Superhero von Anthony McCarten | Rezension

Ja, der Junge auf der Brücke vergleicht sich mit verglühenden Sternen, während er darauf wartet, dass die einzelnen Elemente seines Todeswunsches – Ekel, Wut, Schmerz, Übelkeit, Schwäche, Frustration, Ungerechtigkeit, Neid, Einsamkeit, Reue – sich zu einer Kraft verbinden, die ausreicht, ihn in die Tiefe zu stoßen. (Seite 38)

Auf der diesjährigen LitBlog Convention hatte ich das Glück, der Lektorin Anna von Planta lauschen zu können, die von ihren Begegnungen mit Anthony McCarten und seinen Werken sprach. Sie erzählte auch von ihrem ersten Eindruck von „Superhero“ und ihrem Erstaunen über dieses ungewöhnliche Manuskript. Der Roman ist in Teilen wie ein Theaterstück, wie ein Comic, wie ein Drehbuch geschrieben – ein Sammelsurium der verschiedenen Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Doch nicht allein das macht „Superhero“ zu dem, was es ist: zu einem besonderen Werk.

Denn unabhängig vom Erzählstil hat Anthony McCarten eine äußerst feinfühlige Geschichte über einen todkranken Jungen geschrieben, die gleichzeitig traurig, überraschend witzig und vielschichtig ist. Der Autor nimmt das Schicksal von Donald Delpe ernst, zeichnet es aber nicht nur Grau in Grau. Vielmehr strotzt „Superhero“ förmlich vor Farbe und Leben, nicht zuletzt wegen der Comic-Szenen, die man als Leser auf Anhieb vor Augen hat. Sie bringen Abwechslung ins Lesen, ebenso wie in Donald’s tristen Alltag zwischen Behandlungen und Therapie und die Zeit mit seiner Familie. Die Comic-Geschichten sind wunderbar überspitzt und im Grunde dreht sich alles nur um Superhelden und Schurken und Sex. Vor allem Letzterer ist omnipräsent in Donald’s Gedanken und gleichzeitig ein wichtiges Plotelement.

Dann um die Mittagszeit ein kleiner Ausflug zur Radiologie, eine Art Mittagspause auf dem Atomwaffentestgelände; nach genau der richtigen Dosis Gamma- und Röntgenstrahlen, Mirko- und überhaupt allem außer der La-Ola-Welle, wird er zurück zum Vergnügungsdampfer gefahren, Station eins, Stadtkrankenhaus Watford, und da liegt er, mit Gift vollgepumpt, ein zuckender Zombie. (Seite 173)

Doch wer nun meint, dass es in „Superhero“ nur um einen hormongesteuerten Jugendlichen dreht, irrt sich. Klar geht es um Erfahrungen, doch anfangs kaum spürbar, später immer offenkundiger, gewinnt die Story an Tiefe und Emotionalität. Und auch Donald Delpe ist kein eindimensionaler Charakter. Mal fügt er sich desillusioniert in sein Schicksal, mal lehnt er sich geradezu heroisch dagegen auf. Aber ganz gleich, wie er sich gerade fühlt, er flieht regelmäßig in seine Comic-Welt. Sie ist sein Refugium, sein Safe-Space, sein alternatives Universum, in dem alles in Ordnung ist. Dort kann er alles sein und alles erleben, was ihm im echten Leben verwehrt bleibt.

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Ob Gesundheit nicht auch Metastasen bilden konnte? […] Warum sollte man sich nicht mit akutem Wohlgefühl anstecken können, einer Krankheit, über die die gesamte Weltgesundheitsorganisation staunen würde, eine Epidemie, die sich gnadenlos ausbreitet, die jeden erwischen kann, und jeder, bei dem sie ausbricht, fühlt sich…einfach wunderbar. (Seite 238/239)

Rund um Donald Delpe gibt es noch weitere Charaktere, deren Schicksal von nicht weniger großer Intensität ist. Da wären die Eltern von Donald sowie sein Bruder und sein Psychologe und dessen Ehefrau. Alle rotieren sie um Donald, mit ihren eigenen Sorgen, Wünschen und Hoffnungen im Gepäck. Dank ihnen rückt das Schicksal von Donald – so schwer zu tragen es auch ist – nicht zu sehr in den Vordergrund. Der Autor drückt dadurch nicht unentwegt und schon gar nicht zwanghaft auf die Tränendrüse, sondern achtet sorgsam darauf, dem Leser einen Ausgleich zu bieten und ein rundes Bild zu zeigen.

Fazit

„Superhero“ von Anthony McCarten ist eine sehr berührende Geschichte über den schwerkranken Donald Delpe, der seinen eigenen Helden erfindet und am Ende ganz anderen und realen Helden begegnet, die ihn auf seinem Weg begleiten. Diese Geschichte ist stilistisch äußerst vielseitig: Comic trifft auf Theater trifft auf Drehbuch. Doch der Mix funktioniert! Als Leser ist man unmittelbar Teil dieser manchmal etwas verrückten, aber immer liebenswerten Welt von Donald Delpe. Man lacht, man weint, aber nie wird man in diese Emotionen gedrückt – was das Thema nahe legen könnte -, sie kommen unaufdringlich und echt. Ein tolles Buch!

♥ ♥ ♥ ♥ ♥


Superhero

mccarten--superheroDonald Delpe ist 14, voller unerfüllter Sehnsucht, Comiczeichner. Er möchte nur eines wissen: Wie geht Liebe? Doch er hat wenig Zeit – er ist schwerkrank. Was ihm bleibt, ist ein Leben im schnellen Vorlauf. Das schafft aber nur ein Superheld. Donald hat sogar einen erfunden – MiracleMan. Aber kann MiracleMan ihm helfen, oder braucht Donald ganz andere Helden?


Über Anthony McCarten

Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland, schrieb als 25-Jähriger mit Stephen Sinclair den Theaterhit ›Ladies Night‹. Es folgten Romane und Drehbücher (u. a. zu den von ihm auch mitproduzierten internationalen Filmen ›The Theory of Everything‹ und ›Darkest Hour‹ mit Gary Oldman). Er lebt in London.


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Diogenes Verlag
Preis:
 12.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-257-23733-7
Erschienen: 1. Mai 2008
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6 Kommentare zu „Superhero von Anthony McCarten | Rezension

Gib deinen ab

  1. Liebe Anna,
    es freut mich sehr, zu lesen, dass dir Superhero so gut gefallen hat 🙂 Ich war von Anthony McCartens Lektüre unglaublich angetan. Gerade die unterschiedlichen stilistischen Elemente waren wirklich faszinierend. Die Art und Weise so über einen Schwerkranken zu schreiben, finde ich wirklich bemerkenswert. Es zeigt das Leben in einer beeindruckenden Echtheit, ohne zu kitschig oder zu distanziert zu wirken.

    Eine sehr schöne Rezension 🙂 ❤

    Alles Liebe,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Du sagst es, liebe Sarah 🙂 Die Echtheit einer tragischen Situation, ohne kitschig zu sein. Das fand ich auch unglaublich überzeugend! Du hast das Buch auch rezensiert? Ich hatte die gar nicht entdeckt! Jetzt bist du gleich verlinkt 🙂 🙂

      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt 1 Person

      1. Ouh vielen lieben Dank für die Verlinkung 🙂 Ja, genau, hihi. Den Roman habe ich vor ein paar Wochen selbst erst gelesen und war wirklich angetan 🙂 Derzeit habe ich mir von ihm Jack geschnappt und bin sehr gespannt, was mich dort erwarten wird.
        Deine Rezension habe ich auch verlinkt ❤ Und du bist sogar die erste, hihi.

        Gefällt 1 Person

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