Feenstaub von Cornelia Travnicek | Rezension

Wer auf der Suche nach einer überraschenden und besonderen Geschichte ist, liegt mit „Feenstaub“ von Cornelia Travnicek schon ganz richtig. Fantasievoll und gleichzeitig mit bedrückendem Ernst, erzählt sie die Geschichte von Petru, Cheta und Magare, die als Taschendiebe die Schatzkiste ihres Krakadzil befüllen. Sie sind traurig und einsam. Sie vermissen Eltern, die sie entweder kaum kennen oder die sie nicht mehr haben wollen. Sie halten zusammen, aber nur weil sie müssen, nicht, weil sie Freunde sind. Sie leben isoliert und befolgen Befehle und Anweisungen. Freude bringt ihnen allein der „Feenstaub“, den sie zur Belohnung vom Krakadzil erhalten. Er macht alles ein wenig bunter und es fühlt sich an, als könne man fliegen.

Travnicek erzählt „Peter Pan“ nicht neu, sie nähert sich vielmehr wieder der Originalversion von James Matthew Barrie an. Darin ist Peter Pan böse, er hält die „Verlorenen Jungen“ bei sich auf einer Insel gefangen und wenn einige von ihnen zu alt werden, lichtet er die Reihen. Kurz gesagt, er tötet sie. Viele Details aus der Originalerzählung greift Travnicek auf, vor allem aber behält sie die düstere und bedrohliche Grundstimmung der ursprünglichen Erzählung bei, und webt daraus eine vollkommen neue Version von „Peter Pan“.

Es heißt, wenn man etwas Schönes denkt, an eine gute Erinnerung, während man den Feenstaub einatmet, könne man fliegen. (Seite 31)

„Feenstaub“ als Titel ist angesichts der Atmosphäre und des Themas folglich absolut irreführend. Feenstaub klingt fröhlich, leicht und verwunschen. Der Roman ist genau das Gegenteil. Die Stimmung übertrug sich unmittelbar auf mich, auch wenn ich zu Beginn noch Schwierigkeiten hatte, der Geschichte folgen zu können. Das lag an der Erzählweise von Travnicek, sie reiht kurze, intensive Szenen aneinander und erlaubt nur kurze Einblicke in das Leben der Jungen. Vieles bleibt unklar: Wo leben die Jungen? Wer ist der Kradazil? Anfangs weiß man nicht einmal, ob man sich in der Realität befindet oder in einer Fantasie- oder Traumwelt. Trotz all dieser Ungewissheiten fühlte ich mich von der Geschichte eingenommen.

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Das liegt maßgeblich an der Figur des Protagonisten Petru, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Es tut beinahe weh, seine Entwicklung in „Feenstaub“ zu verfolgen. Er betrachtet das Leben auf der Insel mit zunehmender Skepsis, er hinterfragt, er rebelliert und er sucht Kontakte außerhalb seines Umfelds und begegnet Marja. Eine zarte Freundschaft entspinnt sich, er erlernt die Sprache des Landes, er erlebt, was Familie sein bedeutet. Gleichzeitig spitzt sich jedoch die Lage mit dem Krakadzil zu, er verlangt Diebesgut, er schlägt die Jungen. Sie erleben einen Alltag, der geprägt ist von Lügen, Erpressung, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Gewalt. Es ist erstaunlich, wie die Autorin diese Gefühle mit so wenigen Worten zu transportieren vermag.

„Du bist vielleicht ein verlorener Junge, Petru, aber solange etwas verloren ist, bedeutet das auch, dass noch jemand danach sucht.“ (Seite 225)

Am Ende wird einem als Leser vieles klarer und die komplette Tragweite der Geschichte, die tatsächlich viel mehr in der Realität und unserer heutigen Zeit verwurzelt ist, als man unter Umständen vermutet hat, wird einem bewusst. Allem voran ist „Feenstaub“ aller Wahrscheinlichkeit nach eine Droge, vielleicht Kokain, die ihnen nur gegeben wird, um sie ruhigzustellen und gefügig zu machen. Denn die Jungen sind nicht freiwillig beim Krakadzil, sie wurden verkauft oder verstoßen, weil ihre Familien nicht genug Geld haben, um für ihr Kind aufzukommen.

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Aufschlussreich ist, so meine Vermutung, der Vorname Petru, der rumänischen Ursprungs ist. Es handelt sich bei Petru, Cheta und Magare also eventuell um Roma-oder Sinti-Kinder, die im Ausland unter schlechtesten Bedingungen und ohne Schulbildung leben. Sie sind Opfer eines Menschenhandels, dessen Anführer die Kinder zu kriminellen Aktivitäten zwingen. Und hier kommt „Peter Pan“ ins Spiel – denn nur solange die Kinder klein sind, können sie am erfolgreichsten betteln und stehlen. Sind sie erst erwachsen, fallen sie zu sehr auf, dann „lichten sich die Reihen“.

Die Stadt hat zwei Ufer an einem großen Fluss, und was dazwischen liegt, interessiert niemanden.
Wo wir sind, ist das Niemandsland. (Seite 242)

Je intensiver man sich mit „Feenstaub“ auseinandersetzt, desto faszinierender wird dieses Werk. Meiner Meinung nach hat Cornelia Travnicek mit diesem Roman etwas Großartiges geschaffen: Indem sie ein komplexes politisches und gesellschaftliches Thema auf eine neue Ebene gebracht hat, es aus der Sicht der Kinder erzählt, die weitestgehend gar nicht wissen, wie sie in diese Lage kamen und wie sie eigentlich versorgt sein sollten, trifft einen das Schicksal der Kinder noch viel tiefer. „Feenstaub“ ist enorm ausdrucksstark in dieser Hinsicht und rückblickend ist eben jene Ahnungslosigkeit, die einen beim Lesen anfangs begleitet, genau der richtige Weg, um nachempfinden zu können, was die Kinder fühlen und denken. Um die Lage von losgelöst im Niemandsland lebenden Kindern vollkommen verstehen zu können.


Feenstaub

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Verlag (Copyright Cover): Picus Verlag
Preis: 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-7117-2090-0
Erscheinungstermin: 29. Februar 2020

Klappentext: In einer Schicksalsgemeinschaft sind Petru, Cheta und Magare verbunden, gezwungen in ewiges Kindsein: Sie leben am Rande einer gesichtslosen Großstadt. Täglich müssen sie dafür sorgen, dass die Schatzkiste des Krakadzil voller wird. Der wird schnell ungehalten, wenn die Kasse nicht stimmt, und so rücken die drei Jungs aus, um denen wegzunehmen, die es am ehesten zu verschmerzen scheinen. Auszuhalten ist das für sie nur mit einer täglichen Ration Feenstaub.
Alles wird anders, als Petru Marja kennenlernt: Nicht nur lernt er mit ihr die Sprache der Stadt zu verstehen, er erfährt auch zum ersten Mal in seinem Leben, was Familie sein kann. Als den drei jungen Taschendieben ein Neuling zur Ausbildung übergeben wird, wechselt Petrus Leben ebenso wie das seiner Schicksalsgenossen noch einmal die Richtung…

Autor*in: Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Studium der Sinologie und Informatik, arbeitet als Researcher in einem Zentrum für ­Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. 2012 erschien mit großem Erfolg ihr Debütroman „Chucks“, der 2015 verfilmt wurde. Nach dem Roman „Junge Hunde“ (2015) und dem Gedichtband „Parablüh“ erschien 2019 ihr erstes Kinderbuch „Zwei dabei“ (illustriert von Birgitta Heiskel). Im Frühjahr 2020 erscheint im Picus Verlag der Roman „Feenstaub“. www.corneliatravnicek.com


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

4 Gedanken zu “Feenstaub von Cornelia Travnicek | Rezension

  1. Okay, der Titel hat mich gelockt! Dann schreibst du das dieser irreführend ist, aber was du skizzierst, reizt mich ebenfalls! Ich muss gestehen die Originalgeschichte von Peter Pan nicht zu kennen und ich habe nun öfters schon gelesen, das Peter alles ist, aber nicht freundlich – somit bin ich grundlegend neugierig, das Original zu lesen. Diese Adaption ist dank deiner Rezension nun auch im Fokus!

    Mukkelige Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. Mukkelige Grüße sind heute sehr willkommen 🙂 Ach was, immer! ❤ Ich möchte nach diesem Buch tatsächlich auch gerne die Originalgeschichte von Peter Pan lesen. Mir war nicht bewusst, dass das Original so sehr von der Disney-Version abweicht. Aber es hat Spaß gemacht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen 🙂

      Schicke dir auch viel Gemütlichkeit rüber!

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