Leinsee von Anne Reinecke | Rezension

Im Halbschlaf überlegte er, ob er möglicherweise selbst nur eine Einbildung war. […] Vielleicht bin ich ja nur der erfundene Freund eines verrückten Kindes, dachte er. Er spürte noch sein eigenes Lächeln, bevor er einschlief. (Seite 74)

„Leinsee“ von Anne Reinecke ist meine erste große Überraschung in diesem Jahr. Ich hatte mit einer steifen, tendenziell schwermütigen Geschichte gerechnet und wurde stattdessen regelrecht von der Füßen gerissen von dieser sensiblen, herzergreifenden und unerwartet romantischen Erzählung. Warum das so ist? Anne Reinecke sieht das Schöne, die Sehnsüchte und die tiefen Gefühle, sie kehrt das Innerste ihrer Figuren nach außen, allerdings nicht auf dem Präsentierteller, sondern beinahe beiläufig und dadurch umso intensiver. Lest nach, warum mich das Buch außerdem begeistert hat, und wer weiß, vielleicht erobert es auch euer Herz.

Sie waren Ada und August, August und Ada, das war alles, und alles andere war zu viel. (Seite 55)

Karls Eltern sind Künstler und einander selbst genug. Ein Kind, so finden sie, müsse man ziehen lassen und es nicht an sich binden, es bräuchte seinen Freiraum – und zwar von klein auf. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass Karl schon in jungen Jahren in ein Internat abgeschoben wird und auch gegenseitige Besuche werden bald eingestellt. Karl solle schließlich nicht in Verbindung mit seinen berühmten Eltern gebracht werden und sich sein eigenes Leben aufbauen können. Doch wie soll das gelingen, wenn einem die Wurzeln fehlen? So treibt Karl, als Erwachsener selbst recht erfolgreicher Künstler, ziellos durch sein Leben. Er hat eine Freundin, genießt Bewunderung und Aufmerksamkeit, doch wirklich erfüllend ist dies alles nicht. Als dann noch seine Mutter einer lebensbedrohlichen Operation unterzogen werden muss und sein Vater sich das Leben nimmt, bricht für ihn seine fragile Welt zusammen.

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Ich fand die Figur von Karl äußerst interessant, da er trotz allen Leides und trotz der inneren Leere recht praktisch veranlagt ist. Wird ihm die Welt zu viel, trinkt er sich besinnungslos. Wird ihm seine Freundin zu viel, meidet er den Kontakt und schirmt sich im Haus seiner Eltern ab. Ist es ihm unangenehm, inmitten der Einrichtungsgegenstände seiner Eltern zu leben, räumt er ein Zimmer vollständig leer und schläft stattdessen auf dem Boden. Er hinterfragt seine Handlungen nicht, das überlässt Anne Reinecke ihren Lesern. Mit jeder Erinnerung von Karl, vervollständigt sich das Bild vom Leben eines einsamen Jungen, der sich nach Liebe, Zuneigung und Beachtung sehnte und diese nie bekam. Dabei zerfließt er niemals in Selbstmitleid, sondern nimmt die Dinge, wie sie kommen. Das mag befremdlich wirken, mich holte die Geschichte dadurch wunderbar ab, denn ich war vollkommen frei, seine Handlungen nach eigenem Ermessen zu interpretieren.

Seit Karl bemerkt hatte, dass Tanja ihn beobachtete, fiel ihm alles, was er machte leichter. Es fiel ihm leichter, überhaupt irgendetwas zu tun, wenn die Möglichkeit bestand, dass sie ihm zusah. Ihr Blick hielt seine Konturen stabil. (Seite 130)

Dann kommt Tanja ins Spiel. Ein Kind, das wirkt, als sei es in sein Leben gefallen. Als Leser erlebt man sie selten in einem anderen Kontext, als in ihrem Verhältnis zu Karl. Es entspinnt sich eine zarte Freundschaft, die anfangs auf kleinen Gesten, Aufmerksamkeiten und Geschenken beruht. Die Annäherung vollzieht sich dadurch sehr langsam und spielerisch. Gleichzeitig aber auch bedingungslos und beständig. Ohne es zu ahnen, ist die Verbindung zu Tanja genau das, was Karl in seinem Leben vermisste. Jemand, der zu ihm hält, sich für ihn interessiert, dem er wiederum auch etwas von sich geben kann. Ich habe es geliebt, diese beiden Figuren in ihrem Spiel zu beobachten und ich empfinde es als großes Plus, dass Anne Reinecke viel Ruhe in die Entwicklung dieser Freundschaft gebracht hat. Die Zeit fließt träge, ebenso wie die Veränderungen in Karl nur langsam vonstatten gehen.

Erst im letzten Drittel erfolgen zwei große Zeitsprünge, doch diese sind sehr gut platziert. Karl hat seinem Leben eine neue Ausrichtung gegeben und einen neuen Blick auf die Welt erlangt, auf sein Leben – Tanja ebenso. Hinzu kommt ein neuer, spannender Kontext: Wie verändert sich ihre Freundschaft mit dem älter werden? Geht sie auseinander, wird mehr daraus? In dieser Frage bleibt die Autorin immer sehr realistisch, lässt aber gleichzeitig offen, was noch kommen mag.

Fazit

In „Leinsee“ zeichnet Anne Reinecke sensibel das Portrait eines jungen Mannes, der sich stets nach Liebe und Aufmerksamkeit von seinen berühmten Künstlereltern sehnte, dem beides aber immer verwehrt blieb. Er verdrängt und hat sein Leben augenscheinlich gut im Griff. Doch als erwachsener Mann muss er die Beziehung zu seinen Eltern hinterfragen und sich letztendlich mit seinem bisherigen Leben auseinandersetzen. Dabei hilft ihm Tanja, ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft. Die besondere Freundschaft der beiden ist so unverhofft wie schön, sie und eine tiefe Ruhe und Beschaulichkeit machen das Lesen von „Leinsee“ zu einem ganz besonderen Erlebnis.

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Leinsee *

Leinsee

reinecke-leinseeKarl ist noch nicht einmal 30 und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, ›dem‹ Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Doch in der symbiotischen Beziehung seiner Eltern war kein Platz für ein Kind. Nun ist der Vater tot, die Mutter schwer erkrankt. Karls Kosmos beginnt zu schwanken und steht plötzlich still. Die einzige Konstante ist ausgerechnet das kleine Mädchen Tanja, das ihn mit kindlicher Unbekümmertheit zurück ins Leben lockt. Und es beginnt ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch.


Über Anne Reinecke

Anne Reinecke, geboren 1978, hat Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet. ›Leinsee‹ ist ihr erster Roman. Für das Manuskript wurde sie mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Diogenes Verlag
Preis:
 24.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-257-07014-9
Erscheinungstermin: 1. März 2018
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Weitere Stimmen zum Buch


Evelyn von Literat(o)ur | Lesen in Leipzig | Janika von Zeilenwanderer | Ingrid von Buchsichten | Elena von Emerald Notes | Maike von Nordseiten | Nicci von Frau Trallafitti | Dirk von postmondän

3 Gedanken zu “Leinsee von Anne Reinecke | Rezension

  1. Schön, dass dir das Buch so gefallen hat. Ich war auch sehr überrascht von dem Buch, als ich es letztes Jahr gelesen habe, aber es konnte mich voll und ganz überzeugen. Mir hat auch der Schreibstil der Autorin sehr gefallen. Er ist ganz ruhig, aber doch gewaltig 🙂
    Alles Liebe
    Janika

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, diese Ruhe ist toll! Ich war auch vom Ende überrascht – mit der Entwicklung auf der letzten Seite hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Einige bemängeln das und sagen, die Geschichte würde dadurch zu seicht werden, doch ich fand genau das wunderschön 😊

      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

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