Den Himmel stürmen von Paolo Giordano | Rezension

„UNSERE AUFGABE IST ES, DEN HIMMEL ZU STÜRMEN!“ Er schrieb: „Wir müssen ihn erklimmen, den Himmel.“ (Seite 122)

Alles beginnt in dem Augenblick, in dem Teresa und Bern sich begegnen und einander in die Augen schauen. Er störrisch und voller Überzeugungen. Sie voller Leidenschaft und Neugier. Es ist unumstößlich, dass sie zueinander finden werden, aber auch ebenso unvermeidbar, dass sie einander wieder verlieren. In seinem neuen Roman „Den Himmel stürmen“, entführt Paolo Giordano, Autor von „Die Einsamkeit der Primzahlen“, den Leser in eine Welt voller Liebe, Freundschaft und Hingabe, utopischen Visionen und festem Glauben, aber auch in eine Welt reich an Rivalität und Eifersucht. Die Geschichte von Teresa liest sich wie ein Kampf – was ist stärker, die Zuneigung zwischen zwei Menschen oder visionäre Lebensziele?

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Den Zugangsweg bis zum Haus entlangzulaufen, war, wie mit dem ganzen Körper in eine Kindheitserinnerung einzutauchen, eine Erinnerung, die zur Gänze dort geblieben war, um auf mich zu warten. (Seite 174)

Teresa macht wie jeden Sommer Urlaub in Speziale im Süden Italiens, als sie Bern das erste Mal begegnet. Er lebt mit einigen anderen Jungen auf einem Hof unweit des Hauses von Teresas Großmutter – immer unter Aufsicht von Cesare und seiner Frau. Von ihm werden die Jungen im festen Glauben an Gott erzogen und sie wachsen isoliert von der restlichen Welt auf. Teresa ist fasziniert von dem Jungen, der so trotzig und resolut vor ihrem Vater steht, um sich für das unerlaubte Baden im hauseigenen Pool zu entschuldigen. Sie besucht Bern auf dem Hof, ein Sommer folgt auf den nächsten Sommer, sie wird in sein Leben hineingezogen, und letztendlich bleibt sie, sobald sie Erwachsen ist. Gemeinsam mit einigen Freunden leben sie auf dem Hof, immer nach dem Grundsatz, die Natur nicht zu verändern, sondern in Einklang mit ihr zu leben. Sie engagieren sich für den Erhalt von Olivenbäumen und bewegen sich dabei an den Grenzen der Legalität.

Was als friedliches Miteinander beginnt, artet aus und am Ende steht Teresa vor einem Scherbenhaufen. Freundschaften zerbrechen, die Liebe zwischen Teresa und Bern muss vor dem Einsatz für die Natur zurückweichen. Teresa versucht, ihre Verbindung zu Bern zu begreifen und gleichzeitig den Platz in ihrem eigenen Leben zu finden.

Dass ich meine Sehnsucht in gewissen Momenten vergaß, bedeutete nicht, dass sie nicht noch da war, lebendig, intakt. (Seite 183)

„Den Himmel stürmen“ ist hitzig, sehnsüchtig und leidenschaftlich. Bern steckt voller Leidenschaft für die Natur, Gott und Teresa. Teresa folgt ihm scheinbar willenlos, abhängig, wie verblendet. Doch wo einer für etwas brennt, droht der andere zu verbrennen. So verrennen sich beide immer wieder in verschiedene Richtungen und können sich dennoch nicht voneinander lösen. Diese Tatsache gibt dem Roman eine ungeheure Kraft, niederschmetternd und teils herzzerreißend hoffnungslos. Die Gefühle seiner Charaktere beschreibt Paolo Giordano wunderschön, er blickt in ihre Herzen und bringt zum Vorschein, was sie bewegt.

Faszinierend ist auch der Aufbau der Geschichte. Rückblicke vermischen sich mit Augenblicken aus der Gegenwart und das Erlebte wird von verschiedenen Erzählern Stück für Stück um Details angereichert, so dass sich am Ende erst ein vollständiges Bild ergibt, das man als Leser voller Staunen betrachten kann.

Fazit

Paolo Giordano gehört mit „Den Himmel stürmen“ für mich zu den ganz großen Autoren. Seine Geschichte ist gefühlvoll, spannungsgeladen und klug – mit Charakteren, die lebendig und vielschichtig sind. Zugleich atmet man geradezu die süße und heiße Luft Italiens, man fühlt die Landschaft und den Wind. Es ist, als wäre man dabei, ein Teil des Ganzen. Dieser Roman ist eine absolute Empfehlung!

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Hierbei handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Rowohlt Verlags. Meine Meinung ist davon gänzlich unbeeinflusst. 


Den Himmel stürmen

giordano-den-himmel-stürmenTeresa lebt mit ihren Eltern in Turin, doch die Sommerferien verbringt sie jedes Jahr bei der Großmutter in Apulien, mit den Nachbarjungen Bern, Tommaso und Nicola. Die vier Freunde gehen zusammen schwimmen und wandern, erzählen sich alles. Sie sind unzertrennlich, bis zwischen Bern und Teresa etwas Neues entsteht: die erste große Liebe. Aber im Jahr darauf ist Bern nicht mehr da. Zutiefst enttäuscht verbannt Teresa Apulien aus ihrer Erinnerung. Erst zum Begräbnis der Großmutter fährt sie wieder hin. Am Rande des Friedhofs steht ein Mann in einem langen Mantel: Bern. Sie gehen aufeinander zu. Doch Bern verschwindet ein zweites Mal aus Teresas Leben. Über zwanzig Jahre – von den Neunzigern bis heute – erzählt Paolo Giordano die Geschichte einer Frau und eines Mannes, die sich immer wieder finden und verlieren. Mit einer emotionalen Präzision wie kein zweiter schreibt der promovierte Physiker Giordano über Liebe, Freundschaft und Verlust. Ein Meisterwerk über das Entstehen und Verschwinden von Gefühlen. Existentiell, eindringlich.


Über Paolo Giordano

Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und mit einer Promotion in Theoretischer Physik abschloss. Sein erster Roman «Die Einsamkeit der Primzahlen» war ein internationaler Bestseller. Er wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und verfilmt. Giordano erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, darunter den angesehensten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Paolo Giordano lebt in Turin.

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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Rowohlt Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-498-02533-5
Erschienen: 9. Oktober 2018
Zur Verlagswebseite

2 Gedanken zu “Den Himmel stürmen von Paolo Giordano | Rezension

  1. Die Rezension erscheint mir zu positiv. Nach dem Lesen der „Einsamkeit der Primzahlen“ hatte ich mehr erwartet. Weder die Handlungsführung noch die psychologische Entwicklung der Personen ist überzeugend. Jugendliche, die in großer Verbundenheit und Nähe zusammen heranwachsen, enden in Distanz und Hassbeziehungen bis hin zum Mord. Der ökologische Handlungsimpuls der Gruppe wird durch die dogmatische Übersteigerung eher verunglimpft als gestärkt. Eine innere Entwicklung der Personen findet nicht statt, die Gespräche untereinander bleiben oberflächlich und auch das erzählende Ich liefert keine vertiefende Sichtweise. Die Flucht der Öko-Aktivisten bis in eine Höhle in Island erscheint abwegig und wenig überzeugend. Wie passt das mit dem ürsprünglichen Handlungsimpuls zur Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft und Ökonomie zusammen? Das von Giordano gezeichnete Bild der italienischen Gesellschaft und Politik ist durchgängig finster. Das kommt ja möglicherweise der Realität recht nahe. (?) Erstaunlich für Leser aus Nordeuropa ist die starke Einbindung der Protagonisten in konventionelle Denk- und Handlungsmuster im Hinblick auf Familie und den sozialen Hintergrund wie auch Versatzstücke eines religiösen Dogmatismus. Ethik wird in Italien offenbar auch unter den heutigen Jugendlichen noch katholisch buchstabiert.

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    1. Sehr geehrter Herr Gödecke,
      da ich weder Literaturwissenschaftlerin noch professionelle Literaturkritikerin bin, ist meine Rezension zu diesem Buch natürlich auf einem ganz anderen und vor allem sehr subjektivem Niveau geschrieben. Ich empfand die positive Bewertung gerechtfertigt, habe mich dabei aber am meisten von meinen Gefühlen beim lesen leiten lassen. Über Ihre Anmerkungen freue ich mich dennoch, denn sie lassen mich den Roman noch einmal unter anderen Gesichtspunkten betrachten!
      Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, viele Grüße, A. Beutel

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