The Wicker King von Kayla Ancrum | Rezension

Ich wage zu behaupten, dass niemand auch nur den Hauch einer Ahnung hat, worauf er sich mit „The Wicker King“ von Kayla Ancrum einlässt. Zumindest erging es mir so. Der Klappentext ließ mich eine vollkommen anders ausgerichtete Handlung erwarten, doch was ich stattdessen las, war intensiv. Dunkel. Mysteriös. Aufwühlend. Herzzerreißend. Die Krux an der Sache ist, dass man unter Umständen lange im Dunkeln tappt und den Kern der Geschichte nicht versteht. Doch das macht nichts, denn die Bilder und die Sprache sind so stark, dass man unweigerlich mitgezogen wird. Das Thema entfaltet sich schleichend, anfangs nur wenig greifbar, am Ende trifft es einen mit voller Wucht. Denn in der Welt von Jack und August verschmelzen Realität und Fiktion aus speziellen Gründen, die einem schier das Herz brechen. (Achtung, diese Rezension enthält Spoiler. Das Fazit ist spoilerfrei.)  

Jack pulled him in almost to his chest, then rested his head in the curve of August’s neck. „What would you do for me?“
August shivered while he thought up an answer. „I don’t know. Anything, probably.“
„Do you really mean that?“
(Seite 170)

Jack und August sind seit Kindertagen miteinander befreundet. Obwohl sie in der Schule separate Freundeskreise haben und den Kontakt zueinander meiden, haben sie eine enge Bindung zueinander. Der Grund dafür ist, dass sie eine Sache gemein haben: Vernachlässigung. Jacks Eltern sind beruflich viel auf Reisen, Jack ist teilweise über Wochen am Stück auf sich allein gestellt. August lebt mit seiner depressiven Mutter zusammen und während sie sich im Keller vor dem Fernseher verschanzt, musste er schon früh lernen, sich selbst zu versorgen, den Haushalt übernehmen, Verantwortung tragen. In der Schule zeigt er Leistung, bei seiner Kleidung legt er Wert auf Sauberkeit und Qualität. Alles muss seine Ordnung haben, sonst beginnt die mühsam errichtete Schutzmauer zu bröckeln. Er ist es gewöhnt, sich um andere zu kümmern, gleichzeitig braucht er jemanden, der ihm sagt, was er tun soll, dem er folgen kann. Hier kommt Jack ins Spiel. Er muss stark sein ohne seine Eltern, also ist er dominant. Er führt August und lässt sich gleichzeitig von ihm umsorgen.

But Jack wasn’t scared. He was angry. „You can’t just die so stupidly,“ he’d hissed. I need you. You’re mine.“ (Seite 60)

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Das klingt nicht ganz gesund? Ist es auch nicht. Sowohl Jack als auch August fehlt in ihren Familien ein Gefühl von Sicherheit. Also suchen sie diese Sicherheit bei dem jeweils anderen. Sie brauchen sich, aber nicht auf eine gesunde, sondern auf eine destruktive Weise. Co-Abhängigkeit nennt man das Verhaltensmuster von Kindern, die als „vergessene Kinder“ aufwachsen. Bei Eltern, die alkoholabhängig sind beispielsweise. Oder depressiv. Oder Eltern, deren Karriere ihnen wichtiger ist, als die eigenen Kinder. Also entwickeln diese Kinder Verhaltensweisen, mit denen sie glauben, den Erfordernissen gerecht zu werden. Das sind jedoch keine, die ihren kindlichen Bedürfnissen entsprechen. Diese Zusammenhänge erläutert die Autorin in einem berührenden Nachwort, das mir noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Geschichte ermöglicht hat.

August put the gasoline can down and waited. Jack lit his cigarette, holding it between strong white teeth before passing it over. Like a secondhand kiss on a breath of ash. (Seite 245)

Doch auch ohne sich dieser Zusammenhänge vollkommen im Klaren zu sein, erschließt sich vieles auch so. Jack und August empfinden so intensiv, dass man als Leser auch ohne ein VERSTEHEN die ganze Tragweite ihrer Erfahrungen und Erlebnisse FÜHLT. Wie Jack vermehrt Dinge sieht, die in Wirklichkeit nicht existieren. Wie August zu ihm hält und mit ihm gemeinsam versucht, eine Lösung zu finden. Wie sie dich in Gefahr begeben, um einander weiterhin die Sicherheit zu schenken, die sie so dringend benötigen. All dies beschreibt die Autorin in kurzen, rührenden Kapitel, die Szenen sind abgehackt und herausgelöst aus einem großen Ganzen, und dennoch fügen sich diese Fragmente irgendwann zusammen. Eine große Leistung von Kayla Ancrum, finde ich. Auch die Gestaltung des Romans ist mehr als beeindruckend. Die Seiten sind gefüllt mit Skizzen, Playlists und Notizen. Zudem verändert sich die Farbe der Seiten in Relation zum Fortschreiten der Handlung von Weiß zu Schwarz. 

Andere Figuren neben Jack und August sind verhältnismäßig unwichtig. Lehrer, Schulleiter und Eltern glänzen durch ihr Unvermögen, den Ernst der Lage von Jack und August zu erkennen und zu handeln. Freunde sind überfordert, sie versuchen zwar zu helfen, doch schlussendlich gelangen sie schnell an ihren Grenzen. Zudem sind Jack und August daran gewöhnt, alleine zurechtzukommen und sich nicht auf Eltern oder andere Erwachsene zu stützen. Alles spitzt sich beinahe unerträglich zu und trotz allem ist das Ende so, so wundervoll! Es bricht einem das Herz und setzt es einem gleichzeitig wieder zusammen.

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Fazit

Kayla Ancrum hat mit „The Wicker King“ ein beeindruckendes Werk geschaffen, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auf faszinierende, aber auch bedrückende und schmerzhafte Weise miteinander verschwimmen. Als Leser weiß man nicht, was einen mit dieser Geschichte erwartet. Es ist kein klassisches Jugendbuch, es ist aber auch kein Fantasy-Roman. „The Wicker King“ befindet sich in einer Grauzone dazwischen, ähnelt stellenweise sogar einem Psychothriller, und ich lege jedem ans Herz, dieses Buch zu lesen! Es ist einzigartig in seiner Gestaltung, sprachlich herausragend, und die Geschichte berührt auf so vielfältige Art und Weise, dass sie einem noch nach Wochen nachhängt.

 


Wicker King (deutsche Ausgabe)

Verlag (Copyright Cover): dtv Verlag
Preis:
16.95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-76233-5
Erscheinungstermin: 21. September 2018

Klappentext: Ein Brand in einer alten Lagerhalle. Am Tatort zwei Siebzehnjährige, einer davon (der vermutliche Brandstifter) mit Verbrennungen, die beide in die Psychiatrie eingeliefert werden. Einige Monate zuvor: In der Schule hängen August und Jack mit völlig verschiedenen Typen rum, privat verbindet die beiden aber seit Langem eine intensive Freundschaft. Doch Jack, Vorzeigeschüler, Spitzensportler, Mädchenschwarm, entwickelt immer stärkere Halluzinationen und driftet mehr und mehr in eine Fantasiewelt ab. In dieser ist er der König, der »Wicker King«, und August ist sein Ritter. Um Jack nah zu bleiben und zu verhindern, dass dieser sich endgültig in seiner Scheinwelt verliert, lässt sich August auf das Spiel ein: Er begibt sich gemeinsam mit Jack in dessen Fantasiewelt hinein und steuert sie beide damit genau auf die Katastrophe zu, die er verhindern wollte.

Autor*in: Kayla Ancrum wuchs in Chicago unter der rigiden Aufsicht des dortigen öffentlichen Schulsystems auf. Sie studierte Mode-Merchandising, doch nachdem sie zu viele Nächte mit zwielichtigen Literaturstudenten rumgehangen hatte, lockte sie ein Englischstudium. Derzeit lebt sie in Andersonville, und wenn gerade keiner aufpasst, schreibt sie während der Arbeit Bücher.


Stimmen anderer Blogger

Sandy von Nightingale’s Blog | Anna von Ink of Books | Charline von Bücherbrise | Sandra von nana – der Bücherblog | Kerstin von Booknerds| Jill von Letterheart| Hannah von queerBUCH | Diana von Lese Welle

3 Gedanken zu “The Wicker King von Kayla Ancrum | Rezension

  1. Hallo!
    Ich mag deine Rezension, die gibt mir nochmal einen anderen Blickwinkel auf das Buch. 😀
    Wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass ich finde, das die Autorin stellenweise etwas tiefer in die Probleme hätte rein gehen können. Gerade am Ende muss ich sagen, dass ich mir etwas anderes gewünscht hätte. Ein Ausblick, was aus den beiden wird oder so. Mir fehlte irgendwie etwas.
    Aber was du zur Gestaltung sagst ist wahr, einfach klasse!
    Ich werde deine Rezension direkt mal verlinken bei mir. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Diana, danke für die Verlinkung! Habe deinen Artikel auch direkt bei mir verlinkt 🙂
      Es sind gerade diese Lücken, die bei mir das Kopfkino auf Hochtouren laufen ließen. Ich liebe es, vieles zu ahnen und nur zu fühlen, statt alles zu wissen 🙂 Ich verstehe aber deinen Einwand sehr gut, ich hätte ebenfalls nichts gegen ein paar tiefere Einblicke einzuwenden und kann nachvollziehen, weshalb einem als Leser alles „fremd“ und unzugänglich bleibt.

      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

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