Eisfuchs von Tanya Tagaq | Rezension

„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq klingt anspruchsvoll, emotional, bedrückend und gleichzeitig ungeheuer faszinierend. Eine Kindheit in Nunavut im Norden Kanadas in den 1970er Jahren, inmitten einer rauen und unnachgiebigen Natur, eine Gemeinschaft, die zerfällt, Kinder, die sich selbst überlassen und von Erwachsenen im Alkohol- und Drogenrausch missbraucht werden. Ein namenloses Mädchen, das versucht, in diesem Umfeld zurechtzukommen und sich selbst zu finden. Alles verwoben mit den Mythen der Inuit. Auch die Gestaltung des Buches ist wunderschön. Das schlichte, aber edle Cover, schwarz-weiße Illustrationen im Text und ein roter Farbschnitt. Doch leider lässt mich der Roman ausschließlich verwirrt zurück. „Eisfuchs“ war für mich eine verstörende und schwer verständliche Leseerfahrung.

So viel ist uns heutzutage entglitten. Die Schüler kichern und schielen nur darauf, ob sich die anderen für die Aufgaben interessieren. Wir kopieren die Worte unserer Vorfahren  auf die Papierpuppenversionen unseres Ichs, und alle fühlen sich irgendwie leer.

Viel liegt im Schreibstil der Autorin begründet, der äußerst extravagant ist. Sicherlich hat sich mir ein grobes Bild von der Handlung erschlossen, auch eine gewisse Stimmung übertrug sich auf mich, doch wird diese Handlung zu sehr von Gedichten, spirituellen Passagen und sagenhaften Erzählungen durchbrochen, als dass sie für mich ein schlüssiges Ganzes ergeben könnte. Die Geschichte, der gesamte Kontext, wurde mir zunehmend fremd. Die Gedanken, die Erlebnisse, die Hoffnungen und Erkenntnisse der Protagonistin wurden zunehmend abstrakt, ich konnte ihnen nicht mehr folgen. Ist sie anfangs noch orientierungslos und ängstlich, wird sie am Ende furchtlos und stark. Doch wie? Ich wäre gerne auf einer realen Ebene näher an ihr drangeblieben, um ihre Entwicklung besser verstehen zu können. Stattdessen driftet die Geschichte immer mehr ins Fantastische und Surreale ab.

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Es war schnell vorbei mit den quietschenden Bettfedern und den wimmernden Lauten. Das Ziehen in meinem Bauch verschwand und wurde durch Ekel ersetzt. Ich hatte nicht genug Mut, um noch einmal hinzuschauen. Ich tat einfach so, als wäre nichts geschehen.

Tanya Tagaq ist eine Performerin und Sängerin, die sich weitestgehend dem inuitschen Kehlkopfgesang verschrieben hat, diesen aber durchaus auch mit anderen Musikgattungen mischt. Das Ergebnis ist ein spiritistischer wie expressionistischer Ausdruck, der sich auch in ihrem belletristischen Debüt wiederfindet. Die Idee, dass ein Mädchen zu ihren Wurzeln zurückkehrt und in der Natur Heilung findet, so zumindest meine Interpretation von „Eisfuchs“, finde ich großartig. Doch zu viel Inhalt geht unterwegs verloren. Zu sehr fließen Natur und Mensch ineinander, was in teilweise sehr grotesken, abstoßenden und schockierenden Passagen zum Ausdruck kommt. Auch die Gedichte habe ich, bis auf wenige Ausnahmen wie diese hier, nicht verstanden.

Und so üben wir uns in Schmerz
Wenn er gerade nicht da ist
Wir erzeugen ihn und proben ihn
Wir hoffen unsere Stärke zu beweisen
Wir hoffen von Angst abzulenken
Wir hoffen zu überleben.

Vermutlich muss man sich auf einer ganz anderen Ebene auf diesen Roman einlassen – ich konnte es leider nicht. Das Lesen war anstrengend und wurde mit jeder Seite anstrengender. Am Ende habe ich nicht mehr ansatzweise gewusst, was wirklich geschieht, was Traumsequenzen sind, was mythologische Einschübe sind. Manchmal dachte ich, die Protagonistin sei einfach verrückt geworden. Es gibt auch keinen Ausgleich, keine weiteren Figuren, die mich besser in der Geschichte hätten verankern können. Die Eltern, die Freunde, die Mitschüler, alle bleiben blasse Schatten, die Erwähnung finden, aber niemals eine tragende Rolle spielen. Sie sind Randerscheinungen, die in der Wahrnehmung der Protagonistin verschwimmen.

International wird Tanya Tagaq für ihr Werk gefeiert, sie loben eben jene Vermischung von Mythologie und Realität. Ich verstehe auch, was an „Eisfuchs“ begeistern kann. Ich empfehle sehr, hierzu weitere Rezensionen, die ich am Textende aufgelistet habe, zu lesen. Für Leser, die sich gerne in derart extravagante, experimentelle Text einlesen, ist dieses Buch genau das richtige. Es bietet viel Raum zur Interpretation und wäre demnach sicherlich eine Bereicherung. Für alle, die wirklichkeitsnahere Geschichten bevorzugen, ist „Eisfuchs“ unter Umständen nicht die beste Wahl.


Eisfuchs

tagaq-eisfuchsVerlag (Copyright Cover): Kunstmann Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-95614-353-3
Erscheinungstermin: 11. Februar 2020

Klappentext: Ein Städtchen am Rande des Eismeers im Norden Kanadas. Eine Kindheit, geprägt von der übermächtigen Natur und einem sich auflösenden Zusammenhalt. Ein mutiges Mädchen, das die alten Mythen entdeckt und erwachsen wird. Tanya Tagaq erzählt poetisch, sinnlich, mit großer Kraft.
Der Winter ist vorbei und damit die Zeit, die die Kinder im Haus verbringen müssen, weil es draußen bitterkalt ist, hoch im Norden Kanadas, am Rande des Eismeers. Im Frühling haben die Kinder das Städtchen in der Hand, streunen auf der Suche nach Abenteuern durch die Straßen und durch die Tundra. Nach so wilden Abenteuern, dass sie dabei sogar das Leben riskieren. Die Erwachsenen sind mit eigenen Problemen beschäftigt und können keinen Halt bieten. Im Gegenteil.

Tanya Tagaq erzählt in diesem atemberaubenden Debüt von der Kindheit und Jugend eines Mädchens in der Arktis: von einer übermächtigen Natur, von den allgegenwärtigen Füchsen, den majestätischen Polarbären und den Mythen der Inuit. Unter den furchterregenden und verzaubernden Polarlichtern verschwimmen für das Mädchen die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Zeit und Raum, und sie begibt sich auf eine verstörend sinnliche Selbstsuche, um die Wunden zu heilen, an denen in einer sich auflösenden Gemeinschaft alle tragen.

Autor*in: Tanya Tagaq wurde 1975 in Cambridge Bay im heutigen Nunavut, Kanada, geboren. Als Performerin, Komponistin und Sängerin wurde sie mit ihren preisgekrönten Alben „Animism“ und „Retribution“ international bekannt. „Eisfuchs“ ist ihr belletristisches Debüt.


Weitere Rezensionen (Englisch & Deutsch)

„Tagaq’s unique use of narrative structure and her earthshaking voice made this one of the best books of 2018“ (candianart.ca)

„Split Tooth blithely gives typical literary expectations the finger, daring us to see and experience narrative as chaotic, emotional, and deeply instinctive. And it succeeds.“ (quillandquire.com)

„I recommend you read it without worrying about what’s true and what isn’t. Simply try to enjoy it for what it is; an engaging and emotional read.“ (ivereadthis.com)

„Tagaq’s surreal meld of poetry and prose transmutes the Arctic’s boundless beauty, intensity, and desolation into a wrenching contemporary mythology.“ (newyorker.com)

Tina von Kimono

2 Gedanken zu “Eisfuchs von Tanya Tagaq | Rezension

  1. Puh, ich bin also nicht die einzige, die sich mit diesem Buch etwas schwer getan hat! Das erleichtert mich ungemein. Ich kam mir stellenweise wie ein ungebildeter Prolet vor, nachdem ich die begeisterten Rezensionen gelesen hatte und dann in den Text geworfen wurde. Mit den Gedichten konnte ich wenig bis nichts anfangen. Die Geschichte an sich fand ich zwar spannend, wurde aber durch die ganzen skurrilen Dinge auch immer wieder rausgeworfen. Auf Instagram hat jemand neulich in seinen Storys Infos zum Residential School System und dem Völkermord der Inuit geteilt, so gesehen als Background zum Buch, da werde ich mich auch einmal einlesen, vielleicht wird mir dann einiges klarer.

    Gefällt 2 Personen

    1. Oh bin ich erleichtert!! Nach den ganzen überschwänglichen Rezensionen in Zeitungen & Co. habe ich wirklich sehr an mir gezweifelt 🙂 Ich kam mir auch extrem dumm vor. Es macht schon irgendwie Sinn, was die begeisterten Stimmen zum Buch sagen, ich verstehe deren Standpunkt sehr gut, doch für mich wurde das einfach nicht klar genug umgesetzt. Eigentlich sehr schade, denn wie du auch sagst – die Geschichte an sich ist spannend. Vielleicht lese ich mich auch nochmal tiefer rein, neugierig bin ich! 🙂

      Gefällt 2 Personen

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