Kuss von Simone Meier | Rezension

Gut, Yann schnarchte ein wenig, im Alter würde es gewiss schlimmer werden, aber noch störte es sie nicht, noch störte sie sich nur selbst. Mit ihren ganz persönlichen Träumen und Gedanken. Mit denen sie sich nachts nicht nur um ein paar Zentimeter, sondern um kleine Welten von Yann entfernte, weil sie mit dem zu tun hatten, was zwischen ihnen gerade nicht stattfand. (Seite 58)

Das fröhlich-verspielte Cover von „Kuss“ von Simone Meier täuscht über den Inhalt hinweg. Dieser Roman ist weit mehr als ein leichtes Beziehungsdrama, es offenbart sich stattdessen ein Blick auf die dunklere Seite der menschlichen Seele. Er fördert Sehnsüchte, Begierden, Zweifel und erotische Fantasien zutage, die im Licht des Tages betrachtet geradezu irrsinnig erscheinen, und die dennoch in den Protagonisten Gerda, Yann und Valerie schlummern.

Valerie, spröde und zynisch, ist überzeugt, den Rest ihres Lebens nicht noch einmal mit einem Mann teilen zu wollen. Zu sehr liebt sie ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit. Oder ist es auch Verletzlichkeit, die durch ihre standhafte Verweigerung von Gefühlen und Nähe zum Ausdruck kommt? Gewinnt man vielleicht doch mehr, als man verliert, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt? Gerda und Yann sind von außen betrachtet ein Vorzeigepaar – er hat einen guten Job, sie versucht sich unfreiwillig, aber nicht minder zufrieden, in der Rolle der Hausfrau, die das frisch bezogene Haus einrichtet und gestaltet. Ideale Voraussetzungen für die Familiengründung also. Doch was bleibt danach noch im Leben, wenn das Knistern des Neuen längst der Vergangenheit angehört? War es das? Und was, wenn dieses Fehlen, dieses Loch in einem selbst, einen dazu antreibt, sich anderen zuzuwenden. In der Fantasie, in Träumen. Und was, wenn dadurch etwas in Gang gesetzt wird, was unwiderruflich ins Unglück führt?

Am liebsten hätte sie sich mit einer Schere ein paar Stufen ins Haar geschnitten, doch sie wusste, von allem, was es zu bereuen gäbe, würde sie dies am meisten bereuen, es wäre so was wie ein Eingeständnis einer Krise, eines Zusammenbruchs. Und dies bei Tag. Nachts war sie es gewohnt. Die Schlaflosigkeit, das trommelnde Herz, die irren Träume. (Seite 156)

„Kuss“ geht an die Substanz. Er hat mich gefordert, vor allem zu Beginn, denn meine Erwartungen waren ganz anderer Natur. Ich erwartete Konflikte, durchaus, aber nicht in dieser Klarheit und, ja, regelrechten Besessenheit. Anstatt sich einander zuzuwenden und das gemeinsame Lebensglück zu genießen, driften Yann und Gerda zunehmend voneinander weg. Impulsiv und triebhaft legen sie es darauf an, ihr Glück zu zerstören. Gesteuert von Verlangen hinterfragen sie ihre Beziehung, sich selbst und ihren Partner. Sie wenden sich anderen zu, erlauben sich Gedankenspiele, geben ihren Sehnsüchten und Wünschen nach. Kaum jemals konkret, aber immer so intensiv gefühlt, dass es immer auch einem Betrug gleichkommt.

meier-kuss-2

Seit dem Abend am Fluss hatte sich etwas in ihm gelöst, Ahnungen von Freiheit machten sich breit, die Mauern von Gewissen und Gewissheit begannen zu bröckeln, und über allem lag eine prickelnde Neugier, der er gerne nachgehen wollte. (Seite 175)

Interessant fand ich, dass Erfahrungen in der Kindheit wichtige Treiber dieser Entwicklung sind. Gerda, die von ihrer Mutter immer niedergemacht wurde, die nie Anerkennung oder Lob erfuhr. Valerie, die ihrer Großmutter und den Besuchen in ihrem Haus hinterhertrauert, deren Leben entzaubert wurde, ein Zauber, der sich in ihren Augen nicht wieder zurückholen lässt. Yann, der in einer perfekten Familie aufwuchs, der Zusammenhalt erlebt und sich fragt, ob es noch mehr gibt, als dieses ideale Familienbild.

Fazit

Dieser Roman von Simone Meier ist gleichzeitig anstrengend und faszinierend, betörend und abstoßend. Ich kann ihn loben und zur gleichen Zeit kritisieren. Was mir gefiel, waren die scharfen Beobachtungen, die ungefilterten Emotionen und der schonungslos direkte Schreibstil. Was mir nicht gefiel, waren die manischen, krankhaft übersteigerten Sehnsüchte. Gerda wirkte wie wahnsinnig, verloren in ihrer Welt. Ich würde sagen, „Kuss“ ist Geschmackssache, bietet aber auf jeden Fall äußerst viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

– Werbung –
Unterstütze den lokalen Buchhandel und bestelle bei genialokal.de:
Kuss *

Kuss

meier-kussGerda und Yann sind urbane Thirtysomethings und gerade in ein heruntergekommenes altes Haus am Stadtrand gezogen. Gerda ist arbeitslos, investiert ihre ganze Energie ins Einrichten – und in eine fixe Idee: Sie leistet sich eine imaginäre Affäre. Diese ist erst nur ein Spiel, doch dann beginnt sie, Gerda mit aller Macht zu verzehren. Yann lernt ein rätselhaftes Mädchen voller Forderungen kennen. Und die Nachbarin Valerie, Anfang fünfzig und Journalistin, steht nach einem folgenreichen One-Night-Stand plötzlich vor der Frage, ob das Leben für sie ausgerechnet jetzt noch einmal neu beginnt. Von drei möglichen Liebesgeschichten finden mindestens eineinhalb nur in der Fantasie statt. Doch dann kommt alles zusammen, und aus einem Zufall wird ein Unfall.


Über Simone Meier

Simone Meier, geboren 1970 in Lausanne, ist Autorin und Journalistin – früher bei der »Wochenzeitung« und beim »Tages-Anzeiger«, heute bei »watson« – in Zürich. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen. Ihr Romanerstling »Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben« erschien im Jahr 2000. Simone Meier lebt glücklich von Liebe, Fleisch und Fernsehen. Und vom Schreiben.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Kein & Aber Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-0369-5794-4
Erscheinungstermin: 4. Februar 2019
Zur Verlagswebseite

* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link: Die Romanempfehlung ist frei von einer Einflussnahme durch Affiliate-Partner. Wenn du etwas über diesen Link bestellt, bekomme ich lediglich eine kleine Provision.

4 Gedanken zu “Kuss von Simone Meier | Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s