, zart und tragisch-schön. Eine Geschichte darüber, wie Familie funktionieren kann, wenn sie nicht mehr richtig funktioniert, da Tod und Krankheit alles durcheinander wirbeln und verdrehen. Die Autorin berührt dabei mit klaren und starken Worten tief die Gefühle ihrer Leser.

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Eine Geschichte der Zitrone

cotterill-eine-geschichte-der-zitroneWie gern hätte Calypso eine richtige Freundin! Vielleicht wird es ja Mae, die Neue in der Klasse? Die ist genauso ein Bücherwurm wie sie. Auch wenn für Mae ein Buch nur gut ist, wenn sie am Ende richtig heulen muss. Aber Calypsos Dad findet, man soll sich nicht auf andere einlassen. Er hat ohnehin keine Zeit für so was – er schreibt sein Meisterwerk über die Geschichte der Zitrone. Und scheint darüber oft zu vergessen, dass er eine Tochter hat. Je mehr Zeit Calypso bei Mae und ihrer herzlichen Familie verbringt, desto klarer wird ihr, wie seltsam, staubig und leer ihr eigenes Zuhause ist. Damit sich das endlich ändert, müssen alle zusammenhelfen.

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Verlag (Copyright): Königskinder Verlag (Carlsen Verlag)
Preis:
 16.99 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-551-56036-0
Erschienen: 29. September 2016
Zur Verlagswebseite

Über Jo Cotterill


Jo Cotterill hat als Schauspielerin und als Lehrerin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie hat schon einige Bücher veröffentlicht, die vielfach ausgezeichnet wurden. „Eine Geschichte der Zitrone“ ist das erste Buch von Jo Cotterill, das auf Deutsch erscheint. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der englischen Grafschaft Oxfordshire.

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9 Gedanken zu “Eine Geschichte der Zitrone von Jo Cotterill | Rezension

    1. Hi Nicci,

      so, jetzt aber die richtige Antwort auf den richtigen Kommentar 😀 Hatte deine beiden Kommentare durcheinandergebracht 😉
      Lies es, lies es, lies es! Es ist wirklich richtig, richtig gut. Es lässt sich so schnell lesen, es ist so kurz, und gibt einem dennoch wahnsinnig viel. Ein kleiner Schatz 🙂

      Liebste Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

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