The Wall (dt. Die Mauer) von John Lanchester | Rezension

In Zeiten, in denen der Brexit diskutiert wird, ein Klimawandel bevorsteht und bereits jetzt Flüchtlinge in Europa nach einer sicheren, neuen Heimat suchen, ist „Die Mauer“ von John Lanchester weniger eine Dystopie als vielmehr ein durchaus realistisches Zukunftsszenario. Schauen wir also wenige Jahre in die besagte Zukunft: England hat sich abgeschottet und eine Mauer entlang der Küste errichtet. Diese soll die Bewohner des Landes vor „den Anderen“ schützen, die seit „dem Wandel“ verzweifelt versuchen auf die andere Seite der Mauer zu gelangen. Um das zu verhindern, müssen alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zwei Jahre lang Dienst auf der Mauer leisten. Ein gefürchteter Dienst, denn ein Angriff kann jederzeit erfolgen und die Folgen sind fatal. Entweder man wird getötet oder man wird der See übergeben, sobald es ein Anderer geschafft hat, ins Landesinnere zu gelangen. Und so fürchtet sich Joseph Kavanagh, während er seinen Dienst auf der Mauer absolviert – und tatsächlich werden seine schlimmsten Alpträume wahr. [Achtung, diese Rezension ist nicht frei von Spoilern.]

It’s cold on the Wall. That’s the first thing everybody tells you, and the first thing you notice when you’re sent there, and it’s the thing you think about all the time you’re on it, and it’s the thing you remember when you’re not there anymore. It’s cold on the Wall. (Seite 3)

Kalt ist es auf der Mauer. Das ist die vorherrschende Empfindung, die Kavanagh durch jeden Tag begleitet. Gepaart mit einem nicht fassbaren Grauen und unbändiger Langeweile. Die Aussicht langweilt und auf der Mauer tut sich erstmal nichts. Er findet sich ein in den immer gleichen Trott, blickt in das verwaschene Grau eines jeden Tages. Kälte, Beton, Wasser, Himmel, alles bedrückt und erdrückt. Im ersten von drei Teilen tauchen wir ganz tief in diesen fremden Alltag ein. Was bedeutet es, Dienst auf der Mauer zu schieben? Wie funktionieren die Wachablösungen, wann und was gibt es zu essen? Worauf ist zu achten, wenn man auf das Meer schaut? Auch zarte Freundschaftsbande entstehen und machen den Alltag erträglicher.

„Die Mauer“ strotzt hier nicht vor Action, im Gegenteil. John Lanchester Schreibstil ist sehr ruhig und so wirkt auch sein Protagonist stets etwas distanziert von allem, was um ihn herum geschieht. Mit einer gewissen Melancholie denkt Joseph Kavanagh über sein Leben nach. Wirklich nah kommt man ihm nicht, seine Gefühle bleiben immer etwas, das man nicht recht greifen kann, er lässt sie unter Verschluss. Für manche mag das nicht mitreißend genug sein, doch genau das brachte mir die Geschichte der Mauer von Beginn an nahe. Anstatt auf mitreißende Effekte und emotionales Drama zu setzen, entfaltet sich die Geschichte äußerst behutsam und bedächtig.

Wouldn’t it be better to do that, to feel something other than cold and hunger and boredom and fatigue? Wouldn’t it be exciting to use that bayonet you clamp on your gun every morning? You’d get to find out something about yourself, what you are like when the worst happens. Wether you are still you. (Seite 42)

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„Die Mauer“ folgt den Regeln der Drei-Akt-Struktur, was für den Roman sehr stimmig ist, Es gibt eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss mit allen klassischen Charakteristiken. So gestaltet sich der Hauptteil auch am spannendsten von allen drei Teilen. Joseph Kavanagh wird an seine Grenzen gebracht und Stück für Stück entgleitet ihm das Leben, das er für sich als selbstverständlich erachtet hat. Diese Auflösung fand ich äußerst interessant, zumal man als Leser in diesem Teil auch viel mehr über die globalen und politischen Zusammenhänge erfährt. Wie kam es zu diesem Wandel? Wie lange existiert die Mauer bereits? Was existiert jenseits der Mauer? Auf viele Fragen erhält man Antworten, dennoch bleibt noch sehr viel der eigenen Fantasie überlassen – eine Tatsache, die ich persönlich sehr mag. So erlaubt der Autor dem Leser, seine eigenen Ideen und Vorstellungen in die Geschichte einzubauen und sie so individuell anzureichern.

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John Lanchester geht außerdem der Frage nach, wie es so weit kommen konnte, dass Großbritannien eine Mauer errichtete, die Strände verschwunden sind und verzweifelte Menschen um einen Platz zum (Über)Leben kämpfen. Kapitalismus und Konsum sind das Stichwort. Früher, so wird spekuliert, lebten die Menschen in einem derart unbeschwerten Überfluss, dass sie am Ende gar nicht mehr wussten, was sie wirklich brauchten und wollten. Ist es dieses Zuviel, dass die Menschen echte und wichtige Ziele aus den Augen verlieren ließ und letztendlich den Wandel brachte? Auch hier orientiert sich der Autor stark am Status quo, scheint es.

„The produce you could get before the Change,“ she said. „Everything, all the time. […] I think it must have been too easy, you know? […] It just makes you think, how did people know what to want? (Seite 73)

Am Ende entdeckt Joseph Kavanagh eine neue Welt, eine alternative Art zu leben. Dieser Prozess ist weniger nervenaufreibend als der zweite Teil, dafür aber weitaus faszinierender. Wir verlassen die Enge der Mauer und sehen mit eigenen Augen, was mit unserer so vertrauten Welt geschehen ist. Eine Stärke von John Lanchester ist es hier, mit wenigen Worten seine Umwelt und die Situation auf das genaueste zu schildern: Die beklemmende Weite des Meeres, die tägliche Sorge zu überleben, der ungebrochene Wille zu überleben, die Hoffnung und die zermürbenden Rückschläge.

Fazit

„Die Mauer“ von John Lanchester wirkt wie ein bedrückender Blick in unsere Zukunft. Als Folge des Brexits und Klimawandels hat Großbritannien eine Mauer um das Land herum errichtet, um Flüchtlinge anderer Nationen fernzuhalten. Frauen und Männer werden je für zwei Jahre als Wachen auf der Mauer eingesetzt mit dem Ziel, niemanden der „Anderen“ durchzulassen. Sie stehen dort mit dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment der Tod ereilen kann. Der Autor beschreibt dieses erschreckend realistische Szenario mit sehr viel Ruhe. Aber darin liegt tatsächlich eine Kraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Ich folgte Joseph Kavanagh auf die Mauer, ich spürte die Kälte und ich bangte wie er um sein Leben. Ein starker Roman, der nachdenklich zurücklässt.

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Die Mauer *

Die Mauer

lanchester-die-mauerJoseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer – und somit dem sicheren Tod – übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen.

John Lanchester geht in seinem neuen Roman alle Herausforderungen unserer Zeit an – Flüchtlingsströme, wachsende politische Differenzen und die immer größer werdende Angst in der Bevölkerung – und verwebt diese zu einer hochgradig spannenden Geschichte über Liebe und Vertrauen sowie über den Kampf ums Überleben.


Über John Lanchester

John Lanchester geboren 1962 in Hamburg, wuchs im Fernen Osten auf und arbeitete in England als Lektor beim Verlag Penguin Books, ehe er Redakteur der »London Review of Books« wurde. Daneben war er für Zeitungen und Zeitschriften wie »Granta« und »The New Yorker« tätig sowie als Restaurantkritiker für »The Observer« und Kolumnist für »The Daily Telegraph«. Er gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und führenden Intellektuellen Englands.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Klett-Cotta Verlag
Preis:
 24.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-608-96391-5
Erscheinungstermin: 31. Januar 2019
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Weitere Stimmen zum Buch


Kathrineverdeen | Kerstin von KeJas-BlogBuch | Uwe Kalkowski von Kaffeehaussitzer 

5 Gedanken zu “The Wall (dt. Die Mauer) von John Lanchester | Rezension

    1. Liebe Silvia,

      ich empfand es als sehr einfach, kann das aber auch schwer einschätzen, da ich teils englischsprachig aufgewachsen bin. Lanchester schreibt in kurzen, klaren Sätzen und auch das Vokabular ist nicht allzu exotisch 😉

      Liebe Grüße
      Anna

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      1. Oh, dann hast du einen ganz anderen Background. Super, mehrsprachig aufzuwachsen!
        Ich lese gerne englisch, brauche aber dreimal so lang wie auf deutsch

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  1. Gute Rezension.
    Nur deine Bewertung fehlt irgendwie. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es lesen möchte. Es macht den Eindruck, es ist schwerer Stoff, langweilig und zieht sich sehr in die Länge.
    Scheint jedoch eine gute spannende Story zu sein 🤔

    Gefällt 1 Person

    1. Danke. Nun, wenn du ruhige Romane nicht magst, ist das Buch eher nichts für dich. Ich mochte diese Unaufgeregtheit sehr, hier sind die Leser aber auch wirklich geteilter Meinung! Einige vermissen die Tiefe beim Protagonisten, anderen war die Geschichte zu langweilig. Für mich war es genau richtig, ich war extrem gefangen von der Stimmung und der Handlung 🙂

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