Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire | Rezension

Wie kommt er dazu, sich mit diesem Mädchen abzugeben? Und dann wieder denkt er, es liegt an ihm, er ist völlig kaputt. Und dann will er nur noch einschlafen und seinem Bewusstsein entkommen, bevor es ihn ruiniert. (Seite 86)

„Uns gehört die Nacht“ von Jardine Libaire ist düster, intensiv und sexy. Yale-Student Jamey trifft die halb Puerto-Ricanerin Elise, die ohne Schulabschluss aufgewachsen ist. Der Zufall bringt sie zusammen, denn sie sind Nachbarn. Erst verbindet sie unverbindlicher Sex, später wird daraus jedoch mehr. Im Prinzip ist die Handlung schlicht, doch der Schreibstil und eine präzise und tiefgehende Charakterstudie machen mehr daraus. Jardine Libaire schreibt roh und gleichzeitig poetisch. Und roh, beinahe animalisch, ist auch die Beziehung von Elise und Jamey. Sie versprechen sich nichts, sehnen sich im Prinzip nur nach dem Körper des anderen. Wie Getriebene.

Und hier wird es spannend, denn was treibt die beiden an, sich in eine derart obsessive Affäre zu stürzen? Für das Innenleben der beiden findet Libaire ausdrucksstarke, aber oft nicht ganz greifbare Worte, so dass die Beweggründe und Gedanken im Verborgenen bleiben. Als seien Elise und Jamey sich dieser selbst nicht bewusst. Das hat mir sehr gefallen, denn wie oft handeln wir, ohne recht verstehen zu können, weshalb wir so handeln. Oft sind es einzig und allein die Gefühle, die uns leiten – ebenso wie Jamey und Elise ihren Gefühlen nachgeben und schauen, wo diese sie hinführen.

Es ist wie ein Tagtraum, den er längst vergessen hat. Es ist, als hätte er vergessen, Tagträume zu haben. Es ist, als hätte er nie etwas gewollt und sich nur den Kopf darüber zerbrochen, was er wollen sollte, was zu wollen andere Leute von ihm wollten. (Seite 189)

Konnte mich der Roman also durchweg überzeugen? Ich muss gestehen, dass mich „Uns gehört die Nacht“ nicht so sehr in den Bann ziehen konnte, wie erwartet. Dazu ging die Handlung teils zu schleppend voran. Zäh geht es von Treffen zu Treffen, zwischendurch passiert wenig anderes, alles konzentriert sich auf die Zeit, die Jamey und Elise zusammen verbringen. Trotzdem blieben mir die Gefühle von Elise und Jamey seltsam fremd. Mir fehlte ein direkter Zugang zu den beiden, stattdessen fühlte ich meist auf Armeslänge auf Distanz gehalten. Wären da nicht …

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Egal, was er jetzt noch sagt oder tut, die Familie wird beschließen, dass sie an allem Schuld ist, dass sie ihn vom rechten Weg abbringt.
Und hat sie das nicht? (Seite 247)

… diese gelegentlichen Gedankengänge, die mich vollkommen in den Kopf und ins Herz von Jamey oder Elise zu katapultieren vermochten. Diese Momente haben gezeigt, wie tief die Autorin ihre Charaktere durchdacht hat und letztendlich ließen sie mich etwas weniger mit meinen Kritikpunkten hadern. Nichts geschieht willkürlich, kein Satz ist ohne tieferen Sinn. So spielt auch die Vergangenheit eine wichtige Rolle, denn die als Kind gemachten Erfahrungen beeinflussen Jamey und Elise unmittelbar in ihrem Denken. Und beide sind sich gar nicht so unähnlich – sie sind Gefangene ihrer Lebensumstände, Gefangene ihres Denkens und ihrer Erfahrungen. Das ist es, was sie so sehr zueinander treibt, voller Kraft und kompromisslos.

Fazit

„Uns gehört die Nacht“ von Jardine Libaire ist eine Geschichte von Liebe, Sex, Obsession, die sehr gut gelungen ist, die mich persönlich nur nicht zu jeder Zeit überzeugt hat. Das liegt maßgeblich daran, dass ich die Handlung streckenweise als schleppend empfand und ich mich durch den recht distanzierten Schreibstil nicht in Gänze emotional abgeholt fühlte. Nichtsdestotrotz ist der Roman eine Empfehlung, denn Jardine Libaire hat eine spannende Charakterstudie geschrieben. Sie schaut tief in die Seele von Jamey und Elise und fördert zutage, was sie antreibt und was sie bewegt. Herausfordernd und intensiv.


Uns gehört die Nacht

libaire--uns-gehört-die-nachtAls Elise Perez an einem trostlosen Winternachmittag in New Haven den Yale-Studenten Jamey Hyde kennenlernt, ahnt keiner, dass hier und jetzt ihrer beider Schicksal besiegelt wird. Was als obsessive Affäre beginnt, wird zu einer alles verändernden Liebe. Doch Elise ist halb Puerto-Ricanerin, ohne Vater und Schulabschluss aufgewachsen, und Jamey der Erbe einer sagenhaft reichen Familie von Investmentbankern. Wie weit sind sie bereit zu gehen?


Über Jardine Libaire

Jardine Libaire, geboren 1973 in New York, veröffentlichte Kurzgeschichten im ›New York Magazine‹, in der ›Los Angeles Review of Books‹ und in ›Elle‹ und wurde für ihre schriftstellerische Arbeit u.a. mit dem Hopwood Award, Dorothea Lange-Paul Taylor Prize und dem Glascock Poetry Prize augezeichnet. Sie ist Absolventin des Skidmore Colleges und hat einen MFA in Creative Writing der University of Michigan. Sie lebt in Austin, Texas, wo sie ehrenamtlich für Truth Be Told arbeitet, ein Hilfsprogramm für Frauen im Gefängnis.


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Diogenes Verlag
Preis:
 16.00 Euro
Format: Paperback
ISBN: 978-3-257-30072-7
Erschienen: 25. Juli 2018
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