Gefesselt – Der Aufstand (Die verfallene Welt) von Elenor Avelle | Rezension

Der ursprüngliche Plan war: Rebecca wollte bei „Genetics“ das Verschwinden ihrer Schwester aufklären, Gill wollte beim Militär den strengen Fängen seines Vaters entkommen. Beide hatten sie ein klares Ziel vor Augen, doch was sie in „Gefesselt – Der Aufstand“ von Elenor Avelle erwartet – damit hätten sie in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet. Ein Virus hat fast die gesamte Menschheit befallen und in Zombies verwandelt. Sie wandeln auf den Straßen und greifen alles an, was noch menschlich ist. Die „Fresser“ werden sie bald nur noch genannt. Entwickelt wurde der Virus von „Genetics“, dem ruchlosen Unternehmen, in dem Rebecca arbeitet. Einem Unternehmen, das Versuche an Menschen betreibt, die moralisch, ethisch und rechtlich mehr als fragwürdig sind. Wie werden Rebecca und Gill diese neue, haarsträubende Aufgabe bewältigen?

(„Gefesselt – Der Aufstand“ ist der zweite Teil eines Prequel Spin-Offs zu „Infiziert – Geheime Sehnsucht„.  Hier findet ihr eine Rezension zum ersten Teil, „Gefesselt – Der Anfang„.)

Dieses Leben ist die Hölle.

Neben Rebecca und Gill haben nur wenige weitere Menschen die Apokalypse überlebt. Rebecca haben sich sogenannte Invitros, genmodifizierte Menschen mit besonderen Fähigkeiten, angeschlossen. Rebecca ist Dank des von ihr entwickelten Gegenmittels immun gegen den Virus, ebenso die Invitros. Dennoch sind sie nicht in Sicherheit, denn Reynell von „Genetics“ macht ihnen das Leben schwer. Er will Rebecca und die Invitros töten und bringt sie auf dem Unternehmensgelände in London immer weiter in Bedrängnis. Eine zermürbende Situation, die einen beim Lesen sehr mitnimmt. Kleine Details – das Fehlen einer Dusche, die Kälte, die Isolation, die fehlende menschliche Wärme – verstärken diese Empfindung. Die Atmosphäre ist bedrückend und hoffnungslos und das bringt Avelle hervorragend zum Ausdruck.

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Auch bei Gill sieht es nicht viel besser aus. Er befindet sich in Berlin und versucht mit seinen Freunden vom Militär und einer Handvoll weiteren Überlebenden herauszufinden, was geschehen ist. Hinzu kommt die Herausforderung, sich in einer Großstadt inmitten von Zombie-Horden zu bewegen. Diese Perspektive fand ich persönlich spannender als die Situation von Rebecca. Gill wird ins kalte Wasser geschmissen. Von jetzt auf gleich sieht er sich vollkommen anderen Lebensbedingungen ausgesetzt. Er muss rasch reagieren, Entscheidungen treffen, sich und die anderen schützen. Auch die Gemeinschaft rund um Gill fand ich facettenreicher. Beide Perspektiven ergeben jedoch ein sehr rundes Gesamtbild und man fiebert auf den Moment hin, wenn sich beide Seiten zusammenfügen.

Hieß es nicht immer, je älter man wurde, desto unflexibler wurde man? Gill zog ironisch einen Mundwinkel hoch. Unflexibel, was für ein seltsames Wort für die Unfähigkeit, sich mit dem Weltuntergang abzufinden.

Die Entwicklung der Hauptfiguren Rebecca und Gill sowie die der Nebenfiguren ist äußerst interessant. Wie überlebt man eine Apokalypse? Wie fühlt es sich an, fast ganz allein auf der Welt zu sein? Jeden Tag um sein Leben zu fürchten? Kämpfen und töten zu müssen? Familie und Freunde verloren zu haben? Elenor Avelle geht diesen Fragen auf den Grund, sie gibt ihren Figuren ein Schicksal und diese füllen es aus, machen es für die Leser lebendig.

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Verstärkt wird dies zusätzlich durch die Tatsache, dass Elenor Avelle wie auch bereits im ersten Band, nicht nur einen kleinen Ausschnitt einer veränderten Welt betrachtet. Ihre Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, die Welt verändert sich weiter, ebenso die Lebensbedingungen. Es geht nicht länger um das kurzfristige Überleben, sondern auch um das langfristige Weiterleben. Das kommt in vielen Dystopien zu kurz, da erwartet den Leser ein Happy End, sobald das Schlimmste überstanden ist. Doch was geschieht danach? Wie sich ernähren, sich waschen, schützen? Wo lebt man, wie bewegt man sich fort? Darauf findet Elenor Avelle kreative und realistische Antworten.

„Wie kommt’s, dass die Briten mit den Deutschen zusammenarbeiten?“ Glatze sah Jeanne an. „Und den Franzmännern.“ Er rümpfte die Nase. „Pardon, -frauen.“
„Die Apokalypse“, antwortete Gill.

Das Einzige, was mich ein wenig störte, war der ungemein niederträchtige Antagonist Glatze. Mit ihm kommt eine Brutalität hinzu, das mir persönlich nicht so gut gefällt. Natürlich braucht eine Geschichte neben ihren Helden auch ihre Gegenspieler, doch warum muss es immer ein sexistischer Macho sein, der vor nichts und niemandem Respekt hat? Großer Pluspunkt hingegen ist, dass Glatze wirklich und wahrhaftig ein Antagonist ist, den man – ebenso wie Reynell – nicht ausstehen kann. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Einführung von Glatze ein Erfolg auf ganzer Linie.

Darüber hinaus überzeugt in „Gefesselt – Der Aufstand“ so ziemlich alles. Fesselnd und mit genau der richtigen Prise Humor erzählt die Autorin ihre Geschichte. Und zu guter Letzt: Zwar gibt es im zweiten Teil des Spin-Offs diverse Liebesgeschichten, doch diese sind eine Selbstverständlichkeit – oder eine Notwendigkeit, wenn das Bedürfnis nach menschlicher Nähe überwältigend wird.

Fazit

„Gefesselt – Der Aufstand“ ist ebenso wie der erste Teil eine hervorragende Dystopie, die vor allem nicht großspurig daherkommt, sondern das Zombie-Szenario mit einer großartigen Ernsthaftigkeit betrachtet. Es wirkt alles ungemein realistisch, so dass man als Leser keinen Zweifel hegt, dass es tatsächlich zu einer Katastrophe kommen kann. Dementsprechend düster ist die Atmosphäre. Gleichermaßen mangelt es den Figuren jedoch nicht an Humor, allen voran Gill, was für eine ausgleichende Leichtigkeit sorgt. Hier stimmt einfach alles – Plot, Tempo, Spannung, Schreibstil, Figuren! Eine sehr gelungene Fortsetzung und eine Dystopie, die sich unbedingt in die Riegen der bekannteren Dystopien einreihen muss.


Gefesselt – Der Aufstand

avelle-gefesselt-der-aufstandVerlag (Copyright Cover): Books on Demand
Preis: 12.99 Euro
Format: Paperback
ISBN: 9783744885645
Erscheinungstermin: 5. Juli 2019

Klappentext: Auf den Straßen herrscht Chaos. Menschen verwandeln sich in blutrünstige Bestien. Während Gill und sein Team in Berlin ums Überleben kämpfen, lehnt sich Rebecca in London, gemeinsam mit den Gefangenen, gegen Genetics auf. Ein blutiger Krieg zwischen den genetisch veränderten Invitros und den Hightech-Söldnern der Firma beginnt. Um für das Überleben ihrer Leute zu sorgen, müssen Gill und Rebecca bis an ihre Grenzen gehen – und weit darüber hinaus.

Autor*in: Als Österreicherin mit internationalen Wurzeln wurde Elenor Avelle 1981 in Berlin geboren. Dort ist sie auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Zeichnen und Schreiben waren von Beginn an ihre größten Leidenschaften. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann, zwei Söhnen und tierischem Anhang in Baden und schreibt neben Romanen auch Artikel für ein Lokalmagazin.


Interaktive Leserunde

„Gefesselt – Der Aufstand“ habe ich im Rahmen einer interaktiven Leserunde mit diesen wundervollen Bloggerinnen gelesen: Anett von Anetts Bücherwelt, Janna von KeJas Wortrausch, Conny von Pink Anemone und Franzi von Literaturmix. Und natürlich immer mit dabei war Elenor Avelle. Vielen Dank für dieses großartige Erlebnis!


Weitere Rezensionen

Anett von Anetts Bücherwelt | Janna von KeJas Wortrausch

4 Gedanken zu “Gefesselt – Der Aufstand (Die verfallene Welt) von Elenor Avelle | Rezension

  1. Liebe Anna,
    vielen Dank fürs verlinken – habe ich auch mal getan!

    Ohja, ich finde die Atmosphäre auch ganz gut getroffen. Gerade solche Kleinigkeiten wie Isolation und das fehlen einer Dusche – das hat sie untergebracht, ohne das es zu banal wirkte.
    Und auch der Zeitfaktor ist sehr gelungen. Was mich anfangs verwirrt hat, fand ich dann doch recht gut.

    Auf jeden Fall freue ich mich nun auf den letzten Band und auf eine neue Leserunde.

    Liebe Grüße
    Anett.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anett,

      na klar, gerne! Und danke ebenso 🙂
      Bei dem ersten Zeitsprung war ich auch erstmal baff – es war so ein großer Sprung! Aber es funktioniert gut und man hat als Leser nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Richtig gut gelungen 🙂

      Auf den letzten Band freuen wir uns nun alle glaube ich sehr! Elenor muss sich beeilen 😉

      Liebe Grüße
      Anna

      Liken

  2. Huhu (=

    Oh ja, atmosphärisch fängt Elenor die Szenerie einer solchen Dystopie gut ein – und verliert dennoch nicht den Humor! Absolut gelungen miteinander verwoben ❤ Als ich damals mit der Reihe begann, war ich erst irritiert über die Zeitsprünge, jetzt liebe ich es, da so viel mehr eingefangen werden kann!
    Sehr guter Kritikpunkt, da bin ich selbst gar nicht drüber gestolpert! Warum immer Sexisten?!
    Ich bin Fan das es kleine Liebesgeschichten gibt, die dennoch wenig Raum einnehmen.

    Freu mich schon aufd en letzten Band der Prequel-Reihe!

    Meine Rezi kommt morgen, hab dich schon verlinkt :-*

    Gefällt 1 Person

    1. Die Zeitsprünge sind schon eine kleine Herausforderung, das stimmt 🙂 Ich glaube, ich wäre auch gänzlich verwirrt gewesen, wenn ich Infiziert vorher gelesen hätte 😀 So ging es dann einigermaßen.

      Und nun freuen wir uns ALLE auf den letzten Band! Das wird eine lange Wartezeit… 🙂

      Ich verlinke dich natürlich auch noch in meiner Rezension! ❤

      Gefällt 1 Person

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