Schattengesicht von Antje Wagner | Rezension

Bleib bei mir, dachte ich. Bleib bei mir, und nichts wird jemals schief gehen. (Seite 104)

Wer auf der Suche nach einem Geheimtipp ist, der sollte unbedingt einen Blick in „Schattengesicht“ von Antje Wagner werfen, denn ich war der Geschichte von der ersten Seite an verfallen. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich übte sie eine enorm starke Sogkraft aus. Auf dem Cover steht „Thriller“, doch es steckt so viel mehr darin. Danke daher an die Autorin, die auf meinen Blog aufmerksam wurde und mich wiederum mit der Nase auf ihr Buch stieß, und danke auch dem Ulrike Helmer Verlag, der mir nach „Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels ein weiteres Mal ein Buch anvertraute.

In „Schattengesicht“ geht es um Mila und Polly, zwei enge Freundinnen, die in einer heruntergekommenen Wohnung zusammen leben. Mila arbeitet als Zimmermädchen in einem Hotel, Polly hingegen verlässt die Wohnung fast nie. Sie scheinen auf der Flucht zu sein, sie verstecken sich. Doch wovor? Das erfährt der Leser nicht. Überhaupt bleibt vieles von der Handlung über weite Strecken hinweg unklar.

Nur eine Sache lässt sich früh erahnen. Doch das macht nichts, denn es geht Antje Wagner, so meine Annahme, nicht darum, ihre Leser möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen. Vielmehr geht es darum, Klarheit über das „Warum?“ zu erlangen, denn hinter jedem Tun von Mila und Polly steht diese Frage, der Antje Wagner sprachlich virtuos nachgeht. Sie nimmt die Empfindungen ihrer Protagonistin auseinander und verpackt sie gleichzeitig wieder in beinahe schmerzhaft schöne Bilder. Schmerzhaft ist ein gutes Stichwort, denn würde ich die Geschichte von Mila und Polly in einem Wort zusammenfassen müssen, wäre es das: schmerzhaft.

Ich dachte nie, dass mir etwas passieren könnte. Carsten und Ina verwechselten mich mit jemand anderem. Mir konnte nichts geschehen, nur dieser Tochter, die es nicht gab. (Seite 137)

Anfangs ist es ein nicht wirklich greifbarer Schmerz, der sich durch die Gedanken und Erinnerungen von Mila zieht. Doch er ist vorhanden, er zeigt sich in kurzen Momenten, in Situationen, in denen Mila unsicher und zögerlich ist, in denen sie sich verletzlich fühlt. Später wird der Schmerz sehr real und nimmt dadurch eine neue Dimension ein. Man ahnt, dass man dem Ursprung des Schmerzes auf der Spur ist, dass man ihm mit jeder gelesenen Seite näherkommt und damit auch der Erklärung für all die Ungereimtheiten.

Antje Wagner geht hier brillant subtil vor. Sie streut Andeutungen und reichert ihre Geschichte Stück für Stück weiter an. Dazu trägt in großem Maße bei, dass „Schattengesicht“ rückwärts erzählt wird. So ist es ein logischer Prozess, dass die Hintergründe erst im Verlauf des Lesens aufgedeckt werden, denn sie liegen in der Kindheit von Mila vergraben.

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Ich sank in die Erinnerung, in das Gefühl einer fremden Einsamkeit, das ich an jenem Nachmittag in Halbreich verspürt hatte, und mehr als alles fühlte sich diese Erinnerung wie ein Zuhause an. (Seite 154)

In gleichem Maße, wie Seite für Seite das Verstehen zunimmt, wächst auch das Verständnis für Mila. Zu Beginn wurde ich nämlich nicht recht schlau aus ihr. Sie ist ein eigenwilliger Charakter. Weder Gespräche noch die Handlung trugen dazu bei, sie besser verstehen zu können. Mila ist ein einziges großes Rätsel und es ist ein faszinierender Prozess, sie kennenzulernen. Ebenso Polly. Wer ist sie? Ohne Frage ist sie ein mutiger Dickkopf, der sich für andere einsetzt. Schon früh erlebt man sie in Aktion. Doch was macht sie darüber hinaus aus? Was hat sie alles erlebt? Welche Rolle spielt sie in Milas Kindheit? Fragen über Fragen.

Eines ist klar: „Schattengesicht“ ist eine Geschichte, in der dem Leser Raum geschenkt wird, seinen eigenen Ideen und Vermutungen nachzugehen. Könnte hier nicht ein Zusammenhang bestehen? Was, wenn sich dies oder jenes zugetragen hätte…? Sehr anregend! Noch dazu spielt Antje Wagner teils herrlich bewusst mit den Erwartungen. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Fazit

„Schattengesicht“ von Antje Wagner ist ein Thriller, der mich mit seiner Sprache, seiner Bildgewalt, seiner Charakterentwicklung und seinem Aufbau begeisterte, wie lange kein Buch zuvor. Die Stimmung ist düster, geheimnisvoll, drückend und spannungsgeladen und man wird mit einem Verdacht durch die Geschichte getragen, bis dieser sich erhärtet und alles sich zu einem großen Ganzen fügt. Für mich eine der großartigsten Entdeckungen in diesem Jahr.


Schattengesicht

wagner-schattengesichtMila und Polly – zwei junge Frauen, die auf der Flucht sind. Etwas Rätselhaftes, nicht Greifbares umgibt sie, mehr noch: Bedrohung. Warum ist der Tod ihr ständiger Begleiter?

Milas Freundschaft zu Polly reicht bis in die Kindheit zurück: Das unglückliche Mädchen, das sich in ein eigenes »Halbreich« flüchtet, findet unter einer Trauerweide am Rande eines Waldsees eine Freundin. Selbst als Mila längst erwachsen ist und eine Lehrerinnenausbildung absolviert, bleibt Polly ihre stete Begleiterin – und unterstützt sie, auch wenn es um den Kampf gegen Ungerechtigkeiten oder um Rache geht…


Über Antje Wagner

1974 in Wittenberg geboren, schreibt Romane und Erzählungen für Jugendliche und Erwachsene. Sie absolvierte ein Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester. Von 2012 bis 2014 leitete sie das renommierte Schreibzimmer Prosa am Literaturhaus Frankfurt/Main.

Antje Wagners Romane werden in der Presse mit Filmen wie »The Sixth Sense« oder »The Village« verglichen. Eine Kinofilm-Adaption ihres Romanes »Vakuum« ist in Vorbereitung.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG nahm Antje Wagner 2012 in den Kanon der »20 besten deutschsprachigen Autoren unter 40 Jahre« auf.


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Ulrike Helmer Verlag
Preis:
 12.00 Euro
Format: Paperback
ISBN: 978-3-89741-413-6
Erschienen (im Ulrike Helmer Verlag): 1. Februar 2018
Zur Verlagswebseite


Bunte Stimmen anderer Blogger

8 Gedanken zu “Schattengesicht von Antje Wagner | Rezension

      1. Eine Aktion, bei der ich Bücher von Selfpublishern und kleinen Verlagen vorstelle. Das ist mal „aus der Not heraus“ entstanden, weil ich all die schönen Angebote, die in meinem Mailfach landen, leider gar nicht lesen kann.

        Gefällt 1 Person

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