Das Leuchten in mir von Grégoire Delacourt | Rezension

Meine bisherigen Tage waren die kleinen Kieselsteine eines wohlgeordneten Lebens gewesen, eines alten Versprechens, vorgezeichneten Bahnen zu folgen, vorgezeichnet von anderen, die an perfekte Wege oder wenigstens an tugendhafte Lügen glaubten. Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. (Seite 13)

An „Das Leuchten in mir“ von Grégoire Delacourt hat mir einiges gefallen, vieles hingegen nicht so sehr. Das Thema war spannend, die Einblicke in das Seelenleben einer erwachsenen Frau und Mutter auch, doch ich wurde nicht warm mit der Art und Weise, auf die diese Geschichte erzählt wird. Sie ist mir zu französisch, zu schwülstig und schwermütig, die Protagonistin zu intensiv und exzentrisch.

Emmanuelle, genannt Emma, ist verheiratet und hat drei Kinder, vermeintlich führt sie also ein glückliches und erfülltes Leben. Doch als sie Alexandre in einem Bistro begegnet, weiß sie, was ihr fehlt. Das Verlangen, die Lust, der Rausch. Sie kann an nichts anderes mehr denken, als an ihn. Mich interessierte dieser Zwiespalt, in den Emma unversehens katapultiert wird und die Fragen, die sie beschäftigen müssten. Gibt sie der Versuchung nach oder nicht? Wie werden die Kinder diese Veränderung verkraften und wie begleitet Emma sie durch diese turbulente Zeit? Doch genau hier enttäuschte mich der Roman am allermeisten.

delacourt-das-leuchten-in-mir-2

Der Mann aus der Brasserie André hatte in mir Dinge durcheinandergebracht, hatte Porzellan zerschlagen und Nöte wachgerüttelt, die durch die Ruhe meines Lebens betäubt gewesen waren.
Er hatte mich wieder angezündet. (Seite 29)

Denn (und hier folgt ein ganz kleiner Spoiler, mit dem ich aber nicht viel vorwegnehme) tatsächlich nimmt Emma keinerlei Rücksicht auf ihre Kinder. Sie verlässt kompromisslos nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder. Sie geht einfach. Von jetzt auf gleich. Sie sagt: Sie sollen Verständnis haben für die Situation, in der sie sich befinde. Sie sollen dieses Verlangen verstehen, diesen Durst nach Beachtung, den Wunsch, sich in den Augen eines Mannes wieder schön zu fühlen. Diesen Egoismus und vor allem die Kompromisslosigkeit konnte ich nicht verstehen. Als Mutter ist mir nichts wichtiger als das Wohl meines Kindes. Das könnte nichts verändern. In dieser Hinsicht wurde mir die Protagonistin leider vollkommen unsympathisch.

Wenn man das Ende kennt, tut alles noch mehr weh. Man sieht sich selbst in der Vergangenheit, und man hasst sich. (Seite 144)

Erzählt wird die Geschichte ähnlich eines Tagebuchs. Emma blickt zurück, sie schaut auf die Vergangenheit, greift manchmal vor, lässt ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf. Dabei gibt sie sich oft philosophischen Überlegungen hin, sie begibt sich auf eine Reise in ihr intimstes Innerstes. Diese Momente der Reflexion beschreibt Delacourt wunderbar poetisch. Überhaupt überwiegt in den letzten beiden Dritteln eine melancholische, trunkene und weinselige Stimmung, deren Ton perfekt zum Geschehen passt. Das gefiel mir gut, auch wenn es gelegentlich zu viel wurde, regelrecht erschöpfend auf mich wirkte.

Eher am Rande werden weitere interessante Themen aufgegriffen. Was bedeutet es Mutter und Ehefrau zu sein und wie kann man gleichzeitig Frau bleiben? Oder schließt das eine das andere aus, wie es in „Das Leuchten in mir“ zu sein scheint? Emma fühlt sich gefangen und so ist dieser Roman ein einziger großer Ausbruch, ein niederreißen und zerschmettern von Zuhause, Familie und Ordnung. Hier ist der Drang, die Versuchung frei und begehrt zu sein, größer und mächtiger als die beständige Zuneigung der Familie. Doch was bleibt davon am Ende der Gier? Dieser Frage widmet sich Delacourt in seinem Roman.

Fazit

„Das Leuchten in mir“ ist ein Roman über eine Frau, die einer Sehnsucht nachgibt. Sie sucht, sie findet und sie verliert. Grégoire Delacourt beschreibt in aller Deutlichkeit und Intimität, wie eine Frau mittleren Alters sich in den geordneten Bahnen des Familienlebens verliert, wie sie nach Freiheit dürstet, wie sie sich nimmt, wonach sie sich sehnt und welche Folgen das hat. Ein spannendes Thema! Mir war jedoch die Protagonistin Emma leider nicht sympathisch, ihre von Kompromisslosigkeit und Egoismus geprägten Handlungen stießen bei mir auf wenig Verständnis. Auch der Schreibstil war nicht immer mein Fall, oft war mir Delacourt zu schwermütig, zu melancholisch, zu intensiv.


Das Leuchten in mir

delacourt-das-leuchten-in-mirEmma ist vierzig und seit achtzehn Jahren mit Olivier verheiratet. Sie haben drei wohlgeratene Kinder, es könnte nicht besser sein. Dass etwas Entscheidendes in ihrem Leben fehlt, merkt Emma erst, als in einer Brasserie ihr Blick auf den von Alexandre trifft. Sie weiß sofort Bescheid. Für ihn wird sie alles riskieren, alles aufgeben – koste es, was es wolle. Der Bestsellerautor Grégoire Delacourt erzählt in seinem neuen Roman über eine große Leidenschaft, die Zerbrechlichkeit unserer Existenz und die Stärke der Familienbande, die mehr auszuhalten vermögen, als es den Anschein hat.


Über Grégoire Delacourt

Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller „Alle meine Wünsche“ wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschienen von ihm zuletzt der Spiegel-Bestseller „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ (2016) und „Der Dichter der Familie“ (2017).

– Werbung –

Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Hoffmann und Campe Verlag
Preis:
 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-455-00273-7
Erschienen: 4. Oktober 2018
Zur Verlagswebseite

Das sagen andere Blogger

Zeilentänzer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s