Rainbirds von Clarissa Goenawan | Rezension

„Rainbirds“ wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch geschickt und sehr ans Herz gelegt. Noch einmal Danke an dieser Stelle für die schöne Überraschung. „Rainbirds“ ist der erste Roman der indonesischen Autorin Clarissa Goenawan, die für ihre Kurzgeschichten bereits internationale Literaturpreise erhielt, und die mit ihrer Familie in Singapur lebt. Die Geschichte spielt jedoch in Tokio und der näheren Umgebung der Großstadt, so dass für viele ein Vergleich mit den Werken von Haruki Murakami naheliegend ist. Beiden gemein ist auf jeden Fall die große Ruhe, die den Geschichten innewohnt, ebenso die Integration von mystischen Elementen. Ob mich Goenawan ebenso begeistern konnte wie Murakami, erfahrt ihr hier.

Sie
zerfiel
vor meinen Augen
und
wurde
zu
Asche.
(Seite 5)

Erzählt wird die Geschichte von Ren, dessen Schwester Keiko ermordet wurde. Seine Aufgabe ist es nun, ihre Angelegenheiten zu regeln und sich um ihre Besitztümer zu kümmern. Doch tatsächlich treibt ihn noch ein viel tiefer liegendes, inneres Bedürfnis an, nach Akakawa zu reisen, der Kleinstadt, in der Keiko als Lehrerin arbeitete. Dorthin brach sie eines Tages, als Ren noch klein war, ohne ein Wort des Abschieds und ohne Erklärungen auf, Ren blieb überrumpelt und verwirrt zurück. Der einzige Kontakt beschränkte sich in den nächsten Jahren auf wöchentliche Telefonate, in denen sie Ren lediglich wissen ließ, dass es ihr gutgehe. Doch war dem wirklich so?

„Das Schlimme am Seelenschmerz ist, dass man die Wunde nicht sehen kann. Aber sie ist trotzdem da. Sie ist echt. (Seite 118)

Ren tritt in Akakawa durch Zufall in die Fußstapfen seiner Schwester, er bewohnt ihr Zimmer und er übernimmt ihren Lehrposten. Ohne erklärte Ziele erlebt er den Alltag seiner Schwester, er lässt sich treiben, beobachtet, knüpft Kontakte zu Menschen, die Keiko kannten und wird schlussendlich in einen Strudel der Erkenntnisse hineingezogen. Dies geschieht jedoch nie aufdringlich, „Rainbirds“ ist weder Krimi noch Thriller, alles entwickelt sich gemächlich und unaufgeregt. Der Fokus liegt tatsächlich weniger auf dem Mord, interessanter sind für Goenawan die Geschwisterbeziehung und die Versuche von Ren, das Leben seine Schwester zu rekonstruieren, um sich ihr wieder nahe zu fühlen. Zwischenzeitlich ist „Rainbirds“ sogar eine Liebesgeschichte. In Akakawa lernt er eine Schülerin kennen und es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden. Doch Ren ist bereits vergeben, er ging nur im Streit mit seiner Freundin auseinander. Was ist nun richtig, was falsch? Welche Liebe wünscht sich Ren, wo soll sein Leben ihn hinführen?

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In kleinen Schritten, feinen Andeutungen und fast unmerklichen Veränderungen der Stimmung, schärfen sich die Sinne von Ren und er wird gewahr, dass das Leben seiner Schwester ganz anders war, als gedacht. Jedes Gespräch mit einem Bekannten oder Kollegen von Keiko, bringt ihn dem Täter und dem Motiv für den Mord näher. Was ihn anspornt, ist jedoch nicht das Bedürfnis, Gerechtigkeit walten zu lassen, sondern zu verstehen.

Stille breitete sich im Wohnzimmer aus. Sie kroch durch die Fensterritzen und unter den Türen durch. Die Luft verfestigte sich langsam, wie zäher, weißlicher Nebel. Ich atme Stille. Ich ging in mich und verwandelte mich in Stille. Ich bin Stille. (Seite 293)

Die Geduld, die Ren für seine Suche aufbringen muss, muss man auch als Leser aufbringen. Denn offenkundige Spannung sucht man in „Rainbirds“ vergebens. Stattdessen baut die Autorin, und hier liegt der Vergleich mit Murakami tatsächlich nahe, mystische Elemente ein: Ren träumt wiederholt von einem kleinen Mädchen mit Zöpfen, die in irgendeinem Zusammenhang mit Keiko und dem, was ihr widerfahren ist, steht. Dabei hat die Autorin es geschafft, dass diese Träume in keinster Weise seltsam anmuten, sondern sich im Gegenteil sehr harmonisch in die Geschichte einfügen. Was mir darüber hinaus auch besonders gut gefiel, waren die Einblicke ins japanische Leben. Die Details, von Fertigsuppen bis hin zu Supermärkten, die rund um die Uhr geöffnet haben, lassen die Figuren und ihren Alltag vor dem Auge des Lesers lebendig werden.

Fazit

„Rainbirds“ von Clarissa Goenawan ist ein feinfühliger, ruhiger und mystischer Roman über die Sehnsucht nach Familie und dem Streben nach Wahrheit. Lässt man sich auf „Rainbirds“ ein, wird man belohnt mit einer Geschichte, die lange nachklingt. Das liegt an den Figuren, die wie die Zeichnung eines Künstlers schon durch wenige Pinselstriche so viel Profil zeigen, dass man sie klar vor Augen sieht und in ihre Seele blicken kann. Aber auch das Netz an Zusammenhängen, das Ren um Keiko herum aufspürt, ist ein faszinierender Teil des Romans, der meiner Meinung nach vollkommen zu recht empfohlen wird.

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Rainbirds *

Rainbirds

goenawan-rainbirdsRen Ishido hat gerade seinen Abschluss an der Universität von Tokio gemacht, als er die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner älteren Schwester erhält. Keiko wurde in einer regnerischen Nacht auf dem Weg nach Hause erstochen, und es gibt keine Anhaltspunkte für diese Tat. Bestürzt reist Ren nach Akakawa, um die Sachen seiner Schwester zu ordnen, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Mit Keiko, die von einem Tag auf den anderen der Heimatstadt Tokio und der ganzen Familie den Rücken kehrte, verband ihn in der Kindheit eine enge Beziehung. Inzwischen erscheint ihm das Leben seiner Schwester so mysteriös wie ihr unerklärlicher Tod. Doch dann wird Ren kurioserweise die nun vakante Stelle an der Schule angeboten, in der Keiko unterrichtete, und er kann auch ihr Zimmer im Haus eines enigmatischen Politikers übernehmen, das sie kostenlos bewohnte mit der Auflage, dessen ans Bett gefesselter kranker Frau jeden Tag ein Stunde vorzulesen. Ren lässt sich auf beides ein, in der Hoffnung, das Leben seiner Schwester besser zu verstehen und herauszufinden, was in jener regnerischen Nacht geschah. Als er sich in die rebellische Studentin Rio verliebt, steigen Erinnerungen auf. Und dann sind da immer wieder diese Träume, in denen ihm ein kleines Mädchen mit Zöpfen unbedingt etwas sagen möchte…


Über Clarissa Goenawan

Clarissa Goenawan ist eine indonesische Autorin, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in Singapur lebt. Sie liebt Regentage, gute Bücher und heißen grünen Tee. Ihre Kurzgeschichten wurden mit internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. »Rainbirds«, der erste Roman des literarischen Shooting Stars, der mit Haruki Murakami verglichen wird, wurde in mehr als zehn Länder verkauft, erhielt unter anderem den Bath Award und glänzende Rezensionen in den USA, wo das Buch im Frühjahr 2018 erschien.

Verlagsinfos zum Buch (E-Book)
Verlag (Copyright Cover): Piper Verlag
Preis:
 15.99 Euro
Format: WMEPUB
EAN: 978-3-492-99391-3
Erscheinungstermin: 1. März 2019
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* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link: Die Romanempfehlung ist frei von einer Einflussnahme durch Affiliate-Partner. Wenn du etwas über diesen Link bestellt, bekomme ich lediglich eine kleine Provision.

Weitere Stimmen zum Buch


The Nerd Daily (Englisch) | Juliane von I am Jane | Alexandra von The Read Pack

2 Antworten auf “Rainbirds von Clarissa Goenawan | Rezension”

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