Lanny von Max Porter | Rezension

Folge nur brav und bete recht fromm, dass dich Totpapa Schuppenwurz nicht holen kommt. Er wohnt im Wald. Ich glaube an ihn. Ich habe ihn gesehen. (Seite 76)

Der Klappentext von „Lanny“ machte mich unglaublich neugierig auf den zweiten Roman von Max Porter. Eine mystische Gestalt, ein abgelegenes Dorf, ein einschneidendes Ereignis – all dies wird angedeutet, nichts konkretisiert. Wundervoll! Ich wollte mich ins Ungewisse stürzen und mehr wissen. Wer ist dieser Altvater Schuppenwurz, von dem die Rede ist? Was geschieht in dem Dorf? Und vor allem: Wer ist Lanny? Letztendlich ist „Lanny“ ein Roman für Träumer, für diejenigen, die sich nicht davon abschrecken lassen, nicht alles zu verstehen und alles zu durchschauen. Denn es geht weniger um eine greifbare und realistische Handlung, sondern vielmehr um Gefühle, Ahnungen und nicht logisch nachvollziehbare Ereignisse.

Ich denke an mein schlafendes Baby nebenan. Oder vielleicht schläft Lanny gar nicht. Vielleicht tanzt er im Garten mit Elben und Kobolden. Wir nehmen an, dass er wie jedes normale Kind schläft, aber er ist kein normales Kind, er ist Lanny Greentree, unser kleines Enigma (Seite 87)

So wenig greifbar „Lanny“ bisweilen auch sein mag, es werden viele Themen aufgegriffen, die aus dem Leben gegriffen sind: Das Dorfleben, die Integration von Fremden in einer Dorfgemeinschaft, die Macht von Klatsch und Tratsch, Familie, Elternschaft, Freundschaft, Kunst, Kindesmissbrauch, Verlust eines Kindes, Trauer und die Aufdringlichkeit der Medien angesichts persönlicher Tragödien. Und mit all dem verwebt Max Porter die mystische Erscheinung von Altvater Schuppenwurz. Er ist so etwas wie ein Naturgeist, ein Gestaltwandler, der den Bewohnern lauscht, sich durch die Straßen und Häuser bewegt, und die Worte aufsaugt. Seine liebste Stimme ist die von Lanny, ein Junge, den eine besondere Naturverbundenheit auszeichnet. Er lebt in seiner eigenen Welt, singt und summt sonderbare Lieder vor sich hin, entschwindet in den Wald, bleibt dort für sich. Und eines Tages kommt er nicht nach Hause.

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Was ist geschehen? Hat ihm jemand etwas angetan oder hat er nur – typisch Lanny eben – die Zeit vergessen, um am nächsten Tag vor der Tür zu stehen, als sei nichts gewesen? Seine Mutter, Autorin von haarsträubenden Krimis, und sein Vater, der jeden Tag dem Dorfleben zu seiner Arbeit entflieht, sehen sich mit einem Verlust konfrontiert, den sie zu Beginn gar nicht recht für sich einschätzen können. Sie haben Lanny nie verstanden, stets fragten sie sich, was in seinem Kopf bloß vor sich geht. Fast könnte man meinen, dass gar keine richtige Bindung zwischen ihnen besteht. Doch mit jedem Tag, der ohne Lanny vergeht, nehmen sie deutlicher wahr, was ihnen eigentlich verloren gegangen ist.

Meister Schuppenwurz atmet aus, entspannt sich, lümmelt in seinem Schwinggatter, lächelt und saugt sie auf, seine englische Symphonie, er schwimmt darin, schlingt und suhlt sich, er reibt sich mit ihnen ein, er schiebt sie in seine Öffnungen, er gurgelt, spielt, phrasiert und giert, leckt  und schlürft an den Lauten, will sich den Ort auf der Zunge zergehen lassen, diesen seinen eigenen Ort. (Seite 13/14)

Was mit Lanny geschehen ist, bleibt lange Zeit im Verborgenen. Zuerst fällt der Verdacht auf den eigenbrötlerischen, „irren“ Pete, wie die Dorfbewohner ihn nennen. Er gab Lanny Kunstunterricht und sie wurden Freunde. Nun wird er verdächtigt, dem Jungen etwas angetan zu haben. Die Dorfbewohner zerreißen sich das Maul, Polizei und Medien glauben, den Fall gelöst zu haben. Doch letztendlich ist alles ganz anders. Und hier entwickelt die Geschichte unverhofft einen starken Sog, der bis zur Auflösung am Ende anhält.

Nicht nur die Geschichte hat mich überzeugt, auch – oder besonders – stilistisch ist „Lanny“ äußerst überraschend. Für Altvater Schuppenwurz reiht Max Porter aufs wunderlichste Wörter aneinander, sie passen nicht zusammen und dennoch klingen sie gut und sie schaffen es, eine ganz eigentümliche Stimmung zu erzeugen. Schuppenwurz hört den Dorfbewohnern zu und auf der Seite verwandeln sich ihre Stimmen in wellenbewegte Zeilen, Satzfetzen reihen sich aneinander, sie verschwimmen ineinander, als schwebten sie wie Wolken über dem Dorf, darauf wartend, gehört zu werden. Später ist die Erzählung unterteilt in einzelne Absätze, wer spricht, lässt sich nur erahnen. Es ist ein einziges verworrenes Sprachgewirr und doch ergibt es Sinn, es entspricht dem Chaos, das um die Familie von Lanny herum ausbricht. Allerdings lohnt es sich sicherlich, dieses Buch zwei- oder dreimal zu lesen, um sämtliche Botschaften darin zu entschlüsseln.

Fazit

„Lanny“ von Max Porter ist kein Buch für Zwischendurch. So kurz es auch ist, bedarf es doch der ganzen Aufmerksamkeit des Lesers, denn wenig ist hier offensichtlich, vieles bleibt im Verborgenen, mystisch und geheimnisvoll. Es geht um Lanny, einen besonderen Jungen mit einer besonderen Verbindung zur Natur. Es geht um seine Eltern, die Zugang zu ihrem Sohn suchen, es geht um den alten Pete, der in Lanny einen Freund findet, der seine Liebe zur Kunst und zur Natur teilt. Und es geht um Altvater Schuppenwurz, ein Wesen wie ein Gestaltwandler oder ein Geist, der das Dorf und seine Bewohner beobachtet und beeinflusst. Klingt sonderbar? Ist es auch. Aber auf die schönste Weise sonderbar, aufregend, intensiv und mitreißend. Ich werde auf jeden Fall zum ersten Buch des Autors greifen, „Trauer ist das Ding mit Federn“, denn das soll sogar noch besser sein.

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Lanny *

Lanny

porter-lannyEin kleines abgelegenes Dorf. Es gehört den Menschen, die dort leben, ihren Freuden und Sorgen, ihrem Alltag und ihren Legenden. Doch es gehört auch dem mythischen Altvater Schuppenwurz, der aus seinem Schlaf erwacht ist, dem dörflichen Treiben zusieht und lauscht, immer auf der Suche nach seiner Lieblingsstimme: der Stimme von Lanny. Der neue Roman von Max Porter ist eine bewegende Warnung davor, was wir zu verlieren haben, und eine Hymne an alles, was wir nie ganz verstehen werden. Der neue Roman von Max Porter, einem der mutigsten und feinfühligsten Autoren seiner Generation, ist eine Warnung davor, was wir zu verlieren haben, und eine Hymne an alles, was wir nie ganz verstehen werden.


Über Max Porter

Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. »Trauer ist das Ding mit Federn« ist sein schriftstellerisches Debüt.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Kein & Aber Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-0369-5793-7
Erscheinungstermin: 11. März 2019
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Independent | Totally Dublin | Nadine und Alex von Letusreadsomebooks

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