Aufzeichnungen eines Krokodils von Qiu Miaojin | Rezension

Um „Aufzeichnungen eines Krokodils“ von Qiu Miaojin in seiner ganzen Tragweite verstehen zu können, muss man mehr über die Autorin erfahren. Über ihr Leben, ihren frühen Tod mit 26, und die Zeit, in der sie lebte. Willkommen also im Taiwan der 1980er Jahre. Zu dieser Zeit ist Homosexualität verboten und strafbar und Menschen mit homosexuellen Neigungen werden als Monster angesehen, die außerhalb der „normalen“ Welt in Sünde leben. Seine Sexualität behält man folglich besser für sich, wenn man in der Masse nicht auffallen möchte. Ändern würde sich dies jedoch radikal in den nachfolgenden Jahren. Die LGBTQ-Bewegung erwachte immer mehr zum Leben, die Menschen wollten frei entscheiden, wen sie lieben dürfen und so kam es dazu, dass Taiwan im Jahr 2019 als erstes asiatisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe beschloss. Qiu Miaojin wurde 1969 geboren, 1987 bis 1991 besuchte sie die Universität. Ihre Jugend verbrachte sie als lesbische Frau also in einem enormen Spannungsfeld, das sie künstlerisch prägte. „Aufzeichnungen eines Krokodils“ erzählt davon.

Seit ich dich zum ersten Mal sah, wusste ich, dass ich dich lieben würde mit einer Liebe, die einem Raubtier, einem lodernden Flammenmeer gleicht. Aber es ist verboten! Es darf niemals so weit kommen! […] Sonst zerreißt es mich in einem Gemetzel, bis nur noch Fleischfetzen und Blut zurückbleiben. (S. 26)

Der Roman trägt autobiografische Züge, ist jedoch nicht mit dem Leben Miaojins gleichzusetzen. Diese Geschichte handelt von Lazi, einer jungen Frau aus einem vermutlich konservativen Elternhaus, deren Eltern hohe Erwartungen an sie stellen. Sie besuchte eine elitäre Schule, an der sie sich fehl am Platz fühlte, und versucht nun, ihren Weg an der Universität zu finden. Immer im Konflikt mit dem, was Eltern und Gesellschaft von ihr erwarten und dem, was sie sich in ihrem Leben wünscht. Lazi hat eine ungeheure kreative Energie, die sich darin äußert, dass sie nächtelang liest und schreibt. Doch nicht nur ihr Geist ist hungrig und ruhelos, auch ihre Seele ist es. Denn Lazi ist lesbisch und betrachtet sich selbst als Monster mit einem unstillbaren Appetit auf weibliches Fleisch. Sie sehnt sich danach und geißelt sich gleichermaßen dafür. Diese Zerrissenheit bringt die Autorin radikal zu Papier, man spürt den inneren Kampf, den Lazi mit sich ausficht, man spürt ihren Hass auf sich selbst. Dies sind sicherlich Gefühle, die Qiu Miaojin ähnlich empfunden hat, so echt und unmittelbar schreien sie den Leser aus den Zeilen heraus an.

Ich konnte dir unmöglich begreiflich machen, wie schmerzhaft es für mich war zu leben. Am Leben zu sein, war eine einzige große Sünde für mich. (S. 166)

Lazi leidet unter ihren Gefühlen, sie verletzt sich selbst und sie verletzt andere. Sich selbst verletzt sie, indem sie ihre Sehnsüchte verurteilt und sich körperliche Schmerzen zufügt, um sich wieder in der Realität zu verankern, um zu spüren, dass sie noch am Leben ist. Andere, insbesondere ihre Freundin Shuiling, verletzt sie, indem sie sich zurückzieht und sich von ihr trennt. Zu Shuilings Besten, denkt Lazi. Schließlich soll sie die Möglichkeit haben, sich von ihr, dem Monster, zu lösen, um mit einem Mann zusammen sein zu können. Immer tiefer gerät sie in eine Spirale der Zweifel und der düsteren Gedanken, phasenweise denkt sie an Selbstmord.

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„Aufzeichnungen eines Krokodils“ nur auf dieses Thema zu beschränken, wäre jedoch falsch. Denn obwohl Lazi sehr mit ihrer Homosexualität zu kämpfen hat, ist sie dennoch äußerst lebensbejahend. Sie möchte sich künstlerisch ausdrücken, sie knüpft Freundschaften, sie möchte lernen und lieben und eine Zukunft haben. Sie möchte nicht in Depressionen versinken und weist die Möglichkeit eines Selbstmordes die meiste Zeit über entschieden von sich. Vieles deutet daher darauf hin, dass es nicht nur ihre Homosexualität ist, die ihr zu schaffen macht. So hat sie den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen und auch ihre Kindheit scheint keine allzu glückliche gewesen zu sein.

Ich hatte keine Idee mehr, wie und auf welche Weise ich es schaffen sollte, weiterzuexistieren. Ich hatte kein bisschen mehr das Gefühl, am Leben zu sein, hatte den Faden zur Realität verloren. (S. 143)

Dieser Facettenreichtum hat mich sehr begeistert, man blickt tief in die Seele eines Menschen. Das gelingt vor allem, da Qiu Miaojin sprachlich ungeheuer direkt ist, sie schreibt „frei Schnauze“, ungezwungen und teilweise unbeherrscht. Angelegt ist „Aufzeichnungen eines Krokodils“ in Form eines Tagebuchs. Man liest die Notizbücher von Lazi, in denen sie all ihre Gedanken festhält. Sie schreibt von Erlebnissen mit Freunden, sie teilt Gedanken über die Welt, sie fasst ihre düstersten Augenblicke in Worte. Manchmal war mir ihre Sprache etwas fremd, mal stieß sie mich ab, doch immer passte sie so ungemein gut zu der Figur von Lazi, dass ich darüber hinwegsehen konnte.

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Hinzu kommen humorvolle Episoden über ein Krokodil, das sich als Mensch verkleidet und seine wahre Identität vor den anderen Menschen versteckt hält. Schließlich möchte es nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Lieber bleibt es in der Wohnung und isst seine Leibspeise, Windbeutel. Als es schlussendlich doch entdeckt wird, spaltet sich die Gesellschaft in diejenigen, die das Krokodil und andere seiner Art schützen wollen und diejenigen, die sie am liebsten wegsperren möchten. Das Krokodil benutzt Miaojin als Metapher für Homosexuelle und übt so auf humorvolle Weise Kritik an der Gesellschaft und der Politik. Eine großartige Ergänzung zum restlichen Werk.

In Asien wird „Aufzeichnungen eines Krokodils“ als Kultbuch gefeiert und Qiu Miaojin als LGBTQ-Ikone verehrt und auch ich kann es nur empfehlen. Wer sich umfassend über die damalige Zeit in Taiwan, die LGBTQ-Bewegung und die weiteren Werke der Autorin informieren möchte, dem lege ich außerdem die Dokumentation „Monmartre“ des Regisseurs Evans Chan ans Herz. Er zeigt Interviews mit Freunden, Bekannten und Lehrern der Autorin und erlaubt weitere spannende Einblicke in das Leben von Qiu Miaojin.


Aufzeichnungen eines Krokodils

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Verlag (Copyright Cover): Ulrike Helmer Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-89741-441-9
Erscheinungstermin: 1. März 2020

Klappentext: Taiwan in den 1980er-Jahren: Die Studentin Lazi liebt Frauen – und wehrt sich dagegen. Es ist schließlich verboten, Sünde, „verdorbene Nahrung“. Aber ihre Liebe zu der etwas älteren Shuiling wird zur Obsession. Die beiden ringen heftig mit- und umeinander. Als Grenzen verletzt sind, flüchtet Lazi zu einer Clique schillernder Außenseiter, aber auch sie kämpfen mit sich und dem Leben. Da taucht eines Tages ein Krokodil in Menschenkleidern auf, das gern Pelze streichelt und am liebsten Windbeutel frisst. Und es gibt immer mehr Krokodile!

Der leidenschaftliche, mit literarischen Formen wie Tagebuchnotizen, Aphorismen, allegorischen Einschüben sowie (Genre-)Grenzen spielende Roman einer großen chinesischsprachigen Autorin ist voller Scharfsinn und skurrilem Witz, erzählt aber auch ganz offen vom Schmerz ihrer Zeit.

Autor*in: Qiu Miaojin (1969-1995) studierte in Taipeh und ging für ein weiterführendes Studium der Klinischen Psychologie nach Paris, wo sie (u.a. bei Hélène Cixous) auch Gender Studies studierte, daneben schrieb sie und filmte. 1995 beging sie mit nur 26 Jahren Selbstmord. Die junge Autorin, die für ihre Kunst und ihre sexuelle Orientierung starb, aber für die Hoffnung und die Liebe lebte, avancierte durch ihre post­hum veröffentlichten Romane zur LGBTQ*-Ikone. Heute wird sie darüber hinaus als eine visionäre Schriftstellerin der Moderne wieder­entdeckt und literarisch gewürdigt. Qiu Miaojin schrieb, wie sie lebte: ohne Kompromisse.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

2 Gedanken zu “Aufzeichnungen eines Krokodils von Qiu Miaojin | Rezension

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