Schneetänzer von Antje Babendererde | Rezension

Antje Babendererde hat sich in einer Vielzahl ihrer Jugendromane der Kultur und der heutigen Situation der indigenen Bevölkerung Amerikas verschrieben. Von Mexiko („Wie die Sonne in der Nacht“) bis Kanada besucht sie „Indianer“ und beschreibt deren Geschichte und ihre Lebensbedingungen in einer von Digitalisierung und Globalisierung sowie vom Internet bestimmten Zeit. Babendererdes Porträts sind sensibel und authentisch, trotz der fiktiven Figuren und Handlung. Sie sind angereichert um einen spannenden Plot und jugendliche Figuren, die nicht nur dabei sind, sich selbst zu finden, sondern auch versuchen, trotz des Kulturkonflikts zueinander zu finden. Und so hat mich „Schneetänzer“ ebenso in seinen Bann gezogen, wie alle Werke von Antje Babendererde bisher.

Kurz vor seinen Abiprüfungen begibt sich Jacob auf eine Reise von Deutschland in den wilden Norden Kanadas, in die verschneite und von Wäldern umgebene Kleinstadt Moosonee. Hier leben fast ausschließlich Cree-Indianer und einer davon ist Jacobs Vater, von dem er bis vor Kurzem noch nichts wusste. Nun macht er sich auf die Suche nach seinem Vater, nach seinen Wurzeln, nach Antworten auf seine Fragen. Warum hat seine Mutter ihn all die Jahre belogen? Ist sein Vater wirklich ein verantwortungsloser Trinker, wie sie sagt? Und wird er sich wieder an seine Kindheit in Moosonee erinnern?

Es gibt Orte auf der Welt, die einen verändern können, doch dass ich mich an solch einem Ort befand, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Endstation, hatte das Mädchen gesagt. Für sie vielleicht, aber mir kam es plötzlich so vor, als stünde ich erst am Anfang meiner Reise. (Seite 24)

Die Figur von Jacob hat mir sehr gut gefallen. Er ist weder besonders mutig, noch besonders ängstlich, einfach durchschnittlich. Er ist freundlich und sensibel, er hat seine Überzeugungen, ist aber auch bereit, diese zu überdenken und zu relativieren. Auf seiner Fahrt in den Norden begegnet er Kimi, einer jungen Cree-Indianerin. Sie gibt sich wortkarg und unnahbar, man ahnt jedoch schnell, dass dies nur eine Fassade ist. Auch dieses Rätsel gilt es zu lüften, denn Jacob ist fasziniert von diesem Mädchen, das auf die Jagd geht und in der rauen Wildnis alleine mit ihrem Großvater lebt.

Wegen eines Unfalls verbringt Jacob unbeabsichtigt einige Zeit bei den beiden und lernt so viel über die Geschichte der Cree-Indianer sowie deren Kultur. In der Wildnis muss Holz gehackt werden, um es warm zu haben, in Deutschland dreht Jacob lediglich die Heizung auf. Um in der Kälte zu überleben, muss Jacob Fleisch essen, obwohl er überzeugter Vegetarier ist. Er erlebt das raue Leben, das im Grunde nichts anderes als ein Überleben ist. So ist die erste Hälfte des Romans eine Survival-Geschichte und ein Abenteuerroman. Die Autorin legt einen Schwerpunkt darauf, dass Jacob das Leben im Norden Kanadas kennenlernt und erfährt, wie sehr es sich von seinem bisherigen Leben unterscheidet. Und Jacob muss sich mit der Frage auseinandersetzen, ob er sich mit diesem Leben anfreunden kann.

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Ein weiterer Schwerpunkt ist die Familiengeschichte von Jacob, die untrennbar auch mit einem Unglück verwoben ist, mit dem Kimi in Verbindung steht. Hier ist Antje Babendererde gewohnt einfühlsam, eine ihrer großen Stärken, wie ich finde. Jede ihrer Figuren hat ihr Päckchen zu tragen, sei es Kimi, die einen großen Verlust erlitten hat, Jacobs Vater, der falsche Entscheidungen traf und diese jahrelang bereute, Jacobs Mutter, die nur das Beste für ihren Sohn wollte und das Gegenteil erreichte, und Jacob, der zwischen zwei Welten hin- und hergerissen ist und einer Wahrheit auf die Spur kommt, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Auch die Nebenfiguren sind alles andere als farblos, sie sind fein ausgearbeitet und einprägsam, auch wenn sie nur wenige Seiten des Buches füllen.

Alles war weiß, weiß, weiß. Oben, unten, Himmel und Erde durcheinander. Nichts war mehr sicher. Es gab keine Konturen oder Schatten und auch keinen Horizont mehr. Ich hatte das Gefühl, vom Schnee verschluckt worden zu sein. (Seite 64)

Lediglich eine kleine Kritik habe ich an einem Subplot, der zwar für die Entwicklung der Geschichte essenziell ist, bei dem am Ende meiner Meinung nach jedoch der Bogen überspannt wird. Die gefährliche Lage, in die dieser Subplot die Figuren versetzt, ist nicht notwendig, um die Geschichte zu einem runden Ende zu bringen.

Besonders positiv möchte ich abseits der Handlung hingegen noch die Gestaltung des Buches herausheben. Es wurde auf Plastikfolie verzichtet und auf Recycling-Umweltschutzpapier gedruckt, zertifiziert mit dem Blauen Engel. Ich finde es großartig, wenn sich ein Verlag und/oder Autoren in dieser Form für den Umweltschutz einsetzen.

Fazit

„Schneetänzer“ von Antje Babendererde ist ein einfühlsames Porträt der Cree-Indianer im Norden Kanadas, ihrer Kultur und ihrem Leben in der heutigen Zeit. Gleichzeitig ist es ein spannender Jugendroman, ein Abenteuerroman und eine Liebesgeschichte, in dem sich Jacob auf die Suche nach seinen Cree-Wurzeln begibt. „Schneetänzer“ ist vielschichtig, faszinierend und ergreifend. Der Konflikt der Kulturen wird anhand lebensnaher Beispiele gut herausgearbeitet, historische Fakten integriert Babendererde gekonnt in ihre Handlung. man spürt, dass sie die Orte, von denen sie schreibt, gesehen hat, und dass sie mit den dort lebenden Menschen gesprochen hat. Alles wirkt sehr authentisch und ist somit äußerst lesenswert.


Schneetänzer

babendererde-schneetänzerHals über Kopf, voller Wut und Enttäuschung bricht Jacob in den Norden Kanadas auf, in die unendliche Wildnis von Eis und Schnee. Dort will er seinen Vater finden und das Geheimnis seiner Herkunft lüften. Dass aus Schmerz jedoch Liebe werden kann, zeigt ihm die unnahbare Kimi, die ihrerseits an einem schweren Schicksalsschlag zu zerbrechen droht.

Alles, was Jacob über seinen Vater weiß, hat ihm seine Mutter erzählt. Dass sie ihn sein Leben lang belogen hat, erfährt er ausgerechnet von seinem Stiefvater, den er hasst. Was bleibt Jacob also übrig, als in die kanadische Wildnis zu reisen, ans andere Ende der Welt, um die wahre Geschichte seines Vaters und damit auch seine eigene zu erfahren? Denn wie willst du entscheiden, wer du bist, wenn du nicht weißt, wo du herkommst?

Als er lebensgefährlich von einem Bären verletzt wird, ahnt der Junge mit dem Wolfsherzen noch nicht, dass er dort, in der eiskalten Einsamkeit der wilden, ungezähmten Natur, der Liebe seines Lebens begegnen wird …


Infos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Arena Verlag
Preis:
 17.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-401-60441-1
Altersempfehlung: Ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 23. September 2019
„Schneetänzer“ beim Arena Verlag


Über Antje Babendererde

Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und arbeitete nach dem Abi als Hortnerin, Arbeitstherapeutin und Töpferin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Viele Jahre lang galt ihr besonderes Interesse der Kultur, Geschichte und heutigen Situation der Indianer. Ihre einfühlsamen Romane zu diesem Thema für Erwachsene wie für Jugendliche fußen auf intensiven Recherchen während ihrer USA-Reisen und werden von der Kritik hoch gelobt. Mit ihren Romanen „Isegrim“ und „Der Kuss des Raben“ kehrt die Autorin zu ihren Thüringer Wurzeln zurück.

7 Gedanken zu “Schneetänzer von Antje Babendererde | Rezension

  1. Liebe Anna,

    die Geschichte klingt ergreifend und vielschichtig. Allerdings muss ich echt sagen, dass das Cover mich an eine Weihnachtsgeschichte erinnert… Ich habe es völlig fehlinterpretiert. Gut, dass ich deine Rezension gelesen habe.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tina,

      bei Antje Babendererde schaue ich nie auf das Cover, muss ich gestehen. Mir reicht ihr Name auf dem Buchumschlag. Aber du hast Recht, jetzt, wo ich es genauer anschaue, könnte man es echt für eine Weihnachtsgeschichte halten. Ich bin sehr froh, dass du nun mehr weißt 🙂

      Liebe Grüße
      Anna

      P.S.: Die Geschichte spielt im Frühling 😉

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  2. Hey Anna,
    ich bin durch den spannenden Titel und das schöne Cover auf den Titel gestoßen und habe es schon auf meiner Leseliste stehen, aber deine Rezi hat mich darin bestätigt. Dankeschön! 🙂 Ich bin gespannt darauf, es irgendwann mal zu lesen.
    Liebe Grüße
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Yvonne,
      Titel und Cover machen auch wirklich neugierig 🙂 Ging mir genauso! Und die nachhaltige Gestaltung des Buches ist auch toll. Ich freue mich sehr, dass ich dir das Buch mit meiner Rezi noch zusätzlich schmackhaft machen konnte 🙂 Ich wünsche dir ganz viel Freude beim Lesen!

      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kat,

      ich bin gerade von einer kleinen Reise ohne WLAN zurück, daher jetzt erst meine Antwort 🙂 Ich danke dir für deine liebe Rückmeldung, ich freue mich sehr! Von Antje Babendererde lohnen sich wirklich alle Bücher, ihre Geschichten sind wundervoll 🙂 Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

      Alles liebe
      Anna

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