Warum die Vögel sterben von Victor Pouchet | Rezension

„Nichts fällt einfach so runter. Mir kommt es vor, als wären diese Vögel auf mich gestürzt, auf mein Dorf, meine Kindheit oder vielleicht auch auf etwas ganz anderes. Auf uns. (Seite 18)

Dieser Debütroman von Victor Pouchet lässt mich mit vielen Fragezeichen zurück. Und einer gewissen Leere und einer vagen Unzufriedenheit. Leider, denn ich hatte mir sehr viel von der Geschichte erhofft. Vögel, die aus unbekannten Gründen tot vom Himmel fallen und ein Student, der sich daran macht, dieses Rätsel zu lösen? Und damit ungewollt einen Selbstfindungsprozess anstößt? Das macht neugierig!

Die Geschichte konnte mich zu Beginn begeistern, als ich noch davon ausging: es kommt etwas Ungewöhnliches und Gutes auf mich zu. Beobachtungen, die sich interpretieren lassen, und die am Ende ein zusammenhängendes Gesamtbild ergeben. Doch entweder konnte ich dieses Gesamtbild nicht sehen oder es gibt keines. Letztendlich war „Warum die Vögel sterben“ für mich nicht mehr als eine flüchtige Erscheinung ohne tieferen Sinn, ein reines Spiel mit den Worten, ein Spiel mit Zusammenhängen, die vielleicht richtig sind, vielleicht aber auch nicht, ein Spiel mit den Erwartungen des Lesers – die bei mir am Ende nicht erfüllt wurden. Ich konnte die Intention des Autors über weite Teile nicht verstehen und am Ende wollte ich es auch nicht mehr. Mir fehlte es zu sehr an Griffigkeit und Substanz.

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Warum machte ich das alles? Mir fielen ausschließlich Synonyme für die Wörter Angst und Untätigkeit ein. (Seite 117)

Autor Victor Pouchet ist zugleich der Protagonist Victor Pouchet – inwiefern die Figur am Autoren selbst angelehnt oder frei erfunden ist, bleibt ungeklärt. Er studiert, driftet aber dabei eher ziellos und, mir schien es, ein wenig unglücklich durchs Leben. Er kann sich nicht dazu aufraffen, seine Promotion zu schreiben, sein Vater und er sind einander entfremdet und überhaupt hatten sie schon immer eine schwierige Beziehung. Der Vater, dessen negative Sicht auf die Welt er stets ablehnte, die ihn aber dennoch prägte. Mit der Figur von Victor wurde ich nicht richtig warm. Er wirkt unterkühlt und nachdenklich, in sich gekehrt und deprimierend träge. Und auch während einer leidenschaftlichen Affäre mit der zweiten Offizierin, wirken seine Emotionen unecht und oberflächlich. Vielleicht ist dies auch dem sehr trockenen Schreibstil zu Verdanken.

Ausnahmsweise würde ich einmal sagen können, dass ich dabei gewesen war, als einer der Ersten, der die Fährte der Vögel verfolgt hatte, Prophet einer unbeachteten Vernichtung, ein in eine stumme Posaune stoßender Engel, ein auf eine Pauschalreise auf der Seine verirrter Kasperl, um die in ihr Verderben rennende Menschheit zu retten. (Seite 183)

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Es fielen also Vögel tot vom Himmel. Und dies noch dazu im Heimatort von Victor. Und nicht nur ein Mal, sondern mehrmals entlang der Seine. Zudem spielten Vögel schon immer eine sonderbare Rolle in Victors Leben, sie haben beinahe eine symbolische Macht. Sind die herabgefallenen Vögel also ein Zeichen? Sollen sie ihm etwas über seine Kindheit und seine Beziehung zu seinem Vater sagen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, betritt er einen Vergnügungsdampfer und schippert über die Seine. Doch kaum hat er das Schiff betreten, lässt er die Gedanken schweifen, sie mäandern im gleichen gemächlichen Tempo wie das Schiff vor sich hin. Das kann seinen Reiz haben, ich liebe Geschichten, die entschleunigen, die eine Figur zur Ruhe kommen lassen und Raum für Reflexion bieten.

Doch in „Warum die Vögel sterben“ driften die Gedanken von Victor meinem Empfinden nach zu weit fort von der Handlung. Die Geschichte verliert sich stattdessen in wenig interessanten Gesprächen mit Mitreisenden, Beobachtungen des Treibens auf dem Schiff, Berichten über die Recherchen und Anekdoten zu historischen Begebenheiten. Er stößt auf einen Urahnen und legt auf mehreren Seiten dar, wie dieser gelebt hat. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, doch diese Ausführungen empfand ich leider als langweilig, zumal ich keinen Bezug zu Victors Leben noch zu den vom Himmel gefallenen Vögeln ausmachen konnte. Viele Leser hat eben dieses Nichtssagende und Vage begeistert, mich konnte Pouchet damit nicht kriegen.

Fazit

„Warum die Vögel sterben“ von Victor Pouchet ist ein Debütroman, mit dem ich persönlich wenig anfangen konnte. Die Geschichte liest sich anfangs gut, im Verlauf jedoch schleppender, da der Autor vermehrt Beobachtungen, Berichte und Ausführungen einschiebt, die meinem Empfinden nach nichts mit der tatsächlichen Handlung zu tun haben. Der Frage, warum die Vögel vom Himmel gefallen sind, wird wenig nachgegangen, vielmehr verliert sich der Protagonist auf der Fahrt über die Seine in seinen Gedanken. Doch auch die trugen für mich nicht dazu bei, die Geschichte anregender zu gestalten. Die Figur begibt sich zwar auf eine Reise zu sich selbst, reflektiert viel über sich und seine Familie, seine Kindheit, kommt jedoch zu keinem Schluss. Alles bleibt offen, nichts führt dazu, dass die Figur sich in irgendeiner Weise entwickelt. Oder sie tut es und mir fehlte schlicht der rechte Zugang. Daher gilt wie immer: Auf jeden Fall weitere Buchbesprechungen lesen – sie können einen ganz anderen Einblick geben!

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Warum die Vögel sterben *

Warum die Vögel sterben

pouchet-warum-die-vögel-sterbenIn der Normandie regnet es tote Vögel vom Himmel, doch in Paris nimmt man kaum Notiz davon. Nur ein promotionsmüder Student will unbedingt erfahren, was sich da – unter anderem in seinem Heimatort – ereignet hat. Er versucht allerdings ausgerechnet auf einem Vergnügungsdampfer dorthin zu gelangen. Als (weitaus) jüngster Passagier auf der Seine Princess verliebt und schlägt er sich auf diesem ›trunkenen Schiff‹ mit einem Matrosen um die Herzdame … Aber ist seine Reise nicht vor allem ein Versuch, die Familie wiederzufinden und ein wenig Ordnung in seine Notizen und sein Leben bringen?


Über Victor Pouchet

Victor Pouchet wurde 1985 in Paris geboren. Lange Jahre hat er lieber Vögel beobachtet, als seine Doktorarbeit über die Nachfahren Stendhals im Spiegel der Kritik des 20. Jahrhunderts zuende zu schreiben. Seit seiner Promotion lehrt er moderne Literatur; Warum die Vögel sterben ist sein erster Roman.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Piper Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8270-1377-4
Erscheinungstermin: 19. März 2019
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2 Gedanken zu “Warum die Vögel sterben von Victor Pouchet | Rezension

  1. Hey,

    ein schöner Beitrag, auch wenn es dich nicht so abholen konnte. Ich schau es mir mal genauer an.
    Wenn du dich für Vogelkunde, Umwelt etc interessierst, kann ich dir die Neuerscheinung „Nestwärme von Ernst Paul Dörfler“ empfehlen. Das Buch habe ich gestern ausgelesen und es ist ein sehr schönes Buch das einerseits das Leben der Flugtiere erzählt, aber auch Vergleiche mit uns Menschen zieht. Es ist lehrreich und weniger wissenschaftlich erzählt, was es zu einem echten Genuss gemacht hat.

    Liebste Grüße, Stella

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Stella,
      danke dir und ich bin gespannt, ob es dich „packen“ kann 🙂
      Und danke auch für den Tipp! Allerdings interessierte ich mich eher für die Entwicklung des Protagonisten und weniger für die Vögel 😉

      Liebe Grüße und einen schönen Abend! 🙂
      Anna

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