Flamingofeuer von Laura Lay | Rezension

Darf es literarisch im Frühling etwas verspielter sein? Vielleicht eine Kombination aus Erotik, viel Humor, Fantasie und klugem Storytelling? Dann ist „Flamingofeuer“ von Laura Lay, dem Pseudonym von Antje Wagner, exakt das richtige Buch. Zugegeben, mich hatte die Vorstellung, einen erotischen Roman zu lesen, zuerst ein wenig abgeschreckt. Aber wenn ich einem Verlag vertraue, dann ist es der Ulrike Helmer Verlag, mit dem ich bislang ausschließlich positive Leseerfahrungen gemacht habe („Schattengesicht“ von Antje Wagner sowie „Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels), und wenn ich einer Autorin vertraue, dann Antje Wagner. Sie schreibt schlicht phänomenal gut und zaubert einfach immer wieder Überraschungen aus dem Hütchen. So auch in „Flamingofeuer“.

[Er] Klickte auf Neues Dokument, sah erst auf die Rhododendronblüten, die im Wind zitterten, dann auf den blinkenden Cursor. Er dachte an Tanja R. und spürte die Wut in sich brodeln. Heiß. Er atmete tief durch.
Dann tippte er:
Fieber. (Seite 64)

Erotisch angehauchte Romane sind seit dem Aufblühen des New Adult Genres schon beinahe alltäglich, kaum ein Jugendbuch verzichtet auf explizite Szenen. Der Schritt zu einem erotischen Roman war daher weit weniger ungewohnt als ich erwartet hatte. Und ja, Erotik ist ein übergreifendes Thema, aber bei weitem nicht alles, was diese Geschichte zu bieten hat. Leon Walsky war ein gefeierter Autor, für kurze Zeit war er wegen seines Erotikromans „Die Augenbinde“ eine Berühmtheit. Sein Folgewerk findet jedoch keine Abnehmer, er verliert alles, was er hat und lebt in einer Bruchbude. In dieser Situation erreicht ihn die Nachricht einer Unbekannten, die sich Tanja R. nennt und die ihn bittet, ihr erotische Geschichten zu schreiben, deren inhaltliche Ausrichtung sie selbst bestimmen darf. Leon lässt sich darauf ein und so beginnt ein vielschichtiger Roman, die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verwischen, und Stück für Stück wird klar, dass Leon sich in der Vergangenheit in irgendeiner Weise strafbar gemacht hat. Was das war, bleibt bis zum Ende offen.

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Nun beginnt das Spiel zwischen Tanja R. und Leon: er schreibt, sie kommentiert und fordert neue Geschichten ein. Er schreibt, sie lenkt und Leon wird, auch wenn er ihre aggressive und fordernde Art nicht leiden kann, schnell auch von ihr abhängig. Unter ihrer Führung schreibt er so intensiv und so viel, wie schon lange nicht mehr. Sie fordert ihn heraus und treibt ihn an seine Grenzen – sie beflügelt ihn und seine Fantasie. Das Hin und Her zwischen den beiden fand ich äußerst interessant, mal befremdlich, mal amüsant. Schnell wird klar, dass der ganze Roman sehr spielerisch ausgelegt ist. Die erotischen Geschichten fügen sich als einzelne Kapitel zwischen den Email-Kontakt zwischen Leon und Tanja R., Beschreibungen seines Alltags und seinen Erinnerungen an eine gewisse Laura ein. Dadurch spiegeln sie immer einen Teil von Leon’s realen Erfahrungen, Wünschen und Vorstellungen wieder.

Tanja R.: Für mich ist Erotik eine Reise, an deren Ende ein Geschlechtsakt stehen kann. Mich interessiert aber gar nicht so sehr das Ziel. Sondern die Reise selbst. (Seite 91)

Er schreibt sich selbst, Tanja R. und auch die geheimnisvolle Laura in seine Geschichten hinein. Ihre Personas ändern sich ständig, ebenso ihre sexuelle Identität. Sie sind mal schüchtern, mal selbstbewusst, mal dominant. Ist es zu heftig? Es gibt Szenen, in denen BDSM eine Rolle spielt, und die für einige Leser sicherlich weniger angenehm zu lesen sind. Eine Gratwanderung, die – wie ich finde – schriftstellerisch aber sehr souverän gemeistert wurde. Einerseits durch den Ton und andererseits durch die Wortwahl und die damit einhergehende Ästhetik von „Flamingofeuer“. Nie wirken die Geschichten platt oder peinlich, immer bleibt eine gewisse künstlerische Distanz bestehen. Man schaut Leon Walsky vielmehr über die Schulter, als sein Schaffen wirklich ernsthaft nachzuempfinden.

Wir sind es gewohnt, von A nach B zu gehen, schnell und energiesparend. Wir schreiben keine Briefe mehr, auf die man einen Tag warten müsste – wir schreiben SMS. Verstehen Sie? Von A nach B – in einer Sekunde. Aber ich glaube, das Wesentliche passiert dazwischen. Zwischen A und B. Zwischen dem Öffnen eines Blusenknopfs und der Nacktheit. (Seite 92)

Nichtsdestotrotz haben die Geschichten natürlich ihren Reiz. „Flamingofeuer“ fühlt sich tatsächlich wie im oben genannten Zitat an wie eine Reise. Eine Reise durch die verschiedenen Facetten und Nuancen von Erotik. Hinzu kommt der wie immer großartige Schreibstil von Antje Wagner. Sie bringt Humor in der Geschichte, wo man keinen vermuten, inklusive herzhaften Lachmomenten. Sie reichert die unscheinbarsten Momente mit Poesie und Schönheit an. Doch in erster Linie ist „Flamingofeuer“ eine lockere und leichte, aber intelligent aufgebaute Lektüre mit einer Figur, die einen ausgeklügelten Plan verfolgt, der bis zum Ende im Verborgenen bleibt. Dieser erotische Roman hält einige Überraschungen für den Leser bereit.

Fazit

Antje Wagner hat mit „Flamingofeuer“ einen fantasievollen und clever konstruierten erotischen Roman geschrieben. Anstatt peinlich oder platt zu sein, kommt er durch das schriftstellerische Können der Autorin sinnlich und humorvoll daher. Die Figuren sind ebenfalls sympathisch, Leon Walsky als Autor, der nicht an seinen ersten Erfolg anknüpfen kann, die ominöse und herrische Tanja R., die seine Geschichten lesen möchte und die geheimnisvolle Laura, mit der Leon scheinbar einmal etwas verband. Die Erotik zeigt sich in „Flamingofeuer“ in allen denkbaren Facetten, gängige Rollenbilder werden aufgelöst. Ein äußerst vergnügliches Abenteuer für neugierige Leser.

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Flamingofeuer *

Flamingofeuer

lay-flamingofeuerSein Erotikroman war ein Bestseller, aber das ist Jahre her. Jetzt steht Leon Walsky vor dem Ruin. Da überrascht ihn eine Unbekannte mit einem Angebot. Sie will ihn für erotische Storys bezahlen, verfasst nach ihren Ideen. Eine literarische Reise ins Begehren beginnt … „Flamingofeuer“ ist ein Buch im Buch, ein verführerisches Vexierspiel, das mit Witz und Verve Gewissheiten über erotische Rollenbilder zu Fall bringt.


Über Laura Lay (Pseudonym von Antje Wagner)

Antje Wagner ist 1974 in Wittenberg geboren, schreibt Romane und Erzählungen für Jugendliche und Erwachsene, auch unter dem Pseudonym Laura Lay. Sie absolvierte ein Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester. Von 2012 bis 2014 leitete sie das renommierte „Schreibzimmer Prosa“ am Literaturhaus Frankfurt/Main. Antje Wagners Romane werden in der Presse mit Filmen wie „The Sixth Sense“ oder „The Village“ verglichen. Eine Kinofilm-Adaption ihres Romanes „Vakuum“ ist in Vorbereitung. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nahm Antje Wagner 2012 in den Kanon der „20 besten deutschsprachigen Autoren unter 40 Jahre“ auf.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Ulrike Helmer Verlag
Preis:
 16.00 Euro
Format: Paperback
ISBN: 978-3-89741-426-6
Erscheinungstermin: 8. März 2019
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