Das Geheimnis von Shadowbrook von Susan Fletcher | Rezension

Um schon einmal den Ton dieser Rezension zu setzen: Dies ist mein Buch des Jahres 2019. „Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher überzeugt auf den verschiedensten Ebenen – sprachlich, inhaltlich, mit satten Figuren, die einem aus den Seiten heraus regelrecht entgegentreten. Schicksale, die berühren. Einer Geistergeschichte, die sich subtil und unbemerkt im Gedächtnis festkrallt und abends wieder den Weg ins Bewusstsein findet. Wendungen, die man nicht hat kommen sehen, die alles immer wieder völlig neu ausrichten. Eine klare, sinnliche Sprache, eine starke Protagonistin, die sich Herausforderungen mit messerscharfem Verstand stellt und dabei einen vollkommen neuen Blick auf die Welt erlangt. Ich war vom ersten Satz an gefesselt, wer es beendet hat, sehnt sich mitunter wieder an den Anfang zurück.

Jemand stand vor meiner Tür.
Ich rührte mich nicht.
Ich lauschte.
(Seite 129)

Susan Fletcher wurde bereits für ihren ersten Roman „Eve Green“ ausgezeichnet. Mit „Das Geheimnis von Shadowbrook“ legt sie ein faszinierendes und kluges Werk nach, das meiner Meinung nach ebenfalls mindestens eine Auszeichnung verdient. (Wenn nicht gar Hunderte.) Beim Lesen tun sich unzählige Welten auf: einerseits widmet sich Susan Fletcher dem Thema paranormale Phänomene, doch sie belässt es nicht dabei. Religion, der Glaube an ein Leben nach dem Tod, die Glasknochenkrankheit, an der Clara leidet, das Dorfleben, familiäre Konflikte, die Frage nach der eigenen Identität, exotische Pflanzen und die drückende Atmosphäre eines Sommers vor Ausbruch des ersten Weltkrieges – dies alles sind die Zutaten, die aus diesem Roman etwas ganz Besonderes machen. Alles steht zueinander in Beziehung, alles verwebt sich auf unerwartete Weise miteinander.

Die Sprache ist hierbei eine große Stärke der Autorin. Und eine feine Beobachtungsgabe. Sie kennt ihre Figuren, ihre ganz speziellen Eigenheiten, ihre Wünsche und Träume, ihre geheimsten Gedanken und Gefühle. Und sie schafft es, sie dem Leser zugänglich zusammen, nicht direkt und unmittelbar, sondern über Metaphern, über leise Anmerkungen, kurze Momente. Auf diesen Augenblicken ruht dann ihre Aufmerksamkeit und dennoch eröffnen sich beim Leser ganze Welten. Intim fühlt es sich an.

[…] Gerüchte entstehen und leben weiter, weil wir dafür sorgen. Wir glauben, was wir glauben, was wir wahrhaben möchten. (Seite 252)

Die Geschichte selbst entwickelt sich gemächlich, in der sommerlichen Hitze ist keine Eile angesagt. Auch Clara kann sich nur langsam und vorsichtig bewegen, mit ihrem von der Glasknochenkrankheit gezeichneten Körper. Und dennoch entsteht von Beginn an eine Sogwirkung, eine Spannung liegt in der Luft und immer, wenn man meint, die Ursache für diese Spannung zu kennen, ist doch alles ganz anders. Bis zur Auflösung tappt man wie Clara im Ungewissen – gibt es nun einen Geist auf Shadowbrook oder handelt es sich um Eindringlinge, die allen Bewohnern einen Streich spielen? Oder steckt gar etwas ganz anderes dahinter?

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Clara selbst wird in dieser Zeit auf Shadowbrook erwachsen. Das kühne, wissbegierige, wissenschaftlich denkende und wenig empathische Mädchen entwickelt sich zu einer jungen Frau, die erkennt, dass Menschen fehlbar sind und dass die Wissenschaft nicht immer die Antworten auf alle Fragen kennt. Sie lernt, sich in andere Menschen einzufühlen, sie lernt, sich selbst mit anderen Augen zu sehen, nicht als „Krüppel“, wie dies in ihrer Kindheit geschah. Und sie lernt die Liebe kennen.

Fazit

„Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher ist ein Roman, der so gehaltvoll ist, dass es eine pure Freude ist, ihn zu lesen. Die schwüle Vorkriegs-Atmosphäre, der subtile Spuk im Anwesen Shadowbrook, die tratschenden und gleichzeitig so verschwiegenen Dorfbewohner, das exotische Gewächshaus und die weitläufigen Gärten, Clara, die versucht, eine wissenschaftliche Erklärung für die nächtlichen Ereignisse zu finden – all dies macht den Roman inhaltlich für mich zu einem Meisterwerk. Hinzu kommt die unfassbar klare und gleichzeitig poetische und feinsinnige Sprache der Autorin. Durch sie werden Landschaften und Figuren lebendig. Für mich eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.


Das Geheimnis von Shadowbrook

fletcher-das-geheimnis-von-shadowbrookVerlag (Copyright Cover): Insel Verlag
Preis:
22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-458-17816-3
Erscheinungstermin: 28. Oktober 2019

Klappentext: Im Sommer 1914 wird die junge Botanikerin Clara Waterfield von London nach Gloucestershire gerufen: Sie soll auf einem Landsitz namens Shadowbrook den Aufbau eines Gewächshauses mit exotischen Pflanzen aus den Kew Gardens betreuen. Der Garten, in dem das Gewächshaus stehen soll, ist überwältigend, üppige Hortensien, Fingerhut und Rosen drängen sich um gepflegte Rasenflächen, auf den Teichen schwimmen Seerosen, alles scheint vor Leben geradezu zu sprühen. Doch das alte, mit Glyzinien bewachsene Wohnhaus wirkt seltsam abweisend, die meisten Räume stehen leer oder sind verschlossen, der Eigentümer Mr. Fox ist viel auf Reisen. Haushälterin und Dienstmädchen wirken verängstigt – denn nachts scheint es im Haus zu spuken. Doch Clara ist unerschrocken und glaubt nicht an Geister, und so macht sie sich daran, die Geheimnisse des Hauses zu ergründen. Und während sie sich immer tiefer in die Geschichte Shadowbrooks verstrickt, muss sie feststellen, dass dort nichts so ist, wie es scheint…

Autor*in: Susan Fletcher wurde 1979 in Birmingham geboren und lebt in Stratford-upon-Avon. Sie hat mehrere Romane geschrieben, gleich für ihren ersten, „Eve Green“, erhielt sie 2004 den Whitbread First Novel Award. Auf Deutsch erschien neben „Eve Green“ 2007 ihr Roman „Austernfischer“.


 

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