Orangen sind nicht die einzige Frucht von Jeanette Winterson | Rezension

In ihrem autobiografischen Roman und ihrem literarischen Debüt erzählt Jeanette Winterson von ihrer Kindheit und Jugend als „Pfingstlerin“. Veröffentlicht wurde es erstmals im Jahr 1985. Von ihrer Mutter als missionarisches „Projekt“ adoptiert, wächst Jeanette mit strengen Regeln auf, das Leben ist vollständig nach der Bibel ausgerichtet, die Gemeinde ein eigener Kosmos. Erst spät besucht sie eine öffentliche Schule und stellt im Zuge dessen erstmals ihr bisheriges Leben in Frage. Doch wie löst man sich aus einer Glaubensgemeinschaft mit äußerst konservativen Glaubensgrundsätzen? Denn für Mitglieder der Pfingstgemeinde sind Scheidungen tabu, ebenso Sex außerhalb der Ehe. Die Evolutionstheorie? Reines Teufelswerk! Und wer  homosexuell ist, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Was also soll Jeanette tun, als sie sich in ein Mädchen verliebt?

Ich wusste, dass Dämonen sich überall dort einschleichen, wo sich eine schwache Stelle zeigt. Falls ich einen Dämon hatte, so war Melanie meine schwache Stelle, aber sie war schön und gut und hatte mich geliebt. Kann Liebe wirklich den Dämonen gehören? (Seite 160)

Es gibt Bücher, mit denen wird man nicht warm, zu denen findet man keinen Zugang. So war es leider bei mir mit „Orangen sind nicht die einzige Frucht“. Ich hatte hohe Erwartungen an das Thema und an die gesamte Umsetzung. Ich erwartete eine kritische Auseinandersetzung mit Religion und ihrem Umgang mit Homosexualität. Und ich erwartete eine stärker werdende Protagonistin, deren eigener Wille im Laufe des Romans erwacht. Doch beides blieb weit hinter meinen Erwartungen zurück. In der gesamten ersten Hälfte des Buches erleben wir Jeanette in ihrem Alltag mit der schon beinahe wahnhaft gläubigen Mutter. Alles, was sie kennt, findet seinen Ursprung in der Bibel. Bücher und Bildung abseits davon, sind für Jeanette nicht zugänglich, Kontakt zu den meisten anderen Kindern im Ort wird ihr verboten, schließlich sind sie Heiden. Mit ihnen verkehren Mitglieder der Pfingstgemeinde nicht.

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Ich hatte meine Schwierigkeiten mit diesen Passagen. Denn in meinen Augen darf Religion niemals engstirnig und intolerant sein und isolierend wirken. Demnach war der Beginn des Romans für mich eine Herausforderung, die Mutter war mir konstant unerträglich, Jeanette’s Gedanken waren befremdlich, und auch der Vater bot keinen Ausgleich, er war nicht mehr als ein Statist, eine abwesende, passive Figur. Meine Hoffnung ruhte auf dem gedanklichen und physischen Ausbruch von Jeanette.

Ich konnte mir in diesem Augenblick nicht vorstellen, was aus mir werden sollte, und es war mir egal. Es war nicht der Jüngste Tag, sondern nur ein neuer Morgen. (Seite 202)

Als sie Melanie kennenlernt, entdecken beide zaghaft ihre Homosexualität, doch ein wirkliches, grundlegendes Hinterfragen der Pfingstgemeinde erfolgt nicht oder ich nahm es nicht als solches wahr. Jeanette bleibt ihrem Glauben treu, sie legt ihn lediglich weniger streng aus. Ihren grundsätzlichen religiösen Überzeugungen bleibt sie jedoch treu. In vielen Kritiken wird die Loslösung von Jeanette gefeiert, für mich war sie nicht konsequent genug. Zwar wird sie schlussendlich ausgestoßen, sie verlässt ihre Familie, doch den Rücken kehren kann sie ihr nicht vollständig. Sie bleibt mit ihrer Mutter verbunden, sie lässt sie nicht los.

Sie [meine Familie] hatte einen Faden um meinen Knopf gebunden, an dem sie zupfen konnte, wann immer es ihr gefiel. Ich kannte eine Frau an einem anderen Ort. Vielleicht würde sie mich retten. Aber was, wenn sie schlief? (Seite 259)

Tatsächlich ist es ein unglaublich schwieriger Schritt, die Pfingstgemeinde zu verlassen, berichten ehemalige Mitglieder, immerhin bricht man den Kontakt zur eigenen Familie für immer ab. Auch für Jeanette Winterson war dies kein einfacher Prozess. Wer sich über ihren Lebensweg informiert, wird schnell weitere Details darüber erfahren. So muss ich sagen, dass ich am Ende bewegter und berührter von der „Recherche“ zur Autorin war, als von „Orangen sind nicht die einzige Frucht“. Der Emotionalität, die dem Thema innewohnt, wird dieser Roman in meinen Augen leider nicht gerecht. Zu keiner Zeit habe ich wirklich mit der Protagonistin mitfühlen können.

Fazit

„Orangen sind nicht die einzige Frucht“ ist das literarische Debüt von Jeanette Winterson. In diesem biografischen Werk verarbeitet sie ihre Kindheit im Schatten einer streng religiösen Mutter. Als sie sich zu ihrer Homosexualität bekennt, wird sie aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen und beginnt, ihren eigenen Weg zu gehen. Mich persönlich konnte die Geschichte leider sowohl inhaltlich als auch emotional nicht abholen. Es fiel mir schwer, die religiöse Überzeugung zu akzeptieren, zumal die Protagonistin sich nicht in dem Umfang davon abwendet, wie ich es erwartet hatte. Zudem empfand ich die Figuren als kalt und unnahbar, so dass ich keine Verbindung zu ihnen aufbauen konnte. Von der Kritik gefeiert, konnte es mich nicht erreichen.


Orangen sind nicht die einzige Frucht

winterson-orangen-sind-nicht-die-einzige-fruchtVerlag (Copyright Cover): Kein & Aber Verlag
Preis:
 13.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-0369-5999-3
Erscheinungstermin: 10. September 2019

Klappentext: Die temperamentvolle Jeanette wächst als Adoptivkind bei fanatischen Mitgliedern der Pfingstbewegung auf. Für ihre Stiefmutter ist sie eine »Auserwählte«, die mit ihr gegen die sündige Welt kämpft und eine Missionarin für die Kirche werden soll. Doch Jeanette erfährt einen unerwarteten Sinneswandel, als sie sich mit sechzehn in eine junge Frau verliebt. Von ihrer Gemeinde und ihrer Stiefmutter für diese Liebe geächtet und zunehmend unsicher, warum der Glaube über dem Verlangen stehen sollte, verlässt sie schließlich ihr Elternhaus und die Kirche, um selbstbestimmt ihr Glück zu finden.

Autor*in: Jeanette Winterson, 1959 in Manchester geboren und in Lancashire bei evangelikalen Adoptiveltern aufgewachsen, veröffentlichte mit fünfundzwanzig Jahren ihren preisgekrönten Debütroman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“. Es folgten zahlreiche weitere Bücher, mit denen sie zu einer der angesehensten Autorinnen Großbritanniens avancierte. Sie ist mit zwei Romanen auf der Liste der „100 Greatest British Novels“ vertreten und wurde 2006 von der Queen zum Officer und 2018 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. 2019 wurde „Frankissstein“ für den Booker Prize nominiert. Jeanette Winterson schreibt regelmäßig für den „Guardian“ und lebt in den Cotswolds und in London.


Weitere Stimmen zum Buch

Hannah von queerBUCH | Ayse von Pages per Hour | Anna von Buchpost

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