In der Nacht hör‘ ich die Sterne von Paola Peretti | Kurzrezension

Ich fürchte mich vor der Dunkelheit in meinen Augen. Ich heiße Mafalda, bin neun Jahre alt und kurz davor zu erblinden. (Seite 9)

Eines Tages nichts mehr sehen zu können, ist eine beängstigende Aussicht. Eine, der sich die neunjährige Mafalda in dem Roman „In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ stellen muss, als die Ärzte eine seltene Augenkrankheit bei ihr feststellen. Wie geht man als Kind damit um, dass die Sicht schleichend, aber unaufhaltsam schlechter wird? Welche Ängste und Sorgen hat man? Wie versucht man vielleicht, das unvermeidbare erträglicher zu machen? Diese Überlegungen stellt Autorin Paola Peretti an, und das sehr einfühlsam, denn sie teilt das Schicksal ihrer kleinen Protagonistin – sie selbst wurde mit der Diagnose Morbus Stargardt konfrontiert, die zu vollkommener Erblindung führt. Wer kann sich also besser in die Lage von Mafalda hineinversetzen als sie?

Bestimmte Nachrichten sollte man nur in Gegenwart eines Katers mitgeteilt bekommen, den man ganz fest an sich drücken kann. (Seite 34)

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Vieles an „In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ konnte mich überzeugen. Mafalda ist ein herzensgutes Mädchen, unsicher und natürlich auch verängstigt, aber gleichzeitig trotzt sie mutig und fantasievoll den Gegebenheiten. Sie versucht, so gut es geht mit ihrer eingeschränkten Sicht zurechtzukommen und bewahrt sich auf diese Weise einiges an Eigenständigkeit. Der Ablehnung und dem Befremden von Klassenkameraden begegnet sie mit geradezu stoischer Gelassenheit, es genügt ihr vollkommen, einige wenige, dafür aber umso wichtigere Bezugspersonen zu haben. Auch sie bereichern die Geschichte mit eigenen Schicksalsschlägen und individuellen Lebenssituationen.

„Finde deine Rose, Mafalda. Das, was für dich wesentlich ist. Das, wozu du keine Augen brauchst.“ (Seite 48)

Dennoch hatte ich das Gefühl, immer nur an der Oberfläche von etwas zu kratzen. Mafalda gibt viele ihrer Gedanken preis, zeigt offen, was sie empfindet, und dennoch konnte ich nicht so recht in ihr Herz schauen. So führt sie zum Beispiel eine Liste, in der Dinge stehen, die sie machen möchte, so lange sie noch sehen kann. Und jedes Mal, wenn etwas nicht länger möglich ist, streicht sie den Eintrag durch. Wie Fußball spielen oder auf den geliebten Kirschbaum klettern. Würde ich solche Momente der erleben, müsste ich Dinge aufgeben, die mir ungeheuer wichtig sind, dann wäre es nicht wie bei Mafalda mit einem Mal weinen getan. Das wäre ein Schmerz, der bis ins Innerste dringt. Doch genau von diesem Schmerz kam nichts bei mir an. Die Probleme ließen sich viel zu leicht lösen, am nächsten Tag war alles wieder okay.

Dadurch liest sich der Roman wie ein hübsch anzuschauender Film, dem aber das gewisse Etwas fehlt, um ihn wirklich bemerkenswert zu machen. Alles wirkt sehr glatt, sehr geplant, nirgends bleibt Raum für das Unerwartete. Das Ende konnte ich schon zu Beginn vorhersehen. Dadurch wird „In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ trotz aller Emotionalität des Themas, leider eher zu einem Buch für nebenbei.


In der Nacht hör‘ ich die Sterne

peretti-in-der-nacht-hör-ich-die-sterne140 Schritte: So viele trennen Mafalda noch von dem Tag, an dem es vollkommen dunkel um sie herum sein wird. Als das Mädchen vor drei Jahren erfuhr, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmt, flüchtete es auf den Kirschbaum im Schulhof. Dank der neuen Hausmeisterin fand es wieder zurück auf den Boden der Realität. Seitdem wird Mafalda von Estella morgens mit einem Pfiff begrüßt, sobald sie in die Straße zur Schule einbiegt. Anfangs kann sie von dort aus den Kirschbaum noch sehen. Doch mit jeder Woche werden es weniger Schritte. Tapfer geht sie ihrem Schicksal entgegen − unmerklich geleitet von Estella, die ihr zeigt, dass das Wesentliche im Leben für die Augen unsichtbar ist.


Über Paola Peretti

Paola Peretti wurde 1986 in der Nähe von Verona geboren und kann sich in ihre blinde Romanheldin Mafalda einfühlen wie kaum eine andere: Vor 15 Jahren bekam sie selbst die Diagnose Morbus Stargardt, die zu vollkommener Erblindung führt. Doch die Italienerin lässt sich davon nicht unterkriegen: Nach einem Literatur-, Philosophie- und Journalismus- Studium schreibt sie heute für diverse Tageszeitungen. ›In der Nacht hör’ ich die Sterne‹ ist ihr Romandebüt.

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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): dtv Verlag
Preis:
 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-28967-2
Erschienen: 26. Oktober 2018
Zur Verlagswebseite

Weitere bemerkenswerte Rezensionen zum Buch:

Binea von Literatwo | Arndt von AstroLibrium | Jessika von Miss Paperback | Ingrid von Buchsichten | Janna von KeJas-BlogBuch | Jennifer von Lesen in Leipzig | Ramona von El Tragalibros

 

5 Antworten auf “In der Nacht hör‘ ich die Sterne von Paola Peretti | Kurzrezension”

  1. Bei diesem Buch sind wir sehr einer Meinung. Ich habe es mega gerne gelesen, aber die Tiefe fehlte! Auch wenn es in dem Roman um ein Kind geht und diese gänzlich anders mit solchen Schicksalsschlägen umgehen, als wir Erwachsenen, war es mir … wie schreibe ich das nun? Zu soft? Klingt doof, aber ich denke du weißt was ich meine?!

    Habe dich mal frech bei mir verlinkt (=

    Gefällt 1 Person

    1. Du kannst mich gerne verlinken, ist überhaupt nicht frech 🙂

      Ich hatte deine Rezension erst gelesen, nachdem ich meine geschrieben hatte und war überrascht, dass wir das Buch wirklich sehr ähnlich wahrgenommen haben 🙂 Viele begeisterte Stimmen gab es dazu und niemand störte sich an der mangelnden Tiefe. Natürlich kann man das als Leser hineininterpretieren, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein können. Zu soft: Ich weiß absolut, was du meinst!

      Gefällt mir

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