Someone New von Laura Kneidl | Rezension

„Someone New“ von Laura Kneidl behandelt ein Thema, das tatsächlich – wie schon von so vielen Lesern gesagt – wichtig ist. Laura Kneidl schreibt vom Anderssein und von den Vorurteilen, die viele Menschen leider diesem Anderssein gegenüber haben. Vor allem aber schreibt sie darüber, wie wichtig es ist, allen Menschen mit Toleranz zu begegnen und zu akzeptieren, wer sie sind. Ohne Wenn und Aber, ungeachtet der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität. Wir sind alle gleich und wir haben alle das gleiche Recht dazu, glücklich zu sein in unserem Leben, egal, auf welche Weise wir es leben wollen, solange niemand anders dabei zu Schaden kommt oder verletzt wird. Ich hoffe sehr, dass durch Romane wie „Someone New“ besagte Vorurteile zunehmend der Vergangenheit angehören. Achtung, diese Rezension enthält Spoiler.

Egal, was ihr tut, bleibt authentisch. Es lohnt sich nicht, sich für andere Menschen zu verstellen. Deshalb ist es auch ganz wichtig, dass ihr auf euch selbst hört. Nur ihr wisst, was sich richtig und was sich falsch, was sich besser und was sich schlechter anfühlt. Tut alles dafür, dass ihr glücklich werdet. (Nachwort, Thorben Rump)

Im Kern ist „Someone New“ eine klassische „Boy meets Girl“ Geschichte. Micah stammt aus einem reichen Elternhaus und studiert ihren Eltern zuliebe Jura. Währenddessen sucht sie besorgt nach ihrem Bruder, der sich als schwul geoutet hat und prompt von den Eltern vor die Tür gesetzt wurde. In der Nachbarwohnung wohnt Julien. Er ist verschlossen und meidet den Kontakt zu seinen Mitbewohnern und Micah. Natürlich entwickelt sich zwischen den beiden jedoch eine zarte Freundschaft, die schon bald mehr zu sein scheint. Doch Julien schreckt immer wieder vor zu viel Nähe zurück und versteckt seine Narben, von denen Micah vermutet, dass sie von einem Unfall herrühren. Relativ schnell wurde mir beim Lesen jedoch klar, dass diese Narben von Operationen zur Geschlechtsumwandlung herrühren. Julien wurde im Körper eines Mädchens geboren. Dies tat der Spannung jedoch keinen Abbruch, ich wollte gerne erfahren, wie sich die Freundschaft der beiden entwickelt, sobald Julien sich Micah anvertraut.

Es gibt vieles, was ich an „Someone New“ mochte. Das Thema, der Schreibstil, einige Nebenfiguren. Doch es gibt leider auch ein paar Dinge, die mir nicht gefielen: Das Genre, die Protagonistin und die Figuren in ihrer gesamten Zusammenstellung.

Laura Kneidl hat einen sehr angenehmen Schreibstil, wodurch sich die Geschichte trotz ihres Umfangs entspannt lesen lässt. Irgendwie typisch für das Genre New Adult, finde ich. Doch so sehr der Schreibstil zum Genre passt, wie gut passt das Genre hingegen zum Thema Geschlechtsidentität? Diese Frage drängte sich mir mit jeder Seite, die ich las, mehr auf. Ich erlebe in meinem Alltag und vor allem via Social Media, wie sehr Frauen und Männer teilweise mit ihrem Outing Trans* zu sein – und natürlich auch danach -, zu kämpfen haben. Es ist kein einfacher Weg, sondern ein Weg, auf dem diese Menschen Vorurteilen, Unverständnis und sogar Hass begegnen. Es ist ein Thema, dass meiner Meinung nach mit viel mehr Ernsthaftigkeit behandelt werden müsste. Trotz aller Ambitionen, für die ich die Autorin feiere, wirkt „Someone New“ auf mich eher wie eine nette Romanze. Zwar erfährt man, dass Julien es in der Vergangenheit durchaus schwer hatte und er von seiner Familie verleugnet wird, doch genau hier hätte es noch mehr in die Tiefe gehen müssen.

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Neben Micah und Julien bereichern zahlreiche Nebenfiguren die Geschichte. Cassie, die Mitbewohnerin von Julien, mochte ich von ihnen am liebsten. Sie wirkt auf ihre zurückhaltende Art sehr authentisch und beinahe erfrischend „normal“. Denn tatsächlich erfüllen alle anderen Nebenfiguren eine Aufgabe: Sie bringen ein Maximum an Diversität in „Someone New“ hinein. Adrian ist schwul, Micahs beste Freundin ist eine junge Mutter, Julians Mitbewohner Auri ist eine Person of Colour. Auch die Eltern von Micah und Julien zeigen jeweils ein extremes Verhalten, indem sie sowohl Adrian als auch Julien aus ihrem Leben verbannen und ihre Existenzen leugnen. Diese Diversität ist super! Doch es wirkt in „Someone New“ etwas zu angestrengt konstruiert. Meiner Meinung nach wäre weniger mehr gewesen.

Kommen wir zu Micah und Julien. Mit Micah wurde ich leider warm, zwischenzeitlich ging sie mir sogar gehörig auf die Nerven. Ihre Unentschlossenheit, was das Studium angeht, das Verhältnis zu ihren Eltern, ihre Unfähigkeit, sich ihnen gegenüber von Anfang an durchzusetzen, ihre Unfähigkeit, ohne Bedienstete zurechtzukommen, ihre aufdringliche, herrische und allzu selbstbewusste Art, auf Julien und Cassie und Auri zuzugehen – das sind nur einige Dinge, wegen denen ich Micah nicht sympathisch konnte. Zugute halten muss ich ihr jedoch, dass sie sehr offen auf Juliens Geschlechtsumwandlung reagiert und sich in keinster Weise von ihm distanziert. Julien hingegen gefiel mir durchweg gut. Er ist einfühlsam, zurückhaltend und enorm hilfsbereit und die Entwicklung seiner Figur ist authentisch. Je mehr man über ihn erfährt, desto plausibler wird sein Verhalten, desto mehr fühlt man mit ihm mit.

Es fällt mir nicht leicht, diese Kritikpunkte anzuführen, vor allem nicht angesichts der vielen positiven Stimmen. Doch mich persönlich konnte „Someone New“ nicht in dem Maße überzeugen und berühren, wie es andere Leser berührt hat. Ich bin jedoch froh, dass diese Geschichte erzählt wurde und ich hoffe, dass noch viele weitere Geschichten dieser Art geschrieben werden, denn sie SIND wichtig. Hier stimme ich allen zu, denen „Someone New“ ohne Einschränkung gefallen hat.


Someone New

kneidl-someone-newVerlag (Copyright Cover): LYX Verlag
Preis: 12.90 Euro
Format: Paperback
ISBN: 978-3-7363-0829-9
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 28. Januar 2019

Klappentext: Ich mache mir ständig Gedanken darum, was andere Menschen von mir denken. Wen sie in mir sehen. Aber nicht bei dir. Bei dir kann ich ganz ich selbst sein.
Als Micah auf ihren neuen Nachbarn trifft, kann sie es nicht glauben: Es ist ausgerechnet Julian, der wenige Wochen zuvor ihretwegen seinen Job verloren hat. Micah fühlt sich schrecklich, vor allem, weil Julian kühl und abweisend zu ihr ist und ihr nicht mal die Gelegenheit gibt, sich zu entschuldigen. Doch gleichzeitig fasziniert Micah seine undurchdringliche Art, und sie will ihn unbedingt näher kennenlernen. Dabei findet sie heraus, dass Julian nicht nur sie, sondern alle Menschen auf Abstand hält. Denn er hat ein Geheimnis, das die Art, wie sie ihn sieht, für immer verändern könnte…

Autor*in: Laura Kneidl schreibt Romane über alltägliche Herausforderungen, phantastische Welten und die Liebe. Sie wurde 1990 in Erlangen geboren und studierte Bibliotheks- und Informationsmanagement in Stuttgart. Inspiriert von ihren Lieblingsbüchern begann sie 2009 an ihrem ersten eigenen Roman zu arbeiten. Nach einem längeren Aufenthalt in Schottland lebt die Autorin heute in Leipzig, wo ihre Wohnung einer Bibliothek ähnelt. Sie ist auf Instagram und Twitter (@laurakneidl) aktiv und tauscht sich dort gerne mit ihren Lesern aus. Weitere Informationen unter: www.laura-kneidl.de.


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3 Gedanken zu “Someone New von Laura Kneidl | Rezension

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