Hitze von Victor Jestin | Rezension

„Hitze“ von Victor Jestin ist mit seinen 160 Seiten ein recht kurzer Roman, der jedoch eine große Bandbreite an Themen beleuchtet. Es geht um das Gefühl von Verlorenheit, während alle augenscheinlich glücklich sind, um die erste (unglückliche) Liebe, um den teils skurrilen Alltag auf einem französischen Campingplatz und um einen gestorbenen Jungen. Victor Jestin hat in seinem Debütroman eine ganz besondere Stimmung eingefangen, mal bedrückend und deprimierend, alles wirkt wie erstarrt in der unerträglichen Hitze des Sommers. Dann wieder euphorisch und hoffnungsvoll, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Hinzu kommt die Last des Geheimnisses, das der 17-jährige Léonard mit sich herumträgt. Denn er hat beobachtet, wie Oscar starb und griff nicht ein, um ihm zu helfen. Die Intensität all dieser miteinander im Widerstreit liegenden Gefühle hat der Autor äußerst gelungen zu Papier gebracht.

Was mich insbesondere für den Roman eingenommen hat, ist die Figur von Léonard. Er gehört nicht dazu auf dem Campingplatz. Er verachtet das teils absurde Unterhaltungsprogramm auf dem Campingplatz, er verurteilt die Urlauber, die hier heile Welt spielen und so tun, als würden sie den Aufenthalt genießen. Er hasst die Partys und möchte auch nicht bei den Unternehmungen seiner Familie dabei sein. Seinen Körper versteckt er trotz der Hitze unter T-Shirts, statt zu seiner zierlichen Figur zu stehen. Er isoliert sich in dieser Urlaubszeit, er zählt die Tage, die Stunden vergehen zäh wie Kaugummi und er versucht durch lange Spaziergänge über den Platz die Zeit totzuschlagen. Nur ein Junge sucht den Kontakt zu ihm, doch er ist niemand, dessen Gesellschaft sich Léonard wirklich wünscht. Er lässt es über sich ergehen, passiv, er ist in der Lethargie gefangen und wartet auf das Ende des Urlaubs. Doch als er beobachtet wie Oscar stirbt, verändert sich alles.

Ich spürte, wie meine Unterlippe zu zittern begann und die Tränen der letzten Nacht versuchten, ihre Verspätung aufzuholen. In siebzehn Jahren kaum Dummheiten. Keine wirklich große Dummheit. Ich hatte nie betrogen, geklaut, geschlagen. Nur selten beleidigt. Hass und Wut hatte ich brav in mir angesammelt. (S. 30)

jestin-hitze-1

Seine Gefühle geraten immer mehr in Aufruhr, er schwankt zwischen dem Bedürfnis, das Erlebte zu verdrängen, dem Wunsch entdeckt zu werden und gleichzeitig der Angst davor, entdeckt zu werden. Als dann noch Luce, ein Mädchen vom Campingplatz, für kurze Zeit Interesse an ihm zeigt, ist seine Verwirrung komplett. Ich mochte die Verletzlichkeit von Léonard. Er trägt so viele Emotionen in sich und erlaubt sich zu keiner Zeit so richtig, sie rauszulassen. Er war immer der passive Typ und nun hat ihm seine Passivität ganz schön was eingebrockt. Wäre er aktiv gewesen und hätte er Oscar geholfen, wäre der restliche Urlaub ganz anders verlaufen. Doch es ist, wie es ist, und so gerät Léonard plötzlich in handgreifliche Auseinandersetzungen, er sucht den Streit mit anderen Jungen und mit seiner Familie, obwohl er sich gleichzeitig nach der allumfassenden Liebe seiner Eltern sehnt.

Oscar ist tot wegen mit, der sich nicht gerührt hat, und ich habe mich nicht gerührt, weil ich in dem Moment nicht konnte, ich wollte lieber sterben, so wie er, und wir sahen uns gegenseitig beim Sterben zu, während die anderen tanzten. (S. 121)

Sprachlich bringt Victor Jestin das Innenleben von Léonard mit einer wunderbaren Intensität zum Ausdruck. In anderen Medien wird die Figur von Léonard mit Holden Caulfield aus „Der Fänger im Roggen“ verglichen und ich stimme dem vorbehaltlos zu. Auch Holden irrt durch sein Leben, stets passiv und etwas orientierungslos, aber mit einem ironischen und trotzigen Blick auf die Welt. Dem steht Léonard wirklich in nichts nach.

Stilistisch ist der Roman ebenfalls sehr überzeugend. Für mich entwickelte sich der Tod von Oscar zu einer Metapher, die für das Leben von Léonard steht. Er lebt nicht, sondern er schaut zu, wie die Zeit seines Lebens vergeht. Das oben genannte Zitat habe ich hierbei als Schlüsselmoment erlebt, denn in diesem Augenblick findet er erstmals für sich eine Erklärung, weshalb er Oscar nicht geholfen hat. Dieser Satz hat mich sehr berührt, denn er zeigt deutlich, wie sehr Léonard sich und sein Leben im Grunde aufgegeben hatte und er erklärt rückblickend alle seine Handlungen und Gedanken. Nicht zuletzt deswegen ist „Hitze“ ein Roman, der noch lange in mir nachhallt. Auch das offene Ende trägt dazu bei, dass man sich weit über die Lektüre hinaus mit Léonard beschäftigen möchte.

„Hitze“ von Victor Jestin ist ein stilistisch, sprachlich und inhaltlich beeindruckender Coming-of-Age Roman, der lange nachwirkt. Für Leser, die „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger mochten und Entwicklungsromane lieben, die zum Nachdenken anregen, ist dieses literarische Debüt eine dringende Empfehlung.


Hitze

jestin-hitze

Verlag (Copyright Cover): Kein & Aber Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-0369-5828-6
Erscheinungstermin: 12. Mai 2020

Klappentext: Während seine Altersgenossen bei Rekordhitze feiern, trinken und unbedingt noch ein Mädchen klarmachen wollen, taumelt der 17-jährige Léonard alleine und übermüdet durch die letzten Stunden seiner Sommerferien auf einem französischen Campingplatz. Die Nacht zuvor steckt ihm in den Knochen: Er hat einem Jungen reglos beim Selbstmord zugesehen – ist dessen Tod also seine Schuld? Zugleich verwirrt ihn die verführerische Luce, hilflos und hingerissen ist er ihren schamlosen Spielchen ausgesetzt. Gefangen in seinen komplexen und gegensätzlichen Gefühlen, vermag Léonard seinem Delirium kaum zu entrinnen.

Autor*in: Victor Jestin, 1994 geboren, verbrachte seine Kindheit in Nantes und studierte anschließend am Conservatoire européen d’écriture audiovisuelle in Paris, wo er heute auch lebt. Hitze ist sein Romandebüt.


Weitere Stimmen zum Buch

Nadine und Alex von Letusreadsomebooks

Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

2 Gedanken zu “Hitze von Victor Jestin | Rezension

  1. Hallo Anna,

    ich habe das Cover öfter auf Bookstagramm gesehen und mich gefragt, was sich wohl dahinter steht.
    Du beschreibst es so gut, dass ich die Stimmung förmlich fühlen kann.
    Die Thematik ist natürlich heftig und die Melancholie des Protagonisten eine Art mit der man als LeserIn bestimmt erst zurecht kommen muss. Zumindest habe ich manchmal damit Probleme.
    Danke für die Rezi.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tina,
      ja, das Cover hat wirklich seine Runde gemacht auf Instagram 🙂 Ich habe auch oft Probleme mit zu heftigen Themen und zu viel Melancholie, doch hier passte es einfach, der Autor hat es sehr ergreifend und gleichzeitig nüchtern genug zu Papier gebracht. So hat es für mich funktioniert.
      Danke für deine liebe Nachricht!
      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s