Marianengraben von Jasmin Schreiber | Rezension

„Marianengraben“ von Jasmin Schreiber erzählt eine Geschichte, die von Tod, Krankheit, Trauer und Depression handelt. Davon, wie ein Verlust so schwer wiegen kann, dass man tief in den Marianengraben hinabtaucht und man es aus eigener Kraft nicht schafft, wieder an die Oberfläche zu tauchen. Und doch steckt dieser Roman voller Lachen, Lebensfreude und Hoffnung. Und ist es nicht auch in Wirklichkeit so? Dass der Tod unausweichlich zum Leben dazugehört? Dass Trauer und Glück ganz nah beieinander liegen? Wir bewegen uns immer auf einem schmalen Grad zwischen diesen beiden Zuständen, verdrängen das Negative nur allzu gerne – bis wir jemanden verloren haben und uns die Vergänglichkeit von allem bewusst wird. „Man spürt erst etwas durch Veränderung“, sagte Jasmin Schreiber im Rahmen einer Lesung. Ein Gedanke, der ihren Roman durchdringt und so unglaublich faszinierend macht. Es geht um Veränderung des Lebens durch Verlust und Tod, es geht um die Verwandlung von Trauer zu Akzeptanz und es geht, ganz praktisch, um die Veränderung des Alltags. Begeben wir uns also gemeinsam mit den Protagonisten auf einen Roadtrip der Veränderung.

Ich hatte keine Lösung. In mir breitete sich das Nichts aus, es hatte kein Gefühl, kein Aussehen, keinen Geruch, keinen Klang, keinen Geschmack. Ich war ein Menschenkostüm, das Nichts enthielt. (Seite 13)

Ehe alles in Fahrt gerät, erleben wir als Leser den Stillstand. Paula hat ihren wissbegierigen und begeisterungsfähigen kleinen Bruder Tim verloren. Er liebte die Tiefsee und ertrank im Urlaub mit ihren Eltern. Seitdem hat sie nicht mehr richtig Fuß fassen können in ihrem Leben. Ihr Studium, ihre Freunde, ihre Wohnung, sie selbst – alles wird vernachlässigt, denn alles ist unwichtig angesichts des unfassbaren Verlustes. Doch noch schwerer als der Verlust, wiegt Paulas Schuld. Sie hatte ihrem Bruder nicht helfen können, sie war nicht da, als das Unglück geschah. Paula bleibt stecken in diesen Schuldgefühlen, sie kann weder vor, ihr Leben erfüllt weiterleben, noch zurück, ihren Bruder wieder lebendig machen.

Ob du an die Fische gedacht hast oder vielleicht an ganz etwas anderes? Hoffentlich nicht an mich. Bitte nicht an mich. (Seite 67)

In diesem Zustand begegnet sie Helmut, unter etwas kuriosen Umständen, nachts auf einem Friedhof. Helmut ist ein rüstiger, etwas ruppiger älterer Mann, die auf den ersten Blick absolut nichts gemeinsam haben. Und dennoch verbindet sie etwas, das spürt man auf Anhieb. Da ist etwas. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in den Süden, in die Berge, auf eine Reise durch die Trauer.

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Der Marianengraben begleitet einen beim Lesen als Metapher für Paulas Depression. Die dunkle Tiefsee, die Paula nicht loslässt, und gleichzeitig aber auch sinnbildlich für ihre Verbindung zu ihrem Bruder steht. Er liebte die Tiefsee, sie befindet sich in ihr, sie bleibt im so nahe, wie nur irgendwie möglich. Es bricht einem das Herz, wenn man Paula in Erinnerungen versinkt und schlicht und ergreifend nicht loslassen kann, nicht loslassen will.

Man erlebt die tiefen Gefühle so unmittelbar und ehrlich und offen, dass es mich zu Tränen rührte. Ach was, ich heulte. Nur um zwei Absätze später laut zu lachen. Viel liegt hierbei im klaren und gleichzeitig eindringlichen Schreibstil der Autorin begründet, ihr gelingt beides vollkommen überzeugend. Eine Friedhofsszene mit Slapstick ausklingen lassen? Das kann Jasmin Schreiber, ohne dass diese Szenen überzogen oder gar fehl am Platz wirken, im Gegenteil, sie bilden das perfekte Gegengewicht zur ernsten Thematik. „Ohne die lustigen Passagen könnte ich das Buch nicht lesen, ohne sie hätte ich es nicht schreiben können“, sagte Schreiber. Sie hält bewusst die Balance zwischen Trauer und Komik, sie zeigt dem Leser, wie reich an Emotionen das Leben ist und wie beides unumstößlich zusammengehört. Und am Ende wird alles gut? Das wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch so viel sei gesagt, die Figuren erleben einen Heilungsprozess.

Ich hätte dich vor dem Tod bewahren können. Da war sie wieder. Das war sie. Die Dunkelheit, die mir so unendlich in die Magengrube schlug. Das war der Marianengraben, er war das eigentliche Problem. (Seite 208)

Man spürt, dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Als studierte Biologin kennt sie sich mit Tieren und mit der Tiefsee aus, als ehrenamtliche Sterbebegleiterin ist ihr die Trauer nicht fremd. Für die Schilderung einer Depression greift sie in ihren eigenen Erfahrungsschatz zurück, lässt diese Erfahrungen zu einem Teil von Paula werden. Eine Figur, die, ebenso wie der kleine Bruder, ursprünglich übrigens gar nicht im Roman vorgesehen war. Der eigentliche Protagonist war und ist Helmut. Der eigensinnige und ungeheuer liebenswerte Helmut. Ich habe lange nicht mehr eine Figur so sehr ins Herz geschlossen, wie ihn.

Abschließend bleibt mir zu sagen, wir froh ich bin, dass dieser Roman entstanden ist. Denn geplant, war dies nicht: „Irgendwie ist das so passiert,“ sagte Jasmin Schreiber im Rahmen ihrer Lesung. Die Entstehung sei pures Chaos gewesen, doch am Ende kam ein Buch dabei heraus. Ich kann nur sagen: Ein Glück! Denn sonst würde in der Welt der Bücher etwas fehlen.

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Marianengraben

schreiber-marianengrabenVerlag (Copyright Cover): Eichborn Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Altersempfehlung: Ab 16 Jahren
Erscheinungstermin: 28. Februar 2020

Klappentext: Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt – auf die eine oder andere Weise.

Autor*in: Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkinder-Fotografin. Das Internet macht sie auf Twitter unter @LaVieVagabonde unsicher. Jasmin Schreiber lebt in Frankfurt am Main.


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