Two Boys Kissing von David Levithan | Rezension

Die Liebe tut so weh, wie kann man sie jemandem wünschen? Die Liebe ist so grundlegend, wie kann man ihr im Wege stehen? (Seite 18)

2015, als „Two Boys Kissing“ von David Levithan erschien, stand ich in der Bahnhofsbuchhandlung im Düsseldorfer Hauptbahnhof und hielt die englische Taschenbuchausgabe in der Hand. Bestimmt 15 Minuten stand ich dort und überlegte, ob ich es kaufen soll oder nicht – ich tat es nicht. Wiederum vor zwei Jahren fand ich die deutsche Ausgabe in einem Bücherschrank und dieses Mal nahm ich sie glücklicherweise ohne lange nachzudenken mit. Allerdings LAS ich das Buch noch immer nicht – erst jetzt habe ich danach gegriffen und diese wundervolle (!) Geschichte für mich entdeckt.

Was mich besonders beeindruckt, ist die Kraft der Gefühle, die Intensität, mit der die Figuren ihren Alltag und ihre Gefühle erleben, und die Weisheit, die zwischen den Zeilen steckt. Worum es geht? Um Liebe. In allen Facetten und mit allen ihren positiven und auch schmerzhaften Eigenschaften. Es geht um die Freiheit, der Mensch sein zu können, der man ist, und die sexuelle Identität zu haben, die man nun einmal hat. Und es geht um innere, familiäre und gesellschaftliche Konflikte, die leider auch heute noch viel zu oft damit einhergehen.

Wir haben uns unsere Identität nicht ausgesucht, aber wir wurden ausersehen daran zu sterben. Aus stumpfsinnigen, willkürlichen Gründen, uns eingebläut von Menschen, die nicht sehen wollten, wie willkürlich sie waren. Wir glauben an die Goldene Regel, aber wir glauben auch, dass Menschen ihr immer wieder nicht gerecht werden. Weil sie sich in Unterschieden verrennen. Weil manche die Willkür sehr bewusst einsetzen, um an der Macht zu bleiben. (Seite 99)

„Two Boys Kissing“ hat sehr viel in mir zum schwingen gebracht. Aus dieser Geschichte sprechen Wut und Hoffnung gleichermaßen, eine unendliche Traurigkeit und und pure Freude. Wehmut und Sehnsucht. All dies beschreibt Levithan geradezu poetisch, gleichzeitig treffen seine Worte genau da, wo es am meisten schmerzt. Anfangs ist der Schreibstil allerdings gewöhnungsbedürftig, das liegt hauptsächlich an dem Erzähler oder genauer: den Erzählern. Denn es gibt nicht den einen Protagonisten, es gibt stattdessen eine gemeinsame Stimme aller Homosexuellen, die vor noch nicht allzu langer Zeit massenhaft an Aids starben, da die Krankheit mit zu vielen Vorurteilen behaftet war, als dass nach der Ursache und Heilungsmöglichkeiten geforscht wurde. Sie alle nehmen die Rolle eines griechischen Chors ein, der das Geschehen auf der Erde beobachtet und kommentiert.

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Sie beobachten Craig und Harry, die mit dem längsten Kuss der Welt ins Guinness Buch der Weltrekorde kommen und ein Zeichen setzen möchten. Sie beobachten Avery und Ryan, die sich gerade kennenlernen und ineinander verlieben. Sie beobachten Peter und Neil, die schon lange ein Paar sind und die dennoch nicht umhin kommen, ihre Beziehung zu hinterfragen. Und sie beobachten Connor, der von zu Hause ausreißt und in Gefahr läuft, sich in seiner Einsamkeit und seinen düsteren Gedanken zu verlieren. „Two Boys Kissing“ ist ein relativ dünnes Buch und es sind viele Figuren, die alle gleichsam wichtig sind, doch es funktioniert, dass alle ihren Platz finden – und jedes Schicksal berührt in einer Tiefe, die ich mir anfangs nicht vorstellen konnte. Doch wenn ein Satz genügt, um mich völlig aufgelöst zum weinen zu bringen, dann handelt es sich schlicht um ein großartiges Buch von einem sehr talentierten Autor.

Zu sagen: Nicht ich bin verkehrt, sondern die Gesellschaft, verleiht einem Kraft. Aus welchem Grund soll es getrennte Toiletten für Männer und Frauen geben? Aus welchem Grund sollen wir uns jemals für unseren Körper oder unsere Liebe schämen? Man gibt uns zu verstehen, dass wir uns bedeckt, dass wir uns versteckt halten sollen, damit andere uns unter Kontrolle haben, uns ihre Regeln diktieren können. Diese Schamregel verkehrt das Konzept der Moral in ihr Gegenteil. (Seite 202)

Die Erzähler beobachten nicht nur, sie kommentieren das, was sie sehen. Sie zehren von ihren eigenen Erfahrungen und von allem, was sie seit ihrem Tod gesehen haben, und bringen dadurch Besonnenheit, Lebenserfahrung und Weltkenntnis mit in die Geschichte. Sie ermöglichen es, jeden einzelnen Erzählstrang in einen Gesamtkontext zu bringen, der von großer Relevanz für unsere Gesellschaft ist. „Two Boys Kissing“ zeigt, wie wichtig und wie selbstverständlich es ist und immer sein sollte, dass jeder so sein kann, wie er sein möchte. Dass er den Menschen küssen und lieben darf, den er küssen und lieben möchte – unabhängig vom Geschlecht. Diese Thematik so bewegend zu Papier zu bringen, muss man erst einmal schaffen.

Fazit

„Two Boys Kissing“ von David Levithan ist eine bedeutsame Geschichte, die meiner Meinung nach das Potenzial hat, ein Klassiker zu werden. In diesem vergleichsweise schmalen Buch stecken viele wichtige Botschaften zu Werten, die uns allen gleichermaßen wichtig sein sollten, allen voran Toleranz, Freiheit und Nächstenliebe. Die Einzelschicksale der Figuren sind überzeugend und hoch emotional, ohne kitschig zu sein. Unbedingte Leseempfehlung!

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Two Boys Kissing *

Two Boys Kissing

levithan-two-boys-kissingCraig und Harry wollen ein Zeichen für alle schwulen Jungs setzen. Dafür küssen sie sich. 32 Stunden, 12 Minuten und 10 Sekunden. So lange dauert es, um den Weltrekord im Langzeitküssen zu brechen. So lange dauert es, sich über die Gefühle füreinander klarzuwerden, nachdem man sich doch eigentlich gerade getrennt hat. So lange dauert es, das Leben aller schwulen Pärchen in der Umgebung für immer zu verändern …
Geschickt verwebt David Levithan all ihre Geschichten zu einer großen Geschichte über homosexuelle Jugendliche von heute. Vor allem aber beschreibt er in poetischen Worten die Liebe in all ihren Facetten.


Über David Levithan

David Levithan, geboren 1972, ist Verleger eines der größten Kinder- und Jugendbuchverlage in den USA und Autor vieler erfolgreicher Jugendbücher, unter anderem ›Will & Will‹ (gemeinsam mit John Green) und ›Two Boys Kissing‹. Sein Roman ›Letztendlich sind wir dem Universum egal‹ erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Kategorie Jugendjury. Er lebt in Hoboken, New Jersey.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): S. Fischer Verlage
Preis:
 14.99 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-7373-5185-0
Erscheinungstermin: 24. September 2015
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Weitere Stimmen zum Buch


Damaris von Damaris liest | Jess von primeballerina’s books | Frankfurter Allgemeine | The Guardian

3 Gedanken zu “Two Boys Kissing von David Levithan | Rezension

  1. Wunderbar, danke Anna – das hat mich richtig neugierig gemacht!

    Da werde ich wohl gleich tatsächlich durch Berlins momentanen Hitzesommer zu meinem Lieblingsbuchladen laufen …

    Ganz herzlichen Dank für diese Anregung und eine sorglose Zeit
    Bianka

    Gefällt 1 Person

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