Hyde von Antje Wagner | Rezension

Es war eine einzige große Unglaublichkeit, aber manchmal, das wusste ich ja, manchmal war gerade das Unglaubliche das überzeugendste Detail an einer Geschichte. (Seite 397)

Wer die Autorin Antje Wagner noch nicht kennt, sollte dies mit ihrem neuen Roman „Hyde“ unbedingt ändern, denn der ist eine Wucht! Er ist komplex und dramatisch, verwunschen und unheimlich, schlicht brillant. Ich geriet von der ersten Zeile an in die Fänge dieser Geschichte, begleitete die Protagonistin Katrina auf ihrem anstrengenden, aufreibenden und bisweilen schockierenden Weg. Dabei rüttelt die Autorin beständig an dem, was man zu glauben meint, bewirft einen mit neuen Erkenntnissen und noch nicht ganz greifbaren Zusammenhängen, die sich verdichten, bis man voller Atemlosigkeit durch die letzten Seiten rast. Ein tolles Erlebnis.

„Hyde“ lässt sich dabei in kein Genre zwängen, zu vielseitig ist die Geschichte. Es geht um Katrina, die auf der Suche nach Arbeit durch das Land zieht. Ein Geheimnis umgibt sie, das weiß man von Beginn an – immerhin versteckt sie einen Teil ihres Gesichtes nicht grundlos unter einem Tuch. Und sie ist voller Wut. Wut, da ihrem Vater und ihrer Schwester irgendetwas zugestoßen ist. Sie muss Geld zusammenbekommen, damit sie Rache üben kann. So weit die Fakten, alles weitere bleibt in der Schwebe.

Probleme haben die Leute draußen. Wir nicht, Katrina.
Ich lauschte auf die Stimme in meinem Kopf und wurde ruhiger.
Für uns gibt es nur Herausforderungen. (Seite 73)

Ihr Weg führt sie unverhofft zu einem alten, verlassenen Haus, in dem sie als Verwalterin wohnen bleibt, obgleich vieles an diesem Haus seltsam erscheint. Hier nimmt die Geschichte dann ihren faszinierenden Lauf. Besonders reizvoll fand ich, wie man als Leser Schritt für Schritt mehr über Katrinas Vergangenheit erfährt. Sie lebte mit ihrem Vater und ihrer Zwillingsschwester Zoe im Wald – versteckt vor der Welt, im Einklang mit der Natur. „Hyde“, nannten sie ihr Zuhause. Sie lebten dort nach strengen und sonderbar anmutenden Regeln: Sie durften nicht gesehen werden und das Haus nur zu bestimmten Zeiten verlassen, um durch den Wald zu stromern. Zweimal im Jahr verließen sie ihr Versteck, um nach Berlin zu fahren, Vorräte zu kaufen, zum Friseur und ins Kino zu gehen. Dann ziehen sie sich wieder zurück. Man versteht nicht, warum dies so ist, doch das macht nichts. Die drei sind glücklich und dieses Glück fliegt einem aus den Zeilen entgegen und setzt sich im Herzen fest. Verwunschen empfand ich die Rückblicke in Katrinas Zeit im Wald.

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In der Gegenwart befindet sich Katrina in dem sonderbaren Haus und hier schlägt einem unmittelbar eine ganz andere Stimmung entgegen. Es ist unheimlich! Und zwar auf eine sehr subtile Art und Weise. Es beginnt mit einem zarten Geflecht von Sonderbarkeiten, unerklärlichen Ereignissen, seltsamen Geräuschen, einem verschlossenen Zimmer, Kälte. Klassische Elemente, die Antje Wagner mit so einem besonnenen Geschick einfließen lässt, dass sie ganz und gar überzeugend sind. Als Leser wird man regelrecht dazu eingeladen, Theorien zu entwickeln, nur um diese kurze Zeit später zu verwerfen.

Was ist die Ursache für Liebe?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass die Liebe nicht verschwindet, wenn der Mensch, dem sie gehört, stirbt. Sie ist immer noch da. Wie das Licht, wenn eine Kerze erlischt. Sie ist in meinem Innern, streift suchend umher, heimatlos, mit wunden Füßen, sehnsüchtigen Händen. (Seite 389)

Das liegt maßgeblich daran, dass der Roman äußerst komplex angelegt ist. Ein verschachtelter Aufbau, in dem Geheimnisse und Erinnerungen nach und nach enthüllt werden. Dadurch gerät man automatisch in diesen Sog, der ein richtig gutes Buch ausmacht. Durch alles trägt der Schreibstil von Antje Wagner. Sie schreibt kunstvoll, ohne künstlich zu wirken. Sie trifft mit ihren Worten nicht nur den Punkt, sondern auch ins Herz. Sie ist präzise und gleichzeitig lässt sie vieles bewusst offen. Ich liebe ihre Art zu schreiben!

Fazit

„Hyde“ von Antje Wagner ist ganz großes Kino. Hier passt einfach alles – Stimmung, Charaktere, Schreibstil und Story. Die Geschichte um Katrina fesselt, berührt und lässt einen mitdenken, da einzelne Erzählstränge äußerst geschickt miteinander verknüpft werden. Sowohl in der Vergangenheit von Katrina als auch in der Gegenwart ist Dramatisches geschehen, dem man als Leser Stück für Stück auf die Spur kommt. Ein aufwühlender und bisweilen unheimlicher Genuss!

♥ ♥ ♥ ♥ 


Hyde

wagner-hydeSeit sie denken kann, ist Hyde Katrinas Zuhause gewesen. Hier ist sie aufgewachsen, mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater. Jetzt ist Hyde verschwunden – und Katrina auf sich allein gestellt. Von dem, was geschehen ist, weiß sie nur noch Bruchstücke. Als sie beginnt, ein verfallenes Haus zu renovieren, mit dem sie sich auf seltsame Weise verbunden fühlt, führt sie dies auf die Spur eines ungeheuren Geheimnisses. Ist sie überhaupt diejenige, die sie glaubt zu sein?


Über Antje Wagner

Antje Wagner, geboren 1974, studierte deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften und lebt in Hildesheim. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nahm sie 2012 in den Kanon der 20 besten deutschsprachigen Schriftsteller unter 40 Jahren auf. Bislang erschienen u.a. ihre Romane »Unland« (ver.di Literaturpreis 2010, Prädikat »Beste 7 Bücher für junge Leser« (DeutschlandRadio/Focus)), »Schattengesicht« und »Vakuum« (u.a. ausgezeichnet mit dem Leipziger Lesekompass 2013).


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Verlagsgruppe Beltz
Preis:
 17.95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-407-75435-6
Erschienen: 10. Juli 2017
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7 Kommentare zu „Hyde von Antje Wagner | Rezension

Gib deinen ab

  1. Hallo Anna,
    das klingt wirklich nach einem sehr guten, faszinierenden Buch.
    Die Leseprobe hatte mich auf den ersten Blick nicht so umgehauen, aber deine Rezension beschreibt alles so wunderbar, das ich dem Buch wahrscheinlich einen zweiten Blick gönne. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    Gefällt 1 Person

  2. Wie spannend Du das beschrieben hast liebe Anne! Ich liebe geheimnisvolle Geschichten, die von ungewöhnlichen Frauen handeln. Sofort notiert im Kopf und ich denke bei meinem nächsten Besuch in einer Buchhandlung wird mir diese Lektüre sofort ins Auge springen,,,
    Herzlich
    Angela vom Literaturgarten

    Gefällt 1 Person

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