Am Anfang eines Lebens von Hanna Hommes | Rezension

Die Rezension von „Am Anfang eines Lebens“ von Hanna Hommes wird ein Balanceakt, denn es ist eine fifty-fifty Angelegenheit. Ein Teil des Gesamtpakets gefiel mir gut, der andere Teil hingegen gefiel er mir leider nicht. Doch zunächst ein paar Worte zum Thema: Es geht um Katharina, eine junge Frau Anfang Dreißig, die ihr Leben, ihre Entscheidungen und schlussendlich auch sich selbst infrage stellt. Mit diesem Thema konnte ich mich gut identifizieren, denn in diesem Alter ist man meist im Beruf angekommen, vielleicht hat man schon eine Familie, und dann kommt die Frage: Bin ich eigentlich mit meinem Leben zufrieden? Und wenn nicht, welche Entscheidungen muss ich treffen und welche Folgen haben diese Entscheidungen? Auch ihre Beziehungen stellen Katharina vor viele Fragen. Wieso ist sie in einer Beziehung nie wirklich glücklich? Liegt es an der Beziehung, am Partner oder gar an ihr selbst?

Was hatte ich schon erreicht, eine Grundschullehrerin, die ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hatte, eine erwachsene Frau, die immer noch nicht wusste, wohin es in ihrem Leben gehen sollte, weil sie die wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben falsch getroffen hatte. (Seite 126)

Hanna Hommes schreibt über eine Frau, die im Zwiespalt zwischen Pflichten und Alltag und träumerischen Lebenszielen gefangen ist. Sie geht ihrer Arbeit nach, doch sie fühlt sich dem Druck der Verantwortung immer weniger gewachsen. Ständig sieht sie sich damit konfrontiert, Entscheidungen treffen zu müssen, alles ist anstrengend, alles ist ermüdend. Ihr größter Wunsch ist, dass ihr das alles abgenommen wird. Sehnsüchtig denkt sie an ihren Freund Jon, der immer wusste, was sie brauchte, der ihre Hand nahm und sie beruhigte, wenn es nötig war. Und der Entscheidungen für sie traf und sie durch das Leben leitete. Doch diese Beziehung zerbrach und keine der darauffolgenden kam an die Beziehung mit Jon heran.

So treibt Katharina mehr unglücklich als glücklich durch ihr Leben, und die Autorin vermag es, einfühlsam auszuarbeiten, dass man sich für seine eigenen Träume einsetzen und mutig sein muss, um zufrieden und glücklich zu sein. Man muss sich selbst akzeptieren und lieben, erst dann kann man auch in einer Beziehung aufgehen. Diese Thematik, dieses Hin und Her der Gedanken und den Kampf mit sich selbst, hat Hanna Hommes hervorragend zu Papier gebracht. Man befindet sich im Kopf der Protagonistin, man weiß um ihre Sorgen und ihre Selbstzweifel. Nur manchmal wurde es mir zu viel, da schwankte Katharina von einer Befindlichkeit zur nächsten und ich wollte sie am liebsten schütteln und ihr sagen, sie möge sich doch bitte endlich entscheiden. Abgesehen davon ist Katharina jedoch eine greifbare und interessante Figur.

…du hast mich vollkommen gemacht, die Teile in mir verklebt, die sonst in die Brüche gehen würden und wenn ich dabei war, zu zerfallen, zeigten mir deine Hände, wer ich war und wo ich überhaupt anfing und wo ich aufhörte und plötzlich machte alles Sinn. (Seite 89)

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Nun dazu, wie die Geschichte erzählt wird. Hanna Hommes verwendet Hypotaxe, also verschachtelte Sätze, gemeinhin auch als Bandwurmsatz bekannt. Auf den wenigen Seiten der Leseprobe fand ich die Verwendung charmant und auch spannend, denn sie hat zur Folge, dass ich extrem im Kopf der Protagonistin verankert war. Ihre Gedanken, komplex, ungeschönt und echt, strömten in meinen eigenen Kopf und setzten sich da fest. Doch was bei drei Seiten interessant ist, verlor für mich leider auf insgesamt 364 Seiten seinen Charme. Hinzu kommt, dass Hanna Hommes keine direkte Rede verwendet.

…und ich konnte auf einmal auf mich herabschauen und mich betrachten, meinen geschwächten Körper, der nicht mehr weiterwusste, der weder richtig anwesend noch ganz weg war und ich wusste, dass dies kein guter Zustand war, dass es gefährlich war, dass ich mich verlieren konnte, wenn ich mich so hingab, ich musste mich mehr vo mir selbst schützen, vor meinen eigenen Gefühlen, durfte er nicht so weit kommen lassen, das ich mich so sehr einem Menschen übergab, und ich begann, zu sehen, dass ich auch etwas wert war, … (Seite 216)

Beides war ermüdend, ließ mich irgendwann nur noch angestrengt über die Zeilen fliegen, immer auf der Suche nach einem Fixpunkt für das Auge. Bei einem Roman dieser Länge sind Bandwurmsätze meiner Meinung nach ein absolut ungeeignetes Stilmittel. Dem Text fehlt es an Struktur, man wird als Leser rastlos und ungeduldig. So konnte ich mich im Verlauf des Buches leider immer weniger auf den Inhalt konzentrieren – sehr schade, denn an sich wäre es die Geschichte wert gewesen. 

Fazit

„Am Anfang eines Lebens“ von Hanna Hommes ist meiner Meinung insbesondere wegen des Schreibstils absolute Geschmackssache. Wer Bandwurmsätze nicht scheut, der wird sich mit diesem Roman wohlfühlen, sofern ihn das Thema anspricht. Wen verschachtelte Sätze stören, wird eher nicht glücklich werden. Ich zähle mich zu Letzteren, allerdings muss ich betonen, dass das Thema mir gefiel. Die inneren Konflikte, denen sich die Protagonistin ausgesetzt sieht, haben mich berührt und sie sind aus dem Leben gegriffen. Daher mein Fazit: der Schreibstil und in Teilen auch die Protagonistin konnten mich nicht überzeugen, das Thema an sich hingegen schon.


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Am Anfang eines Lebens

hommes-am-anfang-eines-lebensVerlag (Copyright Cover): Books on Demand
Preis:
10.90 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3749478545
Erscheinungstermin: 13. September 2019
Zur Leseprobe

Klappentext: Katharina ist Anfang Dreißig und lebt in Köln. Was für andere selbstverständlich ist, stellt Katharina in Frage: ihren Job als Grundschullehrerin, ihr Leben in Köln, ihre Beziehung zu Männern. Sie fragt sich, ob es irgendwann möglich ist, die eine, wahre Liebe zu finden. Und dann, plötzlich, ist sie da, die neue Chance. Aber ist Katharina in der Lage, das Wechselspiel von Nähe und Distanz, Freude, Leid und Trauer auszuhalten? Katharina führt in dieser Zeit viele Kämpfe – mit anderen und auch mit ihren Ängsten, Sorgen und den Fragezeichen in ihrem Leben: Wie möchte sie ihre Zukunft gestalten? Wo möchte sie leben und mit wem? Ist sie bereit, für einen Neuanfang ihr altes Leben aufzugeben?

Autor*in: Hanna Hommes wurde 1984 in Bergisch-Gladbach geboren. Sie arbeitet als Lehrerin für Englisch, Spanisch und Erdkunde an einem Gymnasium. Vor und während ihres Studiums hat sie in den USA, Australien und Spanien gelebt. Immer schon interessierte sie sich dafür, wie Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt ihr Leben gestalten. Auch die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Selbstbestimmung hat sie dabei begleitet. Heute lebt sie in Köln. Sie liebt es, fiktionale Charaktere zum Leben zu erwecken. Ihre Leidenschaft für Sprachen hat sie zu ihrem Hobby gemacht: Schon früh begann sie, Gedichte zu schreiben. Am Anfang eines Lebens ist ihr erster Roman.


 

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