Karussell von Pavo Pejić | Rezension

Niemand mag 15-jährige Jungen, heißt es in „Karussell“ von Pavo Pejić. Schon gar keine Jungen, die mit Drogen, Sex, Pornovideos, Alkoholkonsum und Diebstahl ihre Grenzen ausloten und sie (natürlich) überschreiten. Für Paul und seine Freunde Dominik, Tobi und Marco, die manche Leser bereits aus „Pussykiller“ von Pejić kennen, sind diese Aktionen eine willkommene Ablenkung vom deprimierenden Alltag. Sie leben im Hamburger Stadtteil Dulsberg, der viele Jahre als ein Brennpunkt mit hoher Kriminalität und Arbeitslosigkeit galt. Vernachlässigt und gelangweilt treiben die Jungen durch die Tage, immer auf der Suche nach Spaß und Abenteuer, aber auch nach Liebe und Anerkennung.  „Karussell“ ist eine Retrospektive, zehn Jahre nach seinem Debüt-Roman „Pussykiller“ besucht der Autor seine Figuren erneut. Was anfangs als Schreibübung gedacht war, entwickelte sich jedoch rasch zu einem eigenständigen Roman.

Die Glocke zur ersten Stunde hörte ich noch, während ich mich langsam wieder von der Schule entfernte. Manchmal fühlte sich Schwänzen nicht wie Davonkommen an, sondern wie Weglaufen. (Seite 50)

Die Rückschau ist ein spannender Ansatz, denn wann hat ein Autor schon die Chance, seine Figuren noch einmal zum Leben zu erwecken? Eine Geschichte mit mehr Lebenserfahrung und einem gewissen Abstand neu zu betrachten? Die Geschichte ist die dieselbe: Tobis Mutter interessiert sich mehr für ihren Freund als für ihre Kinder und lässt sie die meiste Zeit alleine in der Wohnung. Marco wird von seinem Vater geprügelt und lässt seine 13-jährige Freundin mit anderen ins Bett steigen. Das wird fleißig mit dem Handy gefilmt. Dominik begleitet seine Freundin zur Abtreibung. Und Pauls Eltern stehen kurz vor der Trennung, sein Vater ist arbeitslos und lässt sich gehen, seine Mutter ist frustriert. Außerdem wird er das Schuljahr wiederholen müssen, die Lehrer haben aufgegeben. An welche Grenzen sollen sie sich also halten, wenn sie keine Grenzen aufgezeigt bekommen? Die Eltern sind überfordert oder begegnen ihren Kindern mit Gleichgültigkeit. Also klauen sie, sie schwänzen die Schule, sie nehmen Drogen, sie drehen Pornovideos.

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„Karussell“ bricht über einen herein wie ein Wasserfall. Dieser Roman ist ein Schwall an Erinnerungen, die ungefiltert und ungeordnet aus dem Erzähler herausbrechen. Sie tosen um einen herum, reißen einen mit sich. Es ist laut, es ist dreckig, es ist abstoßend und manche Passagen hauen einen um, wie ein kräftiger Kinnhaken. Manchmal wünscht man sich vom Erzähler eine Wertung, eine Erklärung, doch beides bleibt aus. Stattdessen liest sich „Karussell“ wie ein Protokoll, eine Erinnerung rüttelt die nächste wach, und immer bleibt Paul der Beobachter, der dem Treiben teilweise staunend zuzuschauen scheint. Er lässt sein Leben geschehen. Das forderte mich ungemein heraus, denn einige der Szenen sind unangenehm und schwer zu verkraften.

Ich fühlte mich klein, winzig, ich wünschte, zu verschwinden, mit den Fingern zu schnippen und mich aufzulösen. Dass mich niemand kennt und keiner an mich denkt, sich nicht an mich erinnert und niemand mich sehen kann. Vor was versteckst du dich, fragte Dominik. (Seite 72)

Was also macht den Reiz von „Karussell“ aus? Schön ist sicherlich nichts daran. Zudem verlor ich manchmal die Orientierung, wusste nicht, vom wem gerade die Rede war. Doch das Gefühl, das Pavo Pejić vermittelt, ist immer echt und darauf kommt es mir in Büchern am meisten an. Das macht „Karussell“ lesenswert. Wie der Autor vom Aufwachsen dieser Jugendlichen berichtet, ist authentisch, was sicherlich in Teilen darauf zurückzuführen ist, dass Pejić das Milieu kennt, er wuchs ebenfalls in Dulsberg auf.

Das Cover gibt der Geschichte einen passenden Rahmen – eine Katze auf einem Dach, in der Schwebe und weit weg vom harten Boden der Tatsachen. Und man stellt sich automatisch die Frage: Wird sie loslassen und springen oder bleibt sie, wo sie schon immer war? Für mich ist das Cover ein Sinnbild für Paul und seine Entwicklung. Er beobachtet, wie seine Freunde sich von ihm entfernen, die Schule wechseln, sich weiterentwickeln, auf gute oder schlechte Weise. Er bleibt zurück und hat die Wahl – welchen Weg wird er wohl einschlagen?

Fazit

„Karussell“ von Pavo Pejić ist eine Retrospektive des Debüt-Romans „Pussykiller“. Erneut begegnet man Paul und seinen Freunden, erlebt ihren Alltag und ihre Probleme mit. Der Autor gibt seinem Text wenig Struktur, es gibt keine Kapitel, dafür viele Gedankensprünge. Es ist daher kein Roman für nebenher. Er fordert die Aufmerksamkeit des Lesers, aber auch starke Nerven. Denn was die Jungen erleben und anstellen, ist bisweilen schockierend und absolut nicht jedermanns Sache. „Karussell“ ist in meinen Augen insofern empfehlenswert, als dass der kurze Roman einen unglaublich ungeschminkten Blick auf eine Jugend wirft, die vernachlässigt wird, die sich selbst zumindest zeitweise aufgibt und desillusioniert dem nächsten Nervenkitzel und dem nächsten Rausch hinterherjagt. Wer eine romantisch angehauchte Coming-of-Age Geschichte sucht, ist hier fehl am Platz.


Karussell

pejic-karussellVerlag (Copyright Cover): Books on Demand
Preis:
6.95 Euro
Format: Paperback
ISBN: 9783749431656
Erscheinungstermin: 31. Juli 2019

Klappentext: Genau zehn Jahre nach „Pussykiller“ lässt Pavo Pejic seinen Erzähler Paul sich erinnern: An den Geschmack des erstes Bieres, wenn man fünfzehn Jahre alt ist, und an den Geruch von Mädchen. An Schuleschwänzen in der Hoffnung, davonzukommen. Eltern, denen alles zu entgleiten droht. Und vor allem an seine Freunde und wie Paul sich dagegen stemmt, dass sie sich von einander entfernen. Aus einem anderen Blickwinkel erlebt er die Geschehnisse noch ein Mal mit und berichtet dabei von der Sehnsucht, unterwegs zu sein, ohne irgendwo anzukommen.
Rasant, optimistisch und mit Gespür für die wichtigen Details schildert Pavo Pejic die neugierige Suche der Jungen nach Freiheit und den Wunsch, wegzulaufen, dem Bedürfnis, sich zu verstecken, und der Angst, zurückzubleiben. Die Erinnerungen daran sind wie Träume – ineinander gewoben, mit fließenden Übergängen, dann grell und laut, Erinnerungen durch Geräusche, Konturen, Gefühle.
Das titelgebende Karussell, die Drehscheibe, wird zum Symbol für Herunterspringen oder Weitermachen, für Festhalten oder Loslassen. Mit dem Abstand von Jahren will Paul verstehen, was vorgefallen war, was diese Geschichten ausmacht, und wie sicher er sich in ihnen sein kann.

Autor*in: Pavo Pejic, Jahrgang 1984, lebt in Hamburg. Sein Debüt-Roman PUSSYKILLER ist 2009 erschienen.


Weitere Stimmen zum Buch

Kerstin von KeJas-Blogbuch

2 Gedanken zu “Karussell von Pavo Pejić | Rezension

  1. Woooow, das ist großartig besprochen!
    Richtig richtig ehrlich und ungeschönt, wie diese Geschichte an sich ist. Das Cover hatte mich auch zu vielen Assoziationen veranlasst und deine finde ich auch großartig.
    Lieben Dank fürs Verlinken, ich mache das heute auch noch bei mir :-*
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kerstin,

      oh danke 🙂 Mir hat deine Rezension wiederum riesig gefallen! Ich hatte beim Schreiben ständig deine Gedanken dazu im Kopf und musste mich richtig zwingen, bei meinen eigenen zu bleiben 😀
      Ich wünsch dir einen wunderschönen Sonntag und danke fürs Verlinken!
      Anna

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