Warum wir unseren Eltern nichts schulden von Barbara Bleisch | Rezension

Philosophische Untersuchung der Eltern-Kind-Beziehung.

Barbara Bleisch ist Philosophin und Moderatorin und untersucht in ihrem Buch „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ auf philosophischer Ebene, inwiefern Kinder ihren Eltern etwas schuldig sind. Seien es regelmäßige Besuche, gemeinsame Urlaube oder auch finanzielle Leistungen. Ein spannendes Thema, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Familien sind. Während sich die Mitglieder in einer Familie sehr nahe stehen und ganz selbstverständlich Zeit miteinander verbringen und sich unter die Arme greifen, wenn Hilfe nötig ist, sind sich andere Familien einander beinahe fremd. Ganz zu schweigen von Familien, die sich komplett zerstritten haben und keinerlei Kontakt mehr pflegen. Meine Neugier war demnach geweckt, als ich dieses Buch aus dem Hause Hanser bei mir aus dem Briefkasten fischte.

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Eines stellt Barbara Bleisch gleich vorweg in ihrer Einführung klar: Bei ihrem Werk handelt es sich nicht um einen Ratgeber. Kinder und auch Eltern werden hier keine Tipps finden, mit denen sie vermeintliche Schuldfragen klären können. Stattdessen hinterfragt die Autorin grundlegend, ob Kinder ihren Eltern etwas schuldig sind und wirft dabei – typisch philosophisch – gleich noch mehr Fragen auf. Sie widmet sich nach der Einführung fünf großen Themenkomplexen, die jeweils Gefühle von Schuld hervorrufen können.

Da wäre zuerst natürlich die Schuld an sich. Wenn Eltern beispielsweise der Ansicht sind, sie haben ihr Kind großgezogen, Arbeit, Geld und Energie investiert, und nun sei eine Gegenleistung fällig. Aber auch Dankbarkeit und Freundschaft könnten Auslöser von Schuldgefühlen sein. Ebenso wie die Verwandtschaft – Blut ist dicker als Wasser – sowie die Verletzlichkeit. Zu guter Letzt widmet sich Barbara Bleisch dem Kapitel „Das gute Kind“: Wollen wir nicht alle, dass unsere Eltern mit uns zufrieden sind?

„Konzipierten wir das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern als eines der Schuld, müssten die Kinder zwangsläufig auf Distanz gehen und versuchen, ihrer misslichen Lage zu entfliehen. Denn Schuld verbindet zwar mit Blick auf offene Rechnungen; sie schafft jedoch emotional eine enorme Distanz.“ (Seite 37)

Die Erörterungen sind sehr gut verständlich und man kann den Ausführungen der Autorin gut folgen. Streckenweise gestaltet sich das Lesen etwas anstrengend, zu trocken  ist die Untersuchung, doch letztendlich hält sich Barbara Bleisch nie so lange an einem Punkt auf, als dass das Interesse schwinden könnte.

Ich war über die Vielfalt der Varianten, Schuldgefühle zu empfinden, sehr überrascht. Mir war nicht bewusst, auf wie vielen Ebenen sich ein Schuldempfinden den Eltern gegenüber einstellen kann. Dennoch begleitete mich im Verlauf des gesamten Buches ein gewisser Widerwillen, denn Schuld passt nicht in meine persönliche Wahrnehmung eines Eltern-Kind-Verhältnisses. Andererseits bin ich aber auch nicht einverstanden mit der Aussage, dass Kinder ihren Eltern nichts schulden. Beides erschien mir nicht richtig. Denn: Ich rufe meine Eltern an, weil ich es möchte. Ich wünsche mir einen guten Kontakt zu ihnen, weil es ein tiefes Bedürfnis ist, das rein gar nichts mit Schuld zu tun hat. Gleichermaßen sehe ich es aber auch als selbstverständliche Pflicht, meinen Eltern in jeder möglichen Notlage zu helfen. Und das hat ebenfalls nichts mit Schuld zu tun.

In einer Zeit, in der das Individuum gewohnt ist, sich selbst zu entwerfen, möglichst alles frei zu wählen und unabhängig den eigenen Weg zu gehen, wirkt Familie fast wie ein Anachronismus. Doch birgt die Herkunftsfamilie zugleich auch die Chance, sich in ihrer Nicht-Wählbarkeit und Unfreiwilligkeit bedingungslos angenommen zu fühlen. (Seite 193)

Wie passt dieses Empfinden also zu einem Buch, in dem sich alles um das Thema Schuld dreht? Letztendlich haben mich die Ausführungen am Ende der Untersuchung mit dem Buch versöhnt. Denn abseits von Schuld oder Nicht-Schuld ist es etwas ganz anderes, was eine Familie zusammenhalten kann. Mit dieser Schlussfolgerung beendet Barbara Bleisch ihre Untersuchung und hinterlässt ihren Lesern viel Stoff zum Nachdenken.

Fazit

„Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ von Barbara Bleisch ist eine philosophische Untersuchung und kein Ratgeber. Das sollte einem als Leser bewusst sein, denn sonst wird man enttäuscht. Als Leser bekommt man keine Antworten auf Schwierigkeiten innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung, es werden vielmehr Thesen aufgestellt, die hinterfragen, ob Kinder ihren Eltern gegenüber etwas schuldig sind. Wer sich auf diese Gedankengänge einlassen möchte, dem kann ich dieses Buch ans Herz legen, es wird auf jeden Fall zum Nachdenken anregen.


Warum wir unseren Eltern nichts schulden

bleisch-warum-wir-unseren-eltern-nichts-schuldenWie oft soll ein erwachsener Sohn seine Mutter besuchen? Muss sich eine Tochter finanziell an der Pflege ihres Vaters beteiligen? Sind Kinder ihren Eltern überhaupt etwas schuldig? Die Bindung an die Eltern ist die einzige Beziehung, die wir uns nicht aussuchen können. Klug und zugänglich schildert die Philosophin Barbara Bleisch diese existentielle und zugleich komplizierte Verwandtschaftsbeziehung. Sie macht deutlich, was Kinder im Guten wie im Schlechten an ihre Eltern bindet, geht Fragen auf den Grund, die jeden beschäftigen – und beschreibt, warum aus dieser Bindung keine Pflicht erwächst, es aber dennoch ein großes Glück sein kann, sich um seine Eltern zu bemühen.


Über Barbara Bleisch

Barbara Bleisch, geboren 1973, lebt mit ihrer Familie in Zürich. Sie war bis 2016 über zehn Jahre am Ethik-Zentrums der Universität Zürich tätig und leitete unter anderem die Advanced Studies in Applied Ethics, in denen sie heute noch als Dozentin tätig ist. Derzeit ist sie Akademischer Gast am Collegium Helveticum der Universität Zürich und der ETH Zürich. Seit 2010 moderiert sie die Sendung „Sternstunde Philosophie“ beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, seit 2013 ist sie Kolumnistin des „Philosophie Magazins“.


Verlagsinfos zum Buch
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Verlag (Copyright): Hanser Verlag
Preis:
 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-25831-0
Erschienen: 19. Februar 2018
Zur Verlagswebseite

11 Gedanken zu “Warum wir unseren Eltern nichts schulden von Barbara Bleisch | Rezension

  1. Das ist ein interessantes Buch.
    Es sind genau die Fragen, die sich Kinder oft stellen oder man ein schlechtes Gewissen oft gemacht bekommt von den Eltern, aber auch von der Umwelt. „Weil man ja da sein muss für seine Eltern – es sich ja schließlich so gehört“

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das stimmt. Es ist immer ein Thema, selbst wenn die Eltern nichts einfordern oder Kinder sich aus Liebe selbstverständlich kümmern. Doch selbst dann kann es zu anstrengend werden oder zu teuer und schon schleicht sich das schlechte Gewissen ein, einer „Schuldigkeit“ nicht nachkommen zu können. Ich finde die Aufarbeitung in diesem Buch sehr interessant, da die Autorin rein philosophisch an das Thema herangeht ☺️

      Liebe Grüße,
      Anna

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  2. Hallo,
    die Autorin ist Jahrgang ’73. Da ist es gut möglich, dass ihre Eltern noch vom Krieg geprägt wurden und diese Generation hat, denke ich, viel über „Schuld erzogen“ vieleicht um vom eigenen Denken abzulenken.
    Gleichzeitig wir das Thema viel zitiert, sei es komisch, sei es ernst, muss also was dran sein.

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    1. Ich denke auch, dass bei diesem Thema viel Prägung aus der Nachkriegsgeneration mit im Spiel ist. Bei manchen Familien mag das mehr, bei manchen weniger der Fall sein – aber wahrscheinlich genug, um auch heute noch eine gewisse Daseinsberechtigung zu haben.

      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Anna,
    Da hast du ja ein wirklich sehr interessantes Buch gelesen! Ich lese eigentlich keine Sachbücher, aber das würde mich tatsächlich ansprechen. Ich finde nämlich auch, dass es schwierig ist Familienverhältnisse wiederzuspiegeln und ich habe zum Beispiel ganz andere Ansichten als meine Mama. Meine Mama kann das auch gut, sich auf „Schuld“ zu berufen. Sie hat mich ja immerhin großgezogen. Ich bin eher der Meinung, das ein gutes familiäres Verhältnis auf Gegenseitigkeit beruht. Das Thema Familie finde ich generell sehr spannend und das obwohl ich selbst nicht der Familienmensch bin. Oder vielleicht gerade deshalb.
    Liebste Grüße
    Jenny

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Jenny,

      ich fand es auch super spannend – obwohl ich ebenfalls eher keine Sachbücher lese. Bei uns ist es so, dass meine Eltern sind so gut wie gar nicht um einen engen Kontakt bemühen, also das genaue Gegenteil sind von Eltern, die viel von ihren Kindern fordern 😌 Ich sehe es daher so wie du, dass ein gutes familiäres Verhältnis auf Gegenseitigkeit beruht.
      Das Buch könnte auf jeden Fall genau das richtige für dich sein.

      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

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