Ein Sommer in Brandham Hall von L. P. Hartley | Rezension

„Ein Sommer in Brandham Hall“ von L. P. Hartley ist eine Geschichte von tragischer Schönheit, die bereits im Jahr 1953 erschien und damals den Durchbruch für den Autor mit sich brachte. Doch auch heute hat die Geschichte nichts an Wertigkeit verloren, denn die Handlung ist zeitlos und kunstvoll erzählt. Es geht um Marian, die Tochter des Herrn von Brandham Hall, und den Pächter Ted, die sich allen gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz ineinander verliebt haben. Und es geht um den jungen Leo Colston, der seine Sommerferien auf Brandham Hall verbringt, und der dazu auserkoren wird, die heimlichen Botschaften der beiden zu übermitteln. So wird er wider besseren Wissens hineingezogen in ein Spiel von Liebe, Eifersucht und Verzweiflung.

Ich war nicht mehr zufrieden mit dem kleinen Erfahrungsbereich, in dem ich mich bisher bewegt hatte. Ich wollte jetzt in großem Stil erleben. […] Mein Traum war meine Realität geworden, mein altes Leben hatte ich abgestreift wie eine Hülle. Und die Hitze war wie ein Medium, das diesen Wandel möglich machte. (Seite 107/108)

Ein altes Tagebuch weckt Leo’s Erinnerungen an diesen verhängnisvollen Sommer im Jahr 1900, den er bislang zu vergessen suchte. Doch mit dem Aufschlagen der ersten Seite wird er mit Macht hineingezogen in die Vergangenheit, die ihn für den Rest seines Lebens verändern sollte. Teils liest sich „Ein Sommer in Brandham Hall“ wie ein Traum. Mal reihen sich die Eindrücke längst vergangener Tage wie verschwommene Bilder aneinander, sie dümpeln vage in der Sommerhitze dahin, ein andermal sind sie gestochen scharf. L. P. Hartley beschreibt die Erlebnisse seines Protagonisten sehr gefühlvoll. Er gibt sich ganz der kindlichen Naivität hin, mit der er damals allem und jedem begegnet ist. Damit einher geht der drängende Wunsch, etwas Bedeutsames leisten zu wollen, jemand Bedeutsames zu sein, nicht nur ein unwichtiges Kind. Leo möchte über sich hinauswachsen.

Ich fühlte mich berauscht und schwindlig, als hätte man mir eine wundersame Gabe zuteil werden lassen, etwas, was mich aus mir selbst herausholte und über die Beschränkungen meiner normalen Persönlichkeit hinaushob. Aber es war keine isolierte Erfahrung, sie war untrennbar von der Erwartung, die ich in den Gesichtern um mich herum sah. (Seite 136)

Dies führt dazu, dass er alles, was geschieht, durch einen fantasievoll-verklärten Schleier wahrnimmt. Er bauscht seine Funktion als Bote auf, er fabuliert sich seine eigenen Theorien zusammen über Ted und Marian, während er doch tatsächlich von den Erwachsenen als Werkzeug für ihre eigenen Zwecke benutzt wird. Der Autor zeichnet sehr präzise den Weg einer Figur, die ihr wahres Ich verleugnet, um sich neu zu erfinden, nur um am Ende auf tragische Weise zu realisieren, dass nicht nur ihr dies geschadet hat, sondern auch anderen Menschen in ihrem Umfeld.

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L. P. Hartley ist sehr stark darin, der kindlichen Wahrnehmung treu zu bleiben. Als Ich-Erzähler verfälscht nichts die Erinnerungen und dadurch wirkt alles wahnsinnig echt. Als Kind erkennt Leo nur langsam, in Bruchstücken und Ahnungen, was tatsächlich während seines Aufenthalts geschieht. Ergänzt wird dies von reflektierenden Kommentaren des erwachsenen Leo. So reimt man sich als Leser schon recht früh die gesamte Bandbreite der Tragödie zusammen. Umso schmerzhafter ist es, Zeuge davon zu werden, wie sehr Leo hofft, wichtig zu sein, wie viel ihm die Rolle als Bote bedeutet, und wie stark eben diese Rolle ihn am Ende in die Verzweiflung treibt.

Seit Marcus wieder aufgestanden war, war mir vage bewusst geworden, dass ich ein Doppelleben führte. in gewisser Weise fand ich das erhebend, es verlieh mir ein Gefühl von Macht und rief meine verborgenen Talente als Intrigant auf den Plan. Aber ich hatte auch Angst. Angst, einen verräterischen Fehler zu begehen. (Seite 177)

Ich liebe es, wie L. P. Hartley der Natur und dem Wetter symbolische Kraft verliehen hat, hier kann man seiner Interpretationslust freien Lauf lassen. Da wäre die Tollkirsche, die in einem dunklen Winkel von Brandham Hall wächst, gleichzeitig wunderschön verlockend und todbringend gefährlich. Da wäre die Hitze, die immer weiter zunimmt und Leo dazu verhilft, aus seiner Haut zu fahren, jemand anderes zu werden, wie eine Raupe, die sich zu einem Schmetterling entfaltet. Gleichzeitig dörrt die Hitze die Bäche und Felder aus, sie zehrt an den Nerven der Bewohner und Besucher von Brandham Hall und schlürft geradezu immer mehr vom ursprünglichen Leo auf, so dass am Ende kaum noch etwas übrig von seiner kindlichen Unbedarftheit bleibt. Diese Metaphern und Symbole tragen enorm dazu bei, das Innenleben von Leo zu erfühlen und die emotionalen und psychischen Folgen seiner Botenrolle zu verstehen.

Fazit

„Ein Sommer in Brandham Hall“ von L. P. Hartley erzählt bedächtig, aber äußerst eindringlich von einem Jungen, der ungewollt und unwissend in die Heimlichkeiten einer verbotenen Liebe hineingezogen wird. Nichts schlimmes ahnend wird er zum Werkzeug von Erwachsenen, die ohne an mögliche Folgen zu denken, ihren Vorteil suchen. Der Roman ist kunstvoll geschrieben, sprachlich auf einem sehr hohen Niveau und reich an Symbolen. Eine Geschichte, die man nicht zum Zeitvertreib nebenher liest, sondern eine Geschichte, in der man vollends aufgehen kann, die einen einlädt, die Botengänge gemeinsam mit Leo zu gehen, die Welt mit seinen Augen zu sehen und gleichzeitig einen Blick über den kindlichen Tellerrand zu werfen und die zweite Erzählebene zu erleben. Denn Leo’s Erinnerungen sind nur die vordergründige Geschichte, dahinter tut sich eine ganze Welt an verschiedenen Figuren, Emotionen und Erfahrungen auf. Wundervoll!

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Ein Sommer in Brandham Hall *

Ein Sommer in Brandham Hall

hartley-ein-sommer-in-brandham-hallLeo Colston ist ein Mann fortgeschrittenen Alters, als er in einem alten roten Karton auf sein Jugendtagebuch stößt. »Tagebuch für das Jahr 1900« steht darauf, und dieser Fund lässt Leo Colston in Gedanken zurückgehen in jenen Sommer, als er dreizehn war: Während der Ferien auf dem Landgut der Eltern seines Schulfreundes wird Leo zum Überbringer heimlicher Liebesbotschaften zwischen Ted, dem Pächter, und Marian, der schönen Tochter des Schlossherrn, deren Verlobung mit Lord Trimingham kurz bevorsteht. Gegen seinen Willen zieht es Leo immer tiefer in den Strudel des gefährlichen Spiels von Verlangen und Verrat, von versprochener und verbotener Liebe, und schließlich steht er vor der ersten großen Gewissensentscheidung seines jungen Lebens.


Über L. P. Hartley

Leslie Poles Hartley, 1895 in Whittlesey in England geboren, studierte neuere Geschichte in Oxford und machte sich einen Namen als Literaturkritiker, bevor er sein preisgekröntes Debüt Das Goldregenhaus schrieb. Der eigentliche Durchbruch gelang ihm jedoch erst 1953 mit Ein Sommer in Brandham Hall, einer der schönsten englischen Romane des 20. Jahrhunderts. 1972 starb Hartley im Alter von 76 Jahren in London.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Eisele Verlag
Preis:
 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 9783961610549
Erscheinungstermin: 2. Mai 2019
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Weitere Stimmen zum Buch


Juliane von I am Jane

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