Wildnis ist ein weibliches Wort von Abi Andrews | Rezension

Meine Reise wird über See und Land führen, eine heldenhafte Odyssee, ich ganz allein, ein Mädchen, auf einer weiblichen Suche nach Authentizität. (Seite 14)

Island, Grönland, Kanada, Alaska – das sind allesamt Orte der Welt, die ich bereisen möchte. Absolute Sehnsuchtsorte. Ein Roman, in dem eine junge Frau genau diese Länder bereist, ist daher ein Roman, den ich ohne Wenn und Aber lesen muss. In „Wildnis ist ein weibliches Wort“ von Abi Andrews begibt sich Erin hinaus in die Welt, sie will beweisen, dass Frauen genauso Entdecker sein können, wie Männer. Sie will nicht an Heim und Herd gebunden sein, sie will ihren Horizont erweitern und sich selbst an ihre Grenzen bringen. Erleben, wozu sie fähig ist, und gleichzeitig die Kraft der Natur erfahren. „Into the Wild“, aber eben aus Sicht einer Frau. Ein großartiges Thema! Doch leider dämpfte die Umsetzung meine Begeisterung erheblich.

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Doch von Anfang an. Während der ersten Seiten war ich fasziniert von Erins Plan und ihren Gedanken. Sie nimmt Bezug auf Christopher McCandless, dem aus „Into the Wild“ bekannten Aussteiger, der in der Wildnis Alaskas lebte, ehe er dort starb. Und sie spricht von Jon Krakauer, dem Autor des Buches, der selbst aktiver Bergsteiger ist. Beides Menschen, die ihr in gewisser Weise ein Vorbild sind. Gleichzeitig aber steht sie der männlichen „Entdecker-Domäne“ sehr skeptisch gegenüber. Sie hinterfragt, weshalb es stets die Männer sind, die Neues entdecken, während die Frauen zuhause bleiben. Dabei seien laut Tests beispielsweise Frauen sogar eher dafür geeignet, in den Weltraum zu fliegen, als Männer.

Diese gedanklichen Exkurse reichern die Geschichte an – gleichzeitig sind sie es aber auch, die mich ungeduldig werden ließen. Wann fängt denn nun endlich Erins Abenteuer an? fragte ich mich immer öfter. Wann wandert sie vollkommen auf sich alleine gestellt durch die Wildnis? Tatsächlich ist sie nämlich sowohl auf ihrem Weg nach Island, als auch dem nach Grönland nicht alleine. Sie wird einerseits begleitet von einer Bekannten, die Erin auf der Überfahrt nach Island kennenlernte, sowie von einigen anderen Menschen – vornehmlich von Männern. Diese Tatsache erstickte die Spannung ein wenig im Keim, denn wie soll eine Protagonistin unter Beweis stellen, wozu Frauen in der Wildnis fähig sind, wenn sie ständig in Begleitung ist? Gewiss, dies ändert sich, sobald sie in Kanada eintrifft, doch letztendlich dauerte es mir bis dahin zu lange.

Genau davor muss ich mich in Acht nehmen – dass mich mein Heimweh zu Fall bringt. Ich mache diese Reise allein, mit mir und für mich selbst, und dieser emotionale Sog ist die Über-Sozialisation, die man von uns Frauen erwartet, die uns gefangen hält und wogegen ich angehen will. (Seite 89)

Darüber hinaus streift die Autorin zahlreiche Themen – wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Begebenheiten, sie kommt auf Persönlichkeiten aus der Forschung zu sprechen, etc. Diese flicht sie in die Geschichte ein, aber für meinen Geschmack nicht so, dass sie dieser einen Mehrwert liefern, sonder so, dass sie den Fluss der Geschichte ständig unterbrechen. Jedes Mal, wenn ich mich wieder auf Erin und ihren Weg konzentrieren konnte, wurde ich mit einem gedanklichen Exkurs konfrontiert, der mir teils doch sehr zusammenhangslos erschien. Vielleicht denke ich auch nicht wissenschaftlich genug. Vielleicht gehen bei „Wildnis ist ein weibliches Wort“ Erwartung und tatsächlicher Inhalt der Geschichte zu weit auseinander. Für viele ist das Werk von Abi Andrews sicherlich eine aufregende und anregende Lektüre, für mich war es leider überhaupt nicht das richtige.

Fazit

„Wildnis ist ein weibliches Wort“ von Abi Andrews liest sich wie eine Mischung aus Abenteuerroman und wissenschaftlicher Arbeit. Erin begibt sich auf eine aufregende Reise in die Wildnis Alaskas und passiert auf ihrem Weg Island, Grönland und Kanada. Sie lernt Menschen dieser Länder kennen, sie lernt die Länder kennen. Es geht um Natur, den Einfluss des Menschen auf die Natur, um Forschung und Wissenschaft, Aussteiger, Abenteurer und Feminismus. Eine bunte Mischung, von der ich mir viel versprach. Leider war die Umsetzung nicht nach meinem Geschmack, mir fehlte ein durchgehender Erzählfluss. Der Roman liest sich zu abgehackt, zu häufig werden gefühlt wahllos Informationen zu Land und Leuten eingestreut, denen ich nichts abgewinnen konnte. Schade, denn an und für sich ist das Thema großartig.


Wildnis ist ein weibliches Wort

andrews-wildnis-ist-ein-weibliches-wortErin ist 19 und Feministin. Sie liebt Geschichten von furchtlosen Aussteigern, die alles hinter sich lassen, um ein Leben in der Natur, fernab der Zivilisation zu wagen. Warum eigentlich, denkt sie, sollen diese Abenteuer immer nur Männern vorbehalten sein? Und macht sich auf: mit dem Schiff nach Island, über Grönland und am Polarkreis entlang nach Kanada und schließlich Alaska. Sie ist zu Fuß unterwegs, per Anhalter, mit dem Hundeschlitten und Fischerbooten. Ihre Erfahrungen inmitten der gottverlassenen Wildnis bringen sie an ihre Grenzen, beflügeln sie und lassen sie für immer verändert zurück.


Über Abi Andrews

Abi Andrews wurde 1991 in den Midlands geboren und lebt und arbeitet heute in London. Sie hat Englische Literatur und Kreatives Schreiben studiert. Ihre Stories wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht. Wildnis ist ein weibliches Wort ist ihr erster Roman.

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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Hoffmann und Campe Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN:978-3-455-00418-2
Erschienen: 4. Oktober 2018
Zur Verlagswebseite

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4 Antworten auf “Wildnis ist ein weibliches Wort von Abi Andrews | Rezension”

  1. Danke für deine ehrliche Meinung, dass hilft ungemein, Bücher auch mal mit anderen Augen zu sehen. Ich bin mir noch unsicher, ob ich das Buch auch auf die Leseliste setzen soll, vielleicht schaue ich in der Bibliothek danach, ob es schon vorhanden ist. Dann ist es auch nicht so schlimm, falls es mir auch nicht gefallen sollte und ich es einfach wieder zurück gebe. Liebe Grüße Fine

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Fine,

      oh weh, ich antworte so spät. Bitte entschuldige, das ist sonst gar nicht meine Art ☺️ Aus der Bibliothek ausleihen ist immer die beste Alternative! Vielleicht ist es ja „deins“ und dann wäre es super schade, wenn du bloß wegen meiner Rezension darauf verzichtet hättest. Andere loben es sehr 😊
      Liebe Grüße,
      Anna

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    1. Liebe Nicci,

      waaaaaah, ich antworte viel zu spät! Entschuldige bitte ☺️ Ich glaube, das Buch ist ganz arg Geschmackssache. Mir war es zu nüchtern und die Gedankensprünge nahmen mir jegliche Freude. Falls du es lesen solltest, berichte unbedingt 😄

      Liebe Grüße,
      Anna

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