Freaks von Joey Goebel | Rezension

„Freaks“ von Joey Goebel ist die schrägste Geschichte mit den schrägsten Figuren, die ich seit langem gelesen habe. Anfangs ging mir daher nicht viel mehr als ein ungläubiges, teils skeptisches, teils belustigtes „oooookay“ durch den Kopf, denn die Figuren werden dem Leser alle miteinander direkt zu Beginn in all ihrer wundervollen Exzentrik präsentiert. Und dennoch haben sich Ray, Opal, Luster, Aurora und Ember vollkommen wider Erwarten in mein Herz geschlichen. Goebel fängt einen ein und ehe man sich versieht, steckt man knietief mittendrin. Was anfangs fremd und gar verrückt erscheint, wird nachvollziehbar, man kann sich einfühlen. Joey Goebel durchdringt die augenscheinlichen Seltsamkeiten und fördert zutage, was den Menschen in seinem verschrobenen Kern liebenswert macht.

„Wenn ich losrocke wie ein verliebtes Menschenkind, dann bin ich gottähnlich. Rockmusik ist meine Religion. Ich glaube an Rockmusik.“ (Seite 74)

Insbesondere Luster hebt sich von der breiten Masse ab. Er ist intelligent und er lehnt alles ab, was der gesellschaftlichen Norm entspricht. Er handelt nur nach seinen eigenen Prinzipien. Und er verehrt Rockmusik. Wenn er Musik macht, fühlt er sich frei, dann kann er ausdrücken, was er fühlt. Zusammen mit seinen Freunden gründet er daher eine Band. Da wären Ray, der mit seiner Familie aus dem Irak nach Amerika kam, und Opal, die im hohen Alter nach Lust und Laune leben möchte. Aurora, die genug davon hat, dass Männer sie lediglich als Objekt wahrnehmen, nur weil sie sich gerne freizügig kleidet, und da wäre die kleine Ember, deren Eltern sich nicht um sie kümmern und die alle Menschen außer ihre Freunde verachtet. Es ist eine kuriose Truppe, die sich von niemandem etwas sagen lässt und die sich in ihrer Freiheit von niemandem einschränken lassen möchte.

„Menschen brauchen Menschen. Jeder hat eine innere Leere, die gefüllt werden muss.“ (Seite 180)

In „Freaks“ wird geflucht und ganz schön viel Dreck in den Mund genommen. Anfangs hatte mich das kalt erwischt, die Sprache der Figuren stieß mich ab und ihr Verhalten tatsächlich auch. Doch Joey Goebel schafft es durch häufiges Wechseln der Erzählperspektive, dass man dran bleibt. Jede Figur kommt zu Wort und öffnet sich, erlaubt einen Blick in die eigene Welt, so dass man sie besser kennenlernt und erfährt, was sie antreibt, was sie bewegt. Denn nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

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Ray, Opal, Luster, Aurora, Ember sind nicht einfach Menschen, die sich willkürlich exzentrisch verhalten. Alles hat einen Grund und den bringt der Autor voller Mitgefühl für seine Figuren ans Licht, er schaut nicht von oben auf sie herab, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe. Als einer von ihnen, scheint es. Insbesondere das Leben und Schicksal von Ray und Aurora hat mich berührt. Aber auch die durchgeknallte Opal und der kluge Luster sind Menschen mit dem Herz am richtigen Fleck. Einzig mit Ember wurde ich nicht ganz warm, ihre Gewaltbereitschaft konnte ich nur schwer ertragen.

Ach, zum Teufel – Lieber Gott, bitte lass das Konzert heute Abend gut über die Bühne gehen. Mach, dass sie uns akzeptieren und mögen. Und sorg bitte dafür, dass unsere Musik funktioniert. Das brauchen wir alle. (Seite 151)

Was „Freaks“ zu etwas Besonderem macht, sind einerseits also die vielschichtigen und herausfordernden Figuren, und andererseits diese einzigartig innige Freundschaft, die sie miteinander verbindet. Es ist eine bedingungslose Freundschaft, wie man vor allem am Ende erfährt, und eine notwendige Freundschaft, denn sie brauchen einander, um sich ihren Traum von einem Auftritt zu erfüllen. Ein Auftritt, der für sie alle viel mehr ist, als nur auf einer Bühne zu stehen und Musik zu machen. Sie wollen sich der Welt zeigen und laut rufen: „Hier sind wir, schaut uns an. Wir mögen zwar anders sein, aber wir sind okay!“ Eine tolle Botschaft und ein glaubwürdiges Ende.

Fazit

„Freaks“ von Joey Goebel ist ein ungewöhnlicher Roman, in dem es um sehr ungewöhnliche Figuren geht. Ray, Opal, Luster, Aurora, Ember lassen sich nicht von der Gesellschaft vorschreiben, wie sie sich zu verhalten und wie sie auszusehen haben. Dadurch ecken sie an, doch das nehmen sie in Kauf, um frei sein zu können. Joey Goebel bringt ans Licht, was seine Figuren empfinden und weshalb sie sich derart abgrenzen. Ein großartiger Roman über das Leben von Außenseitern in einer Kleinstadt, über Freundschaft, Individualität und die Kraft von Musik. 

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Freaks *

Freaks

goebel-freaksIn einer kleinen Stadt in Kentucky haben sich fünf Außenseiter gefunden: eine 80-Jährige, die in einem Sex-Pistols-T-Shirt und in Cowboystiefeln herumläuft; eine wunderschöne Frau im Rollstuhl; ein junger Iraker auf der Suche nach dem Amerikaner, den er im Ersten Golfkrieg verwundet hat; ein frühreifes kleines Mädchen und ein extrem wortgewandter Afroamerikaner, der ständig auf Drogen zu sein scheint, tatsächlich aber völlig nüchtern durchs Leben geht. Musik ist ihre Leidenschaft, und zusammen gründen sie eine Band – THE FREAKS. »Um diese Gegend zu verbessern, müsste Gott schon eine Bombe werfen«, meint ihr Leadsänger. Allein sind sie nur Außenseiter, als Gruppe könnten sie die Bombe sein, die Gott nicht werfen will…


Über Joey Goebel

Joey Goebel, 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker – ein weltweit gefeiertes Multitalent. Seine Romane „Vincent“, „Freaks“ und „Heartland“ wurden in 14 Sprachen übersetzt. Joey Goebel hat einen kleinen Sohn und lebt in Henderson, wo er englische Literatur unterrichtet.

Auszeichnungen:
›Festival-Preis‹ des Internationalen Festivals und Kolloquiums ›Days and Nights of Literature‹ (Rumänien) , 2009
Nominierung für den Kritikerpreis in der Altersgruppe 16–18 Jahre der Jury der jungen Leser für Freaks , 2007
›Silberner Lufti, Lufti-Jugendbuchpreis‹ für Freaks , 2007
Nominierung von Torture the Artist (Vincent) für die Longlist des ›Dylan Thomas Prize‹ in England , 2006
›Jugendbuchpreis‹ der Jury der jungen Kritiker in Wien für Vincent , 2006

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Diogenes Verlag
Preis:
 10.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-257-23662-0
Erscheinungstermin: 1. Oktober 2007
Zur Verlagswebseite

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3 Gedanken zu “Freaks von Joey Goebel | Rezension

    1. Ich hätte auch eher nicht zu dem Buch gegriffen, aber die Lektorin von Joey Goebel hat so überzeugend vom Roman und vom Autoren geschwärmt, dass ich es lesen MUSSTE 🙂 Bald folgt noch „Vincent“ vom gleichen Autoren und ich bin schon sehr gespannt. Freut mich auf jeden Fall, dass ich dich neugierig machen konnte 🙂

      Ich wünsche dir ein schönes langes Wochenende!
      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

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