Dunkelgrün fast Schwarz von Mareike Fallwickl | Rezension

Mit ihrem Debütroman „Dunkelgrün fast Schwarz“ wirbelte Mareike Fallwickl die Welt der Buch- und Literaturblogger durcheinander. Kaum ein Tag verging, an dem sich Leser*innen nicht mit überschwänglichen Meinungen zu diesem Werk äußerten. Grund genug, gespannt zu sein auf die Geschichte von Moritz, Raffael und Johanna, deren Bekanntschaft ich nun endlich persönlich machen durfte. Wie haben sie mir gefallen? Moritz, der zurückhaltende, stille junge Mann ohne Rückgrat, Johanna, die junge Frau voller Sehnsucht, Selbstzweifeln und Selbsthass, und Raffael, der über allem zu thronen scheint, der Menschen um sich herum quält und mobbt, nur um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Die Autorin beleuchtet auf äußerst berückende und bedrückende Weise die Dynamik dieser Dreiergemeinschaft.

„Dunkelgrün fast Schwarz“ ist kein Roman, mit dem man sich wohlfühlt. So zumindest mein starker Eindruck nach wenigen Seiten, der sich immer mehr erhärtete. Die Geschichte der drei Freunde, wenn man sie denn Freunde nennen kann, ist schmerzhaft und quälend, manchmal zaghaft schön, und sie erfordert eine Menge Geduld. Als Leser muss man ertragen, was Moritz ertragen hat und lange Zeit erträgt. Man muss mitfühlen, wie es Johanna mit Raffael ergeht und wie sehr eine Bindung an das eigene Leben bestimmt. Moritz und Raffael lernen einander im Kindergartenalter kennen, als Moritz mit seiner Mutter Marie und seiner kleinen Schwester in ein österreichisches Bergdorf zieht. Hier kennen sie niemanden, sie sind Zugezogene und finden keinen Anschluss. Tagein, tagaus sind sie allein, bis sie auf einem Spielplatz Raffael und seiner Mutter begegnen. Von da an nimmt das Schicksal seinen Lauf, denn fortan sind die beiden unzertrennlich.

„Kommst du mit mir“, sagte er leise, eindringlich, es war keine Frage
„Kommst du mit mir“, wiederholte er, und Motz wusste, er würde überall hingehen mit Raf, hinein ins Dunkel, hinaus ins Ungewisse, über seine Grenzen, überall, überall. (S. 120)

Was eine unbeschwerte Freundschaft zu sein scheint, zeigt jedoch schnell seine Schattenseiten. Raffael schikaniert seine Mitschüler*innen und seine Mutter und macht auch vor Moritz nicht halt. Gleichzeitig zwingt er ihn, als sein Freund an seiner Seite zu bleiben. Moritz ist sich dessen durchaus bewusst, doch wagt er nicht, sich aus den Fängen von Raffael zu befreien. Erst Johanna bringt Veränderung, sie wird Moritz Freundin und bietet Raffael die Stirn. Oder ist doch alles ganz anders?

Mareike Fallwickl spielt geschickt mit verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven und bindet Leser*innen emotional so sehr stark an ihre Figuren. Die Intensität hatte mich vollkommen unerwartet getroffen, mitten ins Herz und in vor allem in die Magengrube. Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven von Moritz, Johanna und Marie. Sie hat es schwer mit zwei Kindern alleine zu Hause, weil der Mann in einer anderen Stadt studiert. Man erlebt mit, wie sich die Fragen zu Erziehung und Freundschaften der Kinder in ihr auftürmen, als sie beobachtet, wie Raffael sich verhält. Wie sie hinterfragt, ob sie handeln sollte und wenn ja, wie. Diese Zerrissenheit konnte ich nachempfinden, ihre Passivität jedoch absolut nicht.

Sie waren nur zu dritt und drehten sich doch im Kreis. Motz wollte Jos Geheimnis ergründen, Jo wollte Rafs Geheimnis ergründen. Nur was Raf wollte, das schien keiner zu wissen. Und genau das war faszinierend. (S. 282)

Passiv ist auch Moritz bis ins Erwachsenenalter. Statt sich von Raffael zu lösen, sich gegen ihn aufzulehnen, lässt er sich von ihm drangsalieren und in seiner Eigenständigkeit unterdrücken – selbst in Jahren ohne Kontakt. Als Raffael und Johanna erneut in seinem Leben auftauchen, ist eine Explosion vorprogrammiert. Ab diesem Zeitpunkt bekommt „Dunkelgrün fast Schwarz“ Züge von einem Kammerspiel. Intim und konzentriert tritt der über Jahre schwelende Konflikt immer weiter zutage.

Besonders sprachlich und psychologisch fand ich diesen Debütroman bemerkenswert. Die Bilder sprechen für sich, sie sind ungeheuer treffend und aussagekräftig, gleichzeitig entführen typisch österreichische Ausdrücke in den Lebensalltag der Figuren. Diese wiederum sind fein gezeichnet, dass man sie in all ihrer Verschrobenheit verstehen kann, auch wenn es mir persönlich sehr schwer fiel. So nachvollziehbar die Figuren auch aufgebaut wurden, blieben sie mir doch durchweg in ihrer Instabilität und massiven Unsicherheit fremd. Nie konnte ich wirklich verstehen, weshalb sich Moritz und Johanna Raffael derart unterwerfen. Ständig verzweifelte ich an Marie, die ihren Sohn in keinster Weise in Schutz zu nehmen vermochte und sich stattdessen in ganz andere Dinge verzettelte. Ich hätte mir so sehr schon viel früher eine Gegenwehr gewünscht, einen Ausbruch. Doch vielleicht macht auch genau dieses Warten, dieses qualvolle Erleben, den Reiz des Romans aus. In jedem Fall ist diese Geschichte eine Reise, die es in sich hat.

„Dunkelgrün fast Schwarz“ von Mareike Fallwickl trifft Leser*innen in die Magengrube. Der Roman ist ein seelischer und emotionaler Kraftakt, der einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Er zeigt menschliche Abgründe und wie man sich daraus wieder befreien kann. Faszinierend geschrieben und fesselnd bis zum Ende.


Dunkelgrün fast Schwarz

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Verlag (Copyright Cover): Frankfurter Verlagsanstalt
Preis: 24.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 9783627002480
Erscheinungstermin: 5. März 2018

Klappentext: Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert. Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht. Mareike Fallwickl erzählt von Schatten und Licht, Verzweiflung und Sehnsucht, Verrat und Vergebung. Ihr packendes Debüt bringt alle Facetten der Freundschaft zum Leuchten, die Leidenschaft, die Sanftheit – und die Liebe, in ihrer heilsamen, aber auch funkelnd grausamen Pracht.

Autor*in: Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, arbeitet als freie Texterin, schreibt für eine Salzburger Zeitung eine wöchentliche Kolumne und betreibt seit 2009 einen Literaturblog. Sie lebt im Salzburger Land. 2018 erschien ihr literarisches Debüt »Dunkelgrün fast schwarz« in der Frankfurter Verlagsanstalt, das von Lesern gefeiert und unter anderem für den Österreichischen Buchpreis sowie das »Lieblingsbuch der Unabhängigen« nominiert wurde.


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3 Gedanken zu “Dunkelgrün fast Schwarz von Mareike Fallwickl | Rezension

  1. Das klingt unglaublich bewegend. Schon beim Lesen deiner Rezension, dachte ich: Oh je, du würdest wahrscheinlich die ganze Zeit heulen und nachdem Buch selbst eine Therapie brauchen. 😀 Das ist der Nachteil an solchen Geschichten. So gut sie sind und so bewegend, ziehen sie mich unweigerlich mit hinunter. Wie hast du dich nachdem Buch gefühlt?

    Gefällt 1 Person

    1. Du triffst genau den Punkt 🙂 Es ist erstklassig geschrieben und geplottet und die Figuren sind so toll ausgearbeitet, aber es macht einen so fertig, dass man es einfach nicht genießen kann. Ich habe sehr lange fürs Lesen gebraucht, musste das Buch immer wieder beiseite legen und eine Pause machen. Am Ende war ich einerseits fasziniert, andererseits aber auch einfach erleichtert, es hinter mir zu haben 😀

      Gefällt 1 Person

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