Vakuum von Antje Wagner | Rezension

Alissa zog ihr Handy heraus. Sie wählte 110.
Nach einer Weile senkte sie das Handy wieder und wählte erneut.
„Was ist los?“, fragte Leon nervös.
„Bei 110 hebt keiner ab.“ (Seite 142)

In diesem Buch eine Pause einlegen? Fehlanzeige. Viel zu spannend ist „Vakuum“ von Antje Wagner. Sie verstrickt Fantasy, Mystery, Horror und Drama in ihrem Jugendbuch – eine überraschend gut funktionierende Mischung. Vor allem, weil die Autorin darüber hinaus nicht vergisst, ein waches Auge auf die komplexen Gefühlswelten ihrer Charaktere zu haben.

Die fünf Jugendlichen Alissa, Leon, Tamara, Hannes und Kora tragen jeder ihr Päckchen mit sich herum, über das sie sich beharrlich ausschweigen. Die Vergangenheit wird fein säuberlich aus ihrem Leben geschnitten. Doch so einfach ist es nicht, denn verdrängte Erfahrungen und Erinnerungen sind starke Treiber, die jeden der Fünf in ihrem Wesen und in ihrem Alltag unbewusst beeinflussen und lenken. Kora zum Beispiel kapselt sich in der Jugendhaft auffallend von allen anderen ab. Hannes muss aus unerfindlichen Gründen jeden Abend zu einer bestimmten Uhrzeit irgendwohin und meidet ebenfalls den Kontakt zu Familie und Freunden. Tamara verliert sich in Klängen und Musik, um den Konflikten mit der Stiefmutter zu entfliehen. Alissa ist innerlich erstarrt, seit sie aus ihrer Heimatstadt weggezogen ist, während ihr Bruder Leon obsessiv fotografiert und verzweifelt ihre Nähe sucht. All dies schildert Antje Wagner äußerst feinsinnig, so dass allein dies mich schon bei der Stange hielt.

Doch dann bleibt plötzlich die Zeit stehen. Alle Menschen und Tiere verschwinden und die Fünf sind auf sich alleine gestellt. Sie finden einander durch unerklärbare Hinweise und Briefe und beginnen mit der Suche nach Antworten, nach Erklärungen für das, was geschehen ist. Warum sind nur sie noch hier? Was hat es mit dem Stillstand der Zeit auf sich?

.Irgendetwas war eigenartig. Obwohl diese Landschaft aussah wie aus einem Urlaubsprospekt, spürte sie, wie die Härchen in ihrem Nacken sich aufstellten. Und das lag nicht mehr an der Kälte. (Seite 111)

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Erzählt wird „Vakuum“ aus den Perspektiven eines jeden Charakters. So erfährt man im Wechsel mehr über Tamara, Alissa, Leon, Hannes und Kora und langsam erschließen sich die ungewöhnlichen Zusammenhänge. Die Autorin deckt schmerzhafte Erfahrungen auf, Schuldgefühle, Zweifel und Ängste. Es ist schnell klar: Jeder der Jugendlichen hat etwas erlebt, dass das Leben in einer besonderen Tragweite beeinflusst hat. Wie sollen sie, wie können sie damit umgehen? Gleichzeitig stellt sie der Stillstand der Zeit vor der Herausforderung ihres Lebens. Hier kommt der Mix aus Horror und Mystery ins Spiel. Die stehengebliebene Zeit hat Symbolcharakter – doch ein Symbol für was? Das ist die große Frage, die alles beherrscht. Und so begibt man sich mit den Fünfen auf die Suche nach Antworten.

Sie [die Sonne] drang wie ein Steppenbrand durch die dünne Haut ihrer Lider direkt ins Gehirn. Tamara merkte richtig, wie ihr Hirn die Sonne einsaugte, sie wegsoff. Gelb. Dick. Süß. Heiß. (Seite 106)

Immer tiefer wird in den Erinnerungen gegraben, wird ans Licht gebracht, was jeden einzelnen belastet, während gleichermaßen die Bedrohung zunimmt. Die Welt steht Kopf, so wie auch das Leben der Jugendlichen zu einer gewissen Zeit oder über eine gewissen Zeitspanne hinweg Kopf stand. Es wird nach außen gekehrt, was innen steckt. Ich liebe diese Herangehensweise. Vor allem, wenn eine Geschichte noch dazu mit einer sprachlichen Rafinesse wird, wie Antje Wagner es vermag. In jedem ihrer bisher von mir gelesenen Bücher (Schattengesicht, Hyde, Unland) habe ich dies bereits angemerkt – die Autorin findet Worte für Beobachtungen, Empfindungen und Emotionen, die ungewöhnlich, frisch und schlicht unglaublich präzise sind.

Fazit

Es ist ein purer Genuss, in die Geschichte von „Vakuum“ einzutauchen und diesen ungewöhnlichen, aber ungeheuer spannenden Mix aus Fantasy, Mystery und Horror zu lesen. Ach was, aufzusaugen! Mich hat jeder Satz und jede Seite überzeugt, vor allem der Schreibstil hat mich, wie von Antje Wagner gewohnt, begeistert. Sie verwendet Worte, die rasiermesserscharf jede Stimmung und jedes Gefühl auf den Punkt bringen. Hinzu kommt eine Story, der es trotz jeglicher mysteriöser Ereignisse niemals an Tiefgründigkeit mangelt. Eine uneingeschränkte, absolute Empfehlung.

♥♥♥♥♥


Vakuum

wagner-vakuumKora. Tamara. Alissa. Leon. Hannes. Sie alle haben einen dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit und erleben, was es heißt, allein zu sein. Denn am 17. August um 15.07 Uhr passiert das Undenkbare: Die Zeit bleibt stehen, und alle Menschen um sie herum sind plötzlich verschwunden.
In diesem beängstigenden Vakuum finden die fünf Jugendlichen nach und nach heraus, dass sie auf geheimnisvolle Weise miteinander
verbunden sind …


Über Antje Wagner

Antje Wagner, geboren 1974, studierte deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften und lebt in Hildesheim. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nahm sie 2012 in den Kanon der 20 besten deutschsprachigen Schriftsteller unter 40 Jahren auf. Bislang erschienen u.a. ihre Romane »Unland« (ver.di Literaturpreis 2010, Prädikat »Beste 7 Bücher für junge Leser« (DeutschlandRadio/Focus)), »Schattengesicht« und »Vakuum« (u.a. ausgezeichnet mit dem Leipziger Lesekompass 2013).


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Gulliver Verlag
Preis:
 8.95 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-407-74494-4
Erschienen: 29. Februar 2016
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5 Gedanken zu “Vakuum von Antje Wagner | Rezension

  1. Danke für die Rezension. Bin gerade auf der Suche nach Büchern, die aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten geschrieben sind. Ich will das in meinem Romanprojekt auch umsetzen und wollte wissen wie andere das machen. Wenn das Buch auch noch so spannend ist, dann ist es ja perfekt!

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