Das Lied des Achill von Madeline Miller | Rezension

Lange Zeit waren Helena und Paris für mich der Inbegriff des Trojanischen Krieges aus der griechischen Mythologie. Das hat sich mit „Das Lied des Achill“ von Madeline Miller jedoch gründlich geändert, denn darin sind Achill und Patroklos die Hauptfiguren. Mit viel Gefühl nimmt die Autorin die Perspektive von Patroklos ein und erzählt von seiner Kindheit, seinem ersten Zusammentreffen mit Achill und der überwältigenden Liebe, die daraus erwächst. Dabei bleibt Miller der ursprünglichen Version weitestgehend treu, interpretiert diese jedoch auf ihre Weise, um eine vollkommen neue Geschichte zu erzählen – eine Geschichte von Liebe, Verzweiflung, Hoffnung und Schmerz.

„Es wird andere Kriege geben.“
„Aber keinen wie diesen“, sagte Diomedes. „Daran wird man sich auf alle Zeit in Legenden und Liedern erinnern. Ein Narr, der die Gelegenheit versäumt, dabeigewesen zu sein.“ (S. 188)

Die Worte von Madeline Miller treffen einen bis ins Mark, so zielsicher geht sie damit um. Sei es, um die innige Freundschaft und Liebe von Achill und Patroklos einzufangen oder im Kontrast dazu die Grausamkeit des Krieges zu beschreiben. Doch von Anfang an! Erst geht es zurück in die Kindheit von Patroklos, denn hier setzt die Geschichte ein. Wir erleben ihn als zurückhaltenden, zarten Jungen der sich lieber vor den anderen Jungen am Hof seines Vaters, des Königs, versteckt. Bloß kein Aufsehen erregen, ist seine Devise, denn allen ist bekannt, dass er eine große Enttäuschung für seinen Vater ist. Statt ihn zu akzeptieren, bewundert sein Vater Achill, der als Kind zu Wettkämpfen am Hof erscheint.

Auch an Patroklos geht der erste Anblick von Achill nicht spurlos vorüber, er ist zerrissen zwischen Neid und Bewunderung. Diese Einführung legt den Grundton der Geschichte, sie macht deutlich, wie das Leben die zwei jungen Griechen geprägt hat: Patroklos, der treue Freund von Achill, der immer in seinem Schatten zu steht, still und unscheinbar, und daneben Achill, der stets von allen bewundert wird und es nicht erträgt, wenn ihm Unrecht widerfährt und er in seiner Ehre verletzt wird.

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Ich betrachtete sein der Sonne zugewandtes Gesicht. Seine zarten Züge ließen ihn jünger erscheinen, als er war. Die Lippen waren voll und rot.
Er öffnete die Augen. „Nenn mir einen Helden, der glücklich war.“ (S. 122)

Es ist wundervoll, wie einfühlsam und greifbar die Figuren zum Leben erweckt werden.  Insbesondere liebe ich den Blick der Autorin auf ihre Figuren, die in „Das Lied des Achill“ viel weniger als Helden der griechischen Mythologie dargestellt werden, sondern vielmehr als Menschen, die versuchen, ihrem Schicksal zu entkommen und sich letztendlich doch widerwillig fügen müssen. So ist Achill zwar ein strahlend schöner Halbgott und ein begnadeter Kämpfer, doch wünscht er sich nichts sehnlicher, als ein friedliches Leben gemeinsam mit Patroklos. Letztendlich wird er aber doch von Odysseus und Diomedes überlistet und in den Kampf involviert – der Rest ist sozusagen „Geschichte“, aber eben auch eine große, tragische Liebesgeschichte.

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Unsere Welt war eine von Gewalt und der durch die gewonnenen Ehre. […] Für einen Prinzen gab es keine Wahl. Man musste kämpfen und siegen oder kämpfen und sterben. (S. 251)

„Das Lied des Achill“ erinnert mich in seiner Leidenschaftlichkeit an „Romeo und Julia“. Und ebenso wie Romeo und Julia, können auch Achill und Patroklos ihrem Schicksal nicht entgehen. Wo in der einen Geschichte die Familien an der Tragödie Schuld sind, mischen in der Mythologie die Götter mit. So oder so, mich hat die Autorin emotional vollkommen gepackt. Das gelingt ihr so gut, weil ihr Schreibstil herrlich illustrativ ist. Man fühlt die griechische Hitze, man riecht die Düfte von Ölen und den Geruch des Meeres, den Schweiß der Männer, den Gestank des Lagers nach Opfergaben. Ebenso spürt man die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden jungen Männern, die sich fortwährend weiterentwickelt. Da sind die anfängliche Unsicherheit und die rauschhaften ersten Wochen, später kommen Zweifel und Ängste hinzu, bis die beiden während des Krieges eine reife und kompromisslose Liebe verbindet.

Der Rhythmus der Erzählung ist ebenfalls großartig. Die Spannung wird konstant aufrechterhalten, aber immer wieder durchbrochen mit zahlreichen ruhigen und intimen Momenten zwischen Patroklos und Achill. Diese Momente sind das Herz von „Das Lied des Achill“, sie lassen diesen Teil der griechischen Mythologie lebendig werden.


Das Lied des Achill

miller-das-lied-des-achillVerlag (Copyright Cover): Eisele Verlag
Preis: 16,99 Euro
Format: Klappenbroschur
ISBN: 978-3-96161-082-2
Erscheinungstermin: 28. Februar 2020

Klappentext: Achill, Sohn der Meeresgöttin Thetis und des König Peleus, ist stark, anmutig und schön — niemand, dem er begegnet, kann seinem Zauber widerstehen. Patroklos ist ein unbeholfener junger Prinz, der nach einem schockierenden Akt der Gewalt aus seinem Heimatland verbannt wurde. Ein Zufall führt die beiden schon als Kinder zusammen, und je mehr Zeit sie gemeinsam verbringen, desto enger wird das Band zwischen ihnen. Nach ihrer Ausbildung in der Kriegs- und Heilkunst durch den Zentauren Chiron erfahren sie vom Raub der Helena. Alle Helden Griechenlands sind aufgerufen, gegen die Spartaner in den Kampf zu ziehen, um die griechische Königin zurückzuerobern. Mit dem einzigen Ziel, ein ruhmreicher Krieger zu werden, zieht Achill in den Feldzug gegen Troja. Getrieben aus Sorge um seinen Freund, weicht Patroklos ihm nicht von der Seite. Noch ahnen beide nicht, dass das Schicksal ihre Liebe herausfordern und ihnen ein schreckliches Opfer abverlangen wird.

Autor*in: Madeline Miller, 1978 in Boston geboren, wuchs in New York und Philadelphia auf, studierte Altphilologie und unterrichtete in Cambridge Latein und Griechisch. Für ihren Debütroman Das Lied des Achill wurde sie 2012 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet; er wurde in 25 Sprachen übersetzt. In ihrem zweiten Roman Ich bin Circe erzählt sie Circes Geschichte aus Homers Odyssee noch einmal neu – als die einer weiblichen Selbstermächtigung. Madeline Miller lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Philadelphia, Pennsylvania..


 

29 Gedanken zu “Das Lied des Achill von Madeline Miller | Rezension

  1. Hallo und herzlichen Dank für dieses tolle Gewinnspiel! Wenn ich an den Trojanischen Krieg denke, dann fällt mir als erstes der Film „Troja“ ein, den ich wirklich sehr mag. Er ist zwar historisch nicht hundertprozentig genau, aber die wesentlichen Elemente des Trojanischen Krieges – auch zu Achilles – finden sich alle wieder.

    Das Buch interessiert mich sehr und sehr gerne versuche ich deshalb mein Glück.

    Dem Blog folge ich per E-Mail-Abo.

    Liebe Grüße
    Katja

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  2. Liebe Anna,
    vielen Dank für deinen Einblicn in die Geschichte! Ich schleiche schon so lange um das Buch herum, und du hast mir jetzt den nötigen Schubs gegeben, es beim Gewinnspiel zu versuchen… 😊 Zuerst dachte ich, NATÜRLICH denke ich zuerst an das Trojanische Pferd oder an die superlange Verfilmung „Troja“, dann hatte ich aber sofort einige Liedzeilen im Kopf. Zu meiner Teenagerzeit war ich eine Weile vollkommen verliebt in das Lied „The Third Temptation if Paris“ von Alesana, sehr dramatisch, gefühlslastig und soweit ich weiß mehrstimmig von einer einzigen Person eingesungen. Also ist auch dieses Lied für mich unumkehrbar verbunden mit dem Trojanischen Krieg.
    Liebe Grüße, Hannah 😊

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Hannah,
      erstmal Danke fürs Folgen 🙂 Unfassbar, dass ich deinem Blog nicht auch schon längst per Mail gefolgt bin! Das habe ich schleunigst ebenfalls nachgeholt 🙂
      Das Lied werde ich mir gleich anhören! Du hast auf jeden Fall die spannendste Assoziation bisher 🙂

      Liebe Grüße
      Anna

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    2. Liebe Hannah, ich hatte dir so sehr die Daumen gedrückt, doch leider hattest du dieses Mal kein Glück beim Gewinnspiel. Aber halte die Augen offen, es wird hier sicherlich bald wieder eine Buchverlosung geben! Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag 🙂

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      1. Liebe Kerstin, leider hattest du dieses Mal kein Glück beim Gewinnspiel. Aber halte die Augen offen, es wird hier sicherlich bald wieder eine Buchverlosung geben! Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag 🙂

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  3. Hallo!
    Ich habe schon Ich bin Circe von Madeline Miller geliebt, weil sie einfach versteht, diese Welt lebendig werden zu lassen und deine Rezension von Das Lied des Achill ist einfach toll und wenn das Buch nicht schon auf meiner WuLi gelandet wäre, jetzt wäre es auf jeden Fall drauf. 😀
    Aber zunächst versuche ich mal mein Glück beim Gewinnspiel: Also Trojanischer Krieg, was fällt mir dazu als erstes ein? Ich muss ehrlich zugeben, dass mir das Odysseus als erstes in den Sinn kommt, denn ich habe schon früh die Odyssee von Homer gelesen und seitdem bin ich fasziniert von diesem Helden. Obwohl er natürlich nicht immer der nette Kerl ist.
    Liebe Grüße
    Diana

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    1. Liebe Diana,
      ich muss ‚Circe‘ nun unbedingt lesen! Es ist wirklich wundervoll, wie lebendig die Welt in ihren Büchern wird 🙂 ‚Das Lied des Achill‘ schafft das ebenso, würde ich sagen!
      Odysseus fiel mir tatsächlich auch neben Paris und Helena als erstes ein. Irgendwie spielte er in früheren Kontakten mit der Geschichte wohl eine wichtige Rolle… 😉
      Liebe Grüße und viel Glück!
      Anna

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      1. Liebe Diana, leider hattest du dieses Mal kein Glück beim Gewinnspiel. Aber halte die Augen offen, es wird hier sicherlich bald wieder eine Buchverlosung geben! Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag 🙂

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  4. Bei mir ist es neben dem Trojanischen Pferd die Schönheit Helenas. Die wird immer als überragend und strahlend geschildert und ich frage mich dabei immer, wie so etwas in der heutigen Zeit, wo ja viele Menschen gesund und gepflegt aussehen, beurteilt würde. Viele Grüße, Jana

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    1. Liebe Jana,
      stimmt, die Schönheit der Helena wird wirklich sehr ausgiebig beschrieben 🙂 Ein Vergleich wäre da sehr interessant!! Ich wünsche dir viel Glück 🙂
      Liebe Grüße
      Anna
      P.S.: Schreibst du mir bitte noch, wie du mir folgst, damit ich dich besser finden kann? Ich danke dir ❤

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  5. Hallo und guten Tag,
    ich hab das Buch schon auf meinem Wunschzettel, deswegen versuche ich mein Glück für diese tolle Neuauflage. Beim Trojanischen Pferd denke ich zuerst an List und Tücke, denn schließlich wird ja in der Mythologie auf diesem Weg eine Stadt erobert. 🙂

    Liebe Grüße und bleib gesund,
    Juliane

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      1. Huhu,
        ich folge die per Mail (koriko@gmx.de) und jetzt auch via Facebook. Ich kann gar nicht sagen, wie lange 😀

        Viele Grüße,
        Juliane

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